La Dispute haben noch lange nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht. Von vielen achtlos in die Screamo-Schublade gesteckt, liefern die Fünf aus Grand Rapids, Michigan seit Jahren fantastische Musik ab, die soviel mehr ist als das. Diese Band ist eine Offenbarung. Und ihr neues, drittes Album „Rooms Of The House“ bestätigt das nur noch einmal mehr.

ladisputeWer zur Einordnung Vergleiche oder Einflüsse braucht, dem helfen vielleicht Refused, At The Drive-In, Fugazi oder die Durchstarter 2013 Touché Amoré. Was La Dispute aber ausmacht ist nicht nur ihr genreübergreifender musikalischer Ansatz zwischen Post-Hardcore, Progrock und Screamo, sondern auch, dass Frontmann Jordan Dreyer ein unglaublich talentierter Geschichtenerzähler ist. Jeder Song eine echte Story. Manchmal gedichtartig, meistens aber romanhaft, geradezu stream-of-conciousness-mäßig. Alles sprudelt heraus. Emotional, intelligent und für den Zuhörer unheimlich fesselnd. Und wie sich diese beiden Parts, Text und Musik, mittels Dreyers Stimme (mal Geschrei, mal Spoken Word je nach Stimmung der Story/des Songs) zu einem Ganzen verbinden, ist das, was es so gewaltig macht. Das ist herausfordernd, aber eben auch sehr lohnend.

Denn wenn es am Anfang noch schier unmöglich scheint, diese Songs, geschweige denn ganze Alben der Band in ihrer Komplexität zu fassen, stellt sich irgendwann diese Befriedigung ein, wenn sich die Werke nach merhmaligem Hören plötzlich entfalten, entwickeln und einen mitnehmen. Das konnten sie zu Zeiten von „Somewhere At the Bottom of the River Between Vega and Altair“ (2008) und dem Nachfolger „Wildlife“ (2012) schon sehr gut. Beim neuen Album legen sie aber nochmal ordentlich einen drauf.

„Rooms Of The House“ – Wahrscheinlich ist es sogar ein Konzeptalbum im klassichen Sinne. Aber ohne den ganzen prätentiösen Bullshit, der so oft Teil des Konzepts ist. Zentrum aller Geschichten ist ein (fiktionales) Haus, und dessen (ebenfalls fiktionale) Bewohner. Die Räume dienen als Vehikel für die Geschichten, die erzählt werden sollen. In den elf Songs steckt viel von allen fünf Bandmitgliedern. Jeder hat das Haus gefüllt mit Gegenständen und Geschichten, die persönlich sind, emotional und eine ganz besondere Bedeutung haben, für den einzelnen oder für alle zusammen. Wie eine gemeinsame Reise durch die Vergangenheit, wird das Erlebte losgelöst von Zeit und Raum unter dieses eine Hausdach gepackt. Die Gegenstände, sind dabei die Anker, an denen die vielen Geschichten hängen. Wie ein bestimmter Geruch, der einen besonderen Moment zurückbringt, sind es hier der Küchentisch, die Kaffeemaschine, oder der Spiegel an denen sich die Erinnerungen aufhängen und zu Songs werden. „Tiny dots on an endless timeline go on and on and on“ heißt es in „Woman (In Mirror)“. So funktioniert Erinnerung.

„The intimacies we’ve come to share, the belated exchange of childhoods and ferocious times, and something else, a firm grip of another kind, a different direction, not back but forward – the grasp of objects that bind us to some betokening.“ –  Don DeLillo „Underworld“

Und so funktionieren das Album und seine Songs für seine Schöpfer gleich auf zwei Ebenen. Sie bündeln Erinnerungen von fünf Menschen zu einem Werk, dessen Entstehungsprozess von April 2013 bis Januar 2014 gleichzeitig zu einer neuen Fülle an Erinnerungen wird. Alles wird untrennbar miteinander verknüpft. Idealerweise kommt dann durch den Hörer noch eine neue Ebene dazu. Nämlich wenn wir das Album und die Geschichten durch welche Analogien auch immer zu unseren Erinnerungen machen. Weil wir die Songs vielleicht in bedeutungsvollen Momenten gehört haben oder auch einfach nur beim Kaffeemachen. Das ist vielleicht ambitioniert aber auch spannend. Und schließlich hat man doch immer noch die Wahl. Man kann diesem Album zuhören und sich voll darauf einlassen, man kann es aber auch einfach nur hören. Beides lohnt sich ungemein.

la disputeDenn auch musikalisch ist diese Platte ganz, ganz großes Kino. Mal zart, mal mit der gewohnten Wucht breiten sich die Songs aus. Mal hüllen sie einen behutsam ein, wie eine weiche Decke, mal katapultieren sie einen allein auf den Sims eines Hochhausdaches. Stimmungen, Stile und Tempi variieren je nach Geschichte. Und so folgt auf den noch etwas sperrigen Einstieg „Hudsonville MI 1956“ mit „First Reactions After Falling Through The Ice“ ein knackiger 2:30 Kracher mit einer unheimlich starken Melodie. Wenn „Woman (In Mirror)“ beginnt, denkt man an Radiohead zu „In Rainbows“ Zeiten. Was für ein Groove, was für ein großartiges Lied, auch wenn er einfach so komplett anders ist.
Man wird diesmal von Song zu Song überrascht, und so folgt auf das gechillte „Woman in Mirror“ mit „Scenes From Highways 1981 – 2009“ ein Stück das gefühlt 2-3 Mal die Gangart wechselt und nach hinten raus so schön Druck gibt, dass man die Live-Show kaum mehr erwarten kann. Wow. „For Mayor In Splitsville“, der Song zu dem die Band auch das erste Video rausschickte, hat mich anfangs als alleinstehender Song eher nicht so gekriegt. Jetzt, im Albumkontext macht aber auch der Sinn, auch wenns nicht mein Lieblingslied werden wird. Anwärter darauf ist (neben 4-5 anderen) immer noch „Stay Happy There“. Die erste Single vom Album, die auch schon länger digital verfügbar war, ist einfach nur fett, fett, fett. „Woman (Reading)“ knüpft stimmungsmäßig erst an „Woman (In Mirror)“ an, zieht aber dann gut an und liefert textlich einen der vielen Schlüsselmomente: „Sometimes I think of all the people who lived here before us/ How the spaces in the memories you make change the room from just blueprints/ to the place where you live/ When you leave here, when you go from a home/ you take all that you own but the memories echo“.
„Extraordinary Dinner Party“ kommt dann mit fast Pearl-Jam-artiger Melodie daher bevor „Objects In Space“ das Album quasi mit einem vertonten Gedicht beschließt. Spoken Word über behutsamen Gitarrenklängen. Hier werden die finalen Fragen gestellt, die sich schon durchs ganze Album ziehen. Dreyer sortiert seinen ganzen Kram – Briefe, Urlaubsfotos, Bücher, Küchenutensilien und fragt sich: Was passiert mit den ganzen Dingen, den ganzen Erinnerungen? „One object then another then the next/ And I wondered what they meant there/ If they meant anything still“ und später „Everything laid out there on the floor on the carpet out of context“ bevor er am Ende doch alles in Boxen verpackt. Der Kram geht, die Erinnerung bleibt.

Mit „Rooms Of The House“ ist La Dispute ein Klassiker von einem Album gelungen. Jetzt schon ganz weit oben angesiedelt auf meiner imaginären Best Of 2014 Liste. Dass man soviel Energie überhaupt auf Platte pressen kann…? Wie diese fünf Jungs Mitte 20 so komplexe, reife Musik schreiben können, ist absolut erstaunlich. Aber egal woher das kommt, von Herzen Danke dafür!

Auch auf der Bühne sind La Dispute ein Ereignis. Selten war die Live-Energie einer Band packender. Wer Blut geleckt hat, sollte die Chance nutzen und sie bald auf Tour sehen. Auch das lohnt sich, versprochen!

ladispute1
27.04. München – Strom
28.04. Leipzig – Conne Island
29.04. Dresden – Beatpol
30.04. Köln – Palladium
01.05. Hamburg – Markthalle
02.05. Meerhout – Groezrock
03.05. Bochum – Matrix
04.05. Stuttgart – LKA Longhorn
05.05. Schweinfurt – Alter Stattbahnhof
06.05. Wiesbaden – Schlachthof
07.05. Trier – Exhaus
08.05. Hannover – Musikzentrum
09.05. Berlin – Postbahnhof
11.05. Wien – Flex
12.05. Genf – Usine

 

„Rooms Of The House“ von La Dispute ist am 18.03.2014 bei Big Scary Monsters (Alive) erschienen

Fotos: PR (1), https://www.facebook.com/LaDisputeMusic (2)