Na endlich, nach ihrem verzweifelten Versuch, sich dem EDM-Boom anzubiedern, findet Kelis auf ihrem neuen, mittlerweile sechsten Studioalbum zu ihren Wurzeln zurück. Auf „Food“ serviert sie uns eine herrliche Soul-Food-Platte: Es gibt „Jerk Ribs“, „Friday Fish Fry“, „Biscuits N‘ Gravy“ und „Cobbler“ – und das wars auch schon mit den Ess-Verweisen, ich schwör! 

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Sie kämpfte – mit mal gereckter, mal zuschlagender Faust – als feministischer Paradiesvogel für die Rechte der Frauen und schrie sich den Schmerz von der Seele. Später räkelte sie sich auf einem Diner-Thresen und pries ihren „Milkshake“ an, bevor sie im Tribal-Outfit zu hämmernden Guetta-Beats die Freuden der Geburt ihres Sohnes mit uns teilte. Ja, Kelis hat in den vergangenen 15 Jahren einiges durchgemacht.

Ihre musikalische Karriere absolvierte die im New Yorker Stadtteil Harlem aufgewachsene Kelis Rogers im Shuffle-Modus: Kelis arbeitete mit Rap-Legenden wie dem Wu-Tang Clan und Ol‘ Dirty Bastard zusammen, aber auch mit Björk und Cee-Lo Green sowie mit Dance-Größen wie Timo Maas, Boys Noize, Calvin Harris und David Guetta. Außerdem war die heute 34-jährige New Yorkerin mit so unterschiedlichen Künstlern wie Moby, Britney Spears, Robyn und U2 auf Tour.

Jetzt also „Food“. Feinster Soul-Food aus dem Soul-Kitchen. Essen dient Kelis nicht nur als zugegeben manchmal etwas cheesy Metaphern, sondern gehört neben der Musik allem Anschein nach zu ihren großen Leidenschaften. Nachdem sie sich von ihrem langjährigen Plattenlabel getrennt hatte, kam sie zum Cordon Bleu – eine internationale Kochschule mit Ablegern in 15 Ländern. Kelis absolvierte einen eineinhalbjährigen Kochkurs – sieben Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche. Heute ist sie nicht nur Popstar, sondern auch eine qualifizierte Chefköchin. Sie schrieb ein Kochbuch, veröffentlichte die eigene Saucen-Reihe „Feast“ auf dem US-Markt und brachte in den USA eine eigene Koch-Show ins Fernsehen.

Inzwischen ist Kelis beim hippen Londoner Label Ninja Tune unter Vertrag, das Kelis‘ neues Album „Food“ herausbringt und sie mit neuen Produzenten zusammenbrachte. Produziert wurde das neue Kelis-Album von Dave Sitek. Der Gitarrist der Band TV On The Radio arbeitete zuvor bereits mit Indie-Bands wie den Yeah Yeah Yeahs, Liars und Foals sowie Santigold zusammen. Er sei eine „brilliante, seltsame Kreatur“, sagt Kelis über den 41-Jährigen Musiker und Produzenten. Die beiden Wahl-Kalifornier, die in Los Angeles nur zwei Minuten voneinander entfernt leben, verstehen sich bestens – sowohl auf musikalischer als auch auf kulinarischer Ebene. Während David Sitek auf dem Klavier spielte, schnibbelte Kelis in der Küche Gemüse und sang dazu Melodien.

Zum Einstieg gibt’s das geschmeidige „Jerk Ribs“, das als erste Single veröffentlicht wurde: ein moderner Soul-Song mit 60s-Touch und einer gnadenlosen Hook. Zum „Breakfast“ zaubert Kelis eine zuckersüße R’n’B-Nummer, die an die Glanzzeiten der 60s-Girlgroups erinnert. Sie hat ihren Fels in der Brandung, das „Real Thing“ gefunden, singt sie, um dann gegen Ende kokett zu fragen: „Vielleicht schaffen wir es bis zum Frühstück“.

„Friday Fish Fried“ ist eine rockige Funk-Nummer mit live eingespielten Bläsersätzen, „Bless The Telephone“ ist eine wunderschöne Ballade – im Original von Singer/Songwriter Labi Siffre –, die Simon & Garfunkel aufblitzen lässt. Die zweite Single-Auskopplung „Rumble“ ist von einem Hip-Hop-Beat unterlegt, erneut dominieren Bläser und Kelis‘ unverwechselbare ebenso warme wie raue Stimme. In „Change“, einer pompösen Ballade mit 60s-Referenzen, lässt Kelis die Diva raushängen.

Old School meets New School

kelis-newDas ganze Album klingt nostalgisch und gleichzeitig modern. Alle Songs haben einen Retro-Touch, hören sich aber dennoch frisch an. Die meisten Stücke sind leicht, die Melodien gehen schnell ins Ohr. Das 60s-meets-Jetztzeit-Feeling setzt Kelis auch konsequent im Artwork der Platte, in ihrem neuen Look sowie in den Videos um. Ein bisschen Diana Ross, ein Hauch Shirley Bassey – und ganz viel Kelis. Das sexy Hip-Hop-Chick von „Tasty“ ist erwachsen geworden – Kelis zeigt sich elegant, stilvoll und selbstbewusst.

Als musikalische Gäste sind auf „Food“ US-Singer/Songwriterin Priscilla Ahn und die Mädels der brasilianischen Band CSS mit von der Partie. Letztere wohnten zur Zeit der Aufnahmen in David Siteks Haus in Los Angeles, wo das neue Material entstand. Zusammen mit weiteren befreundeten Musikern wurde gejammt und gekocht. Das Resultat sind 13 Alternative-Soul-Songs, modern und retro zugleich.

Rewind: Kelis so far

tj4Bprao1999 revolutionierte Kelis mit Hilfe der Neptunes, dem stilprägenden Produzenten-Duo um Pharrell Williams, und ihrem futuristischen Debüt „Kaleidoscope“ die R’n’B-Szene. Mit dem feministischen „Caught Out There“ landete sie in Europa einen ersten Achtungserfolg.

Während der Nachfolger, das experimentelle „Wanderlust“ von 2001, in den USA erst gar nicht erschien, schaffte Kelis schließlich 2003 mit dem Album „Tasty“ und der von den Neptunes produzierten Hit-Single „Milkshake“, der ihr sogar eine Grammy-Nominierung einbrachte, sowie „Trick Me“ aus der Feder von Dallas Austin den internationalen Durchbruch. Für „Tasty“ holte sie sich außerdem Unterstützung von Outkast-Mitglied André 3000 („Millionaire“) und ihrem damaligen Lebensgefährten (und späteren Ex-Ehemann) Nas, mit dem sie das anzügliche „In Public“ einspielte.

Für Album Nummer vier, „Kelis Was Here“ (2006), emanzipierte sich Kelis dann komplett von ihrem einstigen Mentor Pharrel Williams und arbeitete mit Produzenten wie will.i.am und Dr. Luke zusammen. „Kelis Was Here“ war sogar für einen Grammy nominiert. Vier Jahre später versuchte sich Kelis dann als Dance-Diva und setzte für „Flesh Tone“ auf die Böllerbeats von David Guetta und den Benassi-Cousins. Nun ist zum Glück wieder alles gut. Mit „Food“ ist Kelis eine ehrliche, authentische Soul-Platte mit Raffinesse gelungen.

„Food“ von Kelis ist ab 18. April über Ninja Tune erhältlich.

Fotos: Estevan Oriol, Ryan Young