Mit ihrem dritten Album „Read Books“ fordern uns Instrument auf mal wieder öfter ein paar Seiten umzublättern. Gefangen im Smartphone- und Serienwahn, zwischen Berieselung und Binge-Watching haben wir das wahrscheinlich auch bitter nötig. Dabei ist das Album aber weder oberlehrerhaft erhobener Zeigefinger noch politisches Pamphlet. Es ist in erster Linie spannende, sehr gut gemachte Musik, bei der man Lust auf ein großzügig eingeschenktes Glas guten Rotwein bekommt. Auch nicht verkehrt. Schließlich kommt man dabei meist auf die besten Ideen. Z.B. demnächst endlich mal dieses eine Buch zu lesen……

DPak_ReadBooks_Cover.inddFreunden der anspruchsvolleren Gangart sind Instrument wahrscheinlich schon ein Begriff, v.a. in ihrer Heimat. Für jeden war die Musik der Münchner Band um Markus Schäfer, Nico Sierig und Hubert Steiner bisher aber eher nicht. Kann man auch als Qualitätsmerkmal sehen. Schwerpunktmäßig ausufernde Instrumentalstücke (der Name ist Programm) irgendwo zwischen Mogwai mit weniger Elektronik und exzess- und psychedelik-reduzierten Motorpsycho, dafür mit ähnlich großartigen Gitarrenmelodien. Progrock/ Postrock, ein bisschen Indie, grungy Rumpelbass und ordentlich Verzerreinsatz, dazu aber auch gerne Chorgesang, Klavier oder sogar Bläser. Zeit also, dass da mal ein paar mehr hinhören.
Allesamt Multiinstrumetalisten und zu zwei Dritteln auch noch Musiklehrer, drängt sich der Verdacht auf, dass es bei der Band im Studio mit geballter Kompetenz, Akribie und extraviel Anspruch zur Sache geht. Das merkt man dem Album aber nicht unangehm an. Denn neben ihrem wissenschaftlichen und künstlerischen Aspekt ist es halt auch immer noch U-Musik, die in erster Linie unterhalten soll. Und das tut diese Platte.

Der Nachfolger zu „Olympus Mons“ (2012) ist komplex, aber nicht sperrig, hier und da sogar ein bisschen verspielt. Auch wird noch mehr gewechselt zwischen Instrumentalstücken und Stücken mit Gesang. Die Band hat die Stimme für sich entdeckt. Mal zeichnet Schäfer, mal Sierig für die Vocals verantwortlich. Ich hab kein Problem mit Bands, die den Gesang nicht durchgehend oder gar nicht im Programm haben. Im Gegenteil. Schließlich muss dann die Musik umso mehr leisten. Aber der ein oder andere hat da vielleicht Berührungsängste oder kann schlichtweg nichts damit anfangen. Die Ausrede, „Da singt ja gar keiner? = Geh mir weg!“, zieht also nicht mehr.

INSTRUMENT_Presse03_klein_c_Gerald_von_ForisDazu sind die Themen, die „Read Books“ anreißt, klug und relevant. München macht es einem im Moment nicht unbedingt leicht es zu mögen, ist das Gefühl, das sich grade nicht nur bei mir einschleicht. Luxussanierungen an jeder Ecke, die vertrauten Bars verschwinden eine nach der anderen (und telweise nur noch Deppen auf der Straße, möchte ich hinzufügen). Mann kann mit dem Viertel, das man einst so gern mochte, heute gar nicht mehr so viel anfangen, hat sich sprichwörtlich auseinandergelebt. Der Albumopener „Glockenbach“ fängt dieses Gefühl ganz schön gut ein. Man könnte es als kleine Anti-Gentrifizierungs-Hymne sehen. Ein toller Song, der musikalisch und textlich Gedanken formuliert, um die man als kritischer Normalbürger in dieser Stadt gerade nicht herum kommt (und wo anders wahrscheinlich auch nicht). Mal wehmütig mal wütend, zwischen süßer Melancholie und basslastiger Schwere. Und das nebenbei auch noch hübscher formuliert, als die meisten von uns das hinkriegen würden. „Some say it’s the way of the world, that ordinary people disappear from the scene. I say it’s a shame about the bar round the corner. That silence instead. “ (Ich hoffe ich hab das richtig wiedergegeben). Vielleicht ist es ja wirklich der Lauf der Zeit, aber das darf man auch durchaus ätzend finden.

Heute Prokrastination, morgen Last-Minute-Panik, aber immer klebt die Nase am Display. Hier fühlen sich alle ertappt. Auch Hr. Schäfer selbst, der sich mit dem Song darauf besinnt, was Bücher einst für ihn und seine Kreativität getan haben. Wenn Tablets und Smartphones mehr und mehr das gute alte Buch ersetzen, muss man sich tatsächlich etwas Sorgen machen um die geistige Gesundheit der Allgemeinheit und das, was diese noch so hervorbringen soll/ wird. Der Titeltrack „Read Books“, schon vorab veröffentlicht, ist also ein bisschen pädagogischer Auftrag, aber zuallererst ist es ein Hit. Es braucht vielleicht mehr als einen Anlauf, aber dann! Da ist so viel los in diesem Lied, dass es jedes Mal wieder spannend ist, es anzuhören. Zuerst, weil einen die Entwicklung vielleicht überrascht, später, weil man sich im Verlauf des Songs immer darauf freut, was als nächstes kommt. Z.B. die Lese-Einlage von Schäfer- und Sportfreund Flo Weber, der eine Passage aus Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene“ in den Mittelteil des Songs flüstert. Das klingt nur spooky, ist tatsächlich aber ziemlich cool. Aber auch der prägnante, fette Basslauf, die Mehrstimmigkeit, die ganze Dynamik. Toll, toll, toll!

Zwischen diesen beiden doch recht ausladenden Songs ist das temporeiche Instrumental „Electric Rain“ knackig kurzer Stimmungswechsel, bei dem mir Mogwais „San Pedro“ in den Sinn kommt, das für Schäfer aber auch ein Punksong á la Instrument sein könnte. „Hearts“, diese grungy Ballade mit dem verletzlichen Gesang, hat wiederum etwas wirklich Anrührendes. Ähnlich das melancholische „Without A Voice“, das zunächst auch ruhigere Töne anschlägt, bis man sich gen Ende ein bisschen Krawall dann doch wieder nicht verkneifen kann. Macht ja auch nichts. Sehr, sehr schön auch „Old Man Smiling“. Klingt leicht, positiv, tröstlich und versöhnlich. Ein wohltuendes Gegengewicht zu der vergleichsweisen Schwere, mit der Stücke wie „For All I Care“ oder „Common Ground“ (ein Duett mit Markus Schäfers ehemaligem Cosmic Casino Kumpel Richard Goerlich) daherkommen. Gerade die Botschaft aber in „For All I Care“, das Anprangern dieser unsäglichen Mühlen der Leistungsgesellschaft, in die wir alle hineingedrängt und die uns als Ideal verkauft werden, unterschreib ich. Zweimal!

Das Schlusslicht „Ehrmantraut Will Never Die“ lässt Breaking Bad Fans gleich aufhorchen. Auch wenn das finale Instrumental nichts Genaueres mit der Serie zu tun hat, außer dass die gerne in der Aufnahmephase geschaut wurde, soll hier dem heimlichen Serienhelden Mike Ehrmantraut ein kleines musikalisches Denkmal gesetzt werden. Und es wartet mit Bläsern auf! Das klingt hervorragend, auch wenns keine Mariachis sind, die man bei diesem Titel auch vermuten könnte. (Wär zwar ein bisschen arg schräg, aber kann man machen, wie wir seit Biffy Clyros „Spanish Radio“ wissen.) Ich werfe das mal als Idee fürs nächste Album in den Raum. Post-Mariachi-Progrock! An Experimentierfreude mangelts den Herren ja schließlich nicht.

Das Album lebt von seinen durchdachten Arrangements, den starken Melodien, seinen Stil-, Stimmungs- und Tempowechseln. Da reiht sich schwer an luftig und knapp sechsminütiger Mini-Exzess an zackige dreieinhalb-Minüter. Bei all dem Abwechslungsreichtum passt hier trotzdem alles stimmig zusammen. Diejenigen, die Instrument bisher nicht kennen, sollten genau dieses neue Album zum Anlass nehmen, das zu ändern. Diese Platte kommt aus München und geht raus an alle. Denn die Themen sind universell und die Musik ist verdammt gut.

Auf Tour kommen Instrument demnächst auch, und zwar im Mai. Live sind sie nicht weniger empfehlenswert. In diesem Sinne, Read Books and Buy Tickets!

INSTRUMENT – Live 2014

15.05. Augsburg – Soho
16.05. Biberach – Abdera
18.05. Hamburg – Hafenklang
19.05. Köln – Blue Shell
23.05. München – Atomic Café
27.05. Erfurt – Museumskeller
28.05. Schweinfurt – Stattbahnhof (mit Sportfreunde Stiller)
29.05. Wiesbaden – Schlachthof
30.05. Dortmund – Way Back When-Festival

 

„Read Books“ von Instrument erscheint am 11.04.2014 auf The Instrument Village (rough trade)

Fotos: PR