Hier steht das m tatsächlich für Musik! Am 28. und 29. März traten beim m4music Festival 54 Bands auf verschiedenen Bühnen im Zürcher Schiffbau sowie im benachbarten Club Exil auf. Zu den Highlights gehörte u.a. der Auftritt von Broken Bells. Bonaparte präsentierten die Songs ihres neuen, selbstbetitelten Albums und testeten neue Kostüme aus. Und Left Boy sampelte sich schamlos durch die Neunziger.

Get-4

Eine lange Schlange. Eine sehr lange Schlange. Broken Bells sind in Zürich zu Gast. Ihr einziges Schweiz-Konzert nach dem Release ihres zweiten Albums „After The Disco„. Der Weg in die Disco gestaltet sich aber erstmal schwierig. Wie gesagt: Eine lange Schlange. Doch mit Geduld pirsche ich mich nach und nach näher an Broken Bells heran. Zum Glück gibt es keine Taschenkontrollen, so bleibt mir die Entscheidung zwischen Broken Bells oder Bier (bei sechs Schweizer Franken für eine „Stange“ sollte man zumindest ein klein wenig Proviant dabei haben) erspart. Natürlich würde ich mich im Zweifelsfalle immer für Danger Mouse entscheiden. Der Hit-Produzent und Multi-Instrumentalist, der immer mal wieder zwischen Bass und Drums wechselt, und sein Buddy, Sänger und Gitarrist James Mercer, sind in Bestform. Unterstützt werden sie von zwei weiteren Live-Musikern. Der Sound kommt den Songs auf Platte überraschend nahe. Es groovt und rumpelt und Mercer stellt seinen beachtlichen Stimmumfang unter Beweis. Die Bühne haben die beiden in eine Art Retro-Raumschiff-Cockpit verwandelt. Gemeinsam heben wir ab in warmig-wohle Popwelten. Bei „The High Road“ kuscheln sich sogar vereinzelt Pärchen aneinander, tanzen slow, mitte in der Menge. Kann man machen.

Get-3Mit einem Grinsen im Gesicht warten wir bei Bier auf Bonaparte. Es ist das fünfte Mal, dass ich die bunte Berliner Truppe um den Berner Zirkusdirektor Tobias Jundt live erlebe. Leider verlieren die Live-Gigs von Bonaparte, eine Mischung aus Cabaret, Karneval, Freakshow und Performance-Kunst zunehmend an Reiz. Beim m4usic tritt die Band in Dreierbesetzung auf und präsentiert einige Songs aus dem neuen „Bonaparte“-Album, das im Mai erscheint. Einige der neuen Songs, wie etwa „I wanna sue someone“ bleiben sofort hängen. Musikalisch hat sich das Kollektiv allerdings nur bedingt weiterentwickelt, es gibt In-Your-Face-Power-Pop mit cleveren Texten. Bei m4music zeigen sich die Bonaparte-Performer in neuen Kostümen. So wurden etwa die kopulierenden Karton-Monitore bei „Computer In Love“ durch einen glitzernden Cyber-Roboter-Anzug ausgetauscht. Insgesamt hat das Spektakel aber an Wumms verloren, der Wow-Effekt bleibt aus, die Kinnlade oben. Wie gesagt, neu ist das alles nicht. Immerhin sorgen die krawalligen Elektro-Punk-Nummern in den ersten Reihen nach wie vor für schweißtreibende Action.

Too much communication!

GetEtwas anstrengend war auch das Live-Set der Blood Red Shoes. Das britische Duo setzt live auf brachiale Rock-Bretter. Gitarristin Laura-Mary Carter und Drummer Steven Ansell wechseln sich beim Gesang ab, preschen sich durch ihre Songs, während das Publikum mächtig abgeht. Das finden die Blood Red Shoes, die aufgrund ihrer Besetzung an die White Stripes erinnern, natürlich gut. „Ihr seid sogar lauter als meine Gitarre!“ zeigt sich Carter überaus begeistert. Die beiden übertreffen sich gegenseitig mit Publikumslob – das wirkt dann plötzlich einstudiert. Böse Zungen behaupten, die beiden hätten einen Fankommunikationsmarketingkurs belegt.

Den hätte Ry X ganz gut gebrauchen können. Als es vor dem Start seines Sets bei m4music technische Schwierigkeiten gibt, verdrückt er sich – einen dicken Schal um den Hals geschwungen – divenhaft in eine Ecke der Bühne, und zupft gekränkt auf seiner Gitarre rum, ehe die Probleme gelöst sind. Während die traurige, oft ins Falsett wechselne Stimme von Ry X, die teilweise an Scott Matthew erinnert, und das melancholische Elektro-Gefrickel auf Platte absolut unter die Haut gehen, vermochte der australische Newcomer live nicht ganz zu überzeugen.

That’s so 90s!

Get-1Leise Töne sind nicht sein Metier. Bei Left Boy boombasste die Halle im Schiffbau. Oasis meets Naughty By Nature. Ne, ist klar. Left Boy macht’s möglich! Schamlos samplet sich der Wiener Rapper durch die Schätze der Popgeschichte und lässt Genres aufeinanderprallen. Dazu feuert er seine Rhymes ab. Umrahmt wird das ganze von grellen, zuckenden Neonlichtern, der Bass rumst durch die Halle und die Teenies kreischen Alarm. Mit Mitte 30 gehören wir irgendwie nicht mehr ganz zur Zielgruppe, finden wir. Immerhin haben wir danach ein paar Ideen, welche Songs aus unserer Jugend wir unbedingt mal wieder anhören sollten – Cassius zum Beispiel geht immer wieder!

Auf eine Zeitreise nahmen uns auch Kakkmaddafakka mit. Von Weitem sahen sie aus wie eine 70s-Prog-Rock-Band, denn auf aktuelle Fashion-Trends scheißen die Norweger. Stattdessen feierten sie zusammen mit uns ausgelassen ihren eigenwilligen und ziemlich fröhlichen Indie-Pop. Auf coole Posen wurde dabei sympathischerweise verzichtet. Ungewollt komisch waren die beiden Background-Sänger: Die beiden verausgabten sich in absolut perfekt synchronen Choreografien, ihre weißen Hemden waren durchsichtig. Respekt!

Get-3Weitere m4music-Highlights waren die Zürcher Band Wolfman mit ihrem (manchmal etwas zu ) düsteren Elektro-Pop, Jeans For Jesus aus Bern mit ihrem dadaistischen Mundart-Pop sowie der Zürcher Rapper Skor. Letzterer sorgte im rappelvollen Club Exil mit seiner Hymne „I de Schwiiz“ für „Hühnerhaut“ und setzte mit seiner Version von „Empire State Of Mind“ seiner Hometown ein musikalisches Denkmal. Zürich, wir kommen wieder – trotz der unverschämten (Bier)Preise!

Fotos: Alessandro Della Bella/Ennio Leanza/m4music