Back in Business: Am 2. Mai – ihrem 29. Geburtstag – veröffentlicht Lily Allen nach mehrjähriger Popstar-Pause ihr drittes Album „Sheezus“. Darauf geht die britische Pop-Sängerin kein Risiko ein. Sie flirtet ein bisschen mit modernen Sounds wie Dubstep und kopiert das Erfolgsrezept ihre eigenen Hits.

lily2

Sie will aus ihrem Plattenvertrag raus. Noch zwei Alben, dann möchte Lily Allen ihre Musik über alternative Vertriebswege anbieten, sagt sie. Bereits während der Aufnahmen zu „Sheezus“, ihrem neuen Album, scheint Lily Allen nicht sonderlich motiviert gewesen zu sein. Im Vorfeld der Veröffentlichung bezeichnete die Sängerin das neue Material als schwach. Wenn ein Künstler seine eigenen Songs als schlecht bezeichnet, ist das entweder ein besonders cleverer Marketing-Trick – oder eine Tatsache. Statt auf innovative Produktionen zu setzen, passt sich Lily Allen dem Zeitgeist an und versucht, ihre eigenen Hits zu kopieren – und das alles in knappen Outfits, genau wie die Kolleginnen, die sie in der Vergangenheit oft kritisierte.

Sexy, kess und fancy Fingernägel. Auf den Fotos zu ihrem neuen Album „Sheezus“ – eine Anspielung auf US-Rapkönig Kanye West und dessen Album „Yeezus“ – inszeniert sich Lily Allen als selbstbewusste Pop-Diva, eine Art Pop-Pimp. Natürlich wie immer mit einem Augenzwinkern: statt zerstörerischen Pitbulls hält Lily Allen zwei kleine Corgis an der Leine. Der kokette Untertitel auf Latein: „Teile und herrsche“ (darunter, wieder in typischer Lily-Allen-Manier: „alles auf Latein klingt wichtig“).

Im Titelsong des neuen Albums „Sheezus“ greift die erfolgreiche Sängerin, die sich nach fünf Millionen verkauften Platten einige Jahre aus dem Showbiz zurückgezogen hatte, nach der Pop-Krone. Gleichzeitig fürchtet sie sich davor, wieder in den Ring zu steigen. „Been here before, so I’m prepared
/Not gonna lie though, I’m kinda scared/
Lace up my gloves, I’m going in/
Don’t let my kids watch me when I get in the ring/
I’ll take the hits, roll with the punches.“ Rihanna, Katy Perry, Beyoncé und Lady Gaga – die Konkurrenz ist groß. „Lorde smells blood, she’s about to slay you“, singt Lily Allen über den neuseeländischen Shootingstar in „Sheezus„.

Pop-Feministin

Lily_Allen_New_Press_Picture__066Was wie ein disrespektierlicher Frontalangriff auf ihre Kolleginnen klingt, ist als solidarische „Girl Power“-Hymne gemeint. In dem von zaghaft zerhackten Hip-Hop-Beats unterlegten Titeltrack singt Lily Allen unter anderem über ihre Periode. Eine Anspielung darauf, dass sie nicht ständig mit anderen Sängerinnen verglichen werden will, nur weil sie das gleiche Geschlecht haben. Lily Allen als feministische Pop-Beauftragte. Dazu passt auch „Close Your Eyes“, eine geschmeidige R’n’B-Schlafzimmer-Ballade, in der sie die Hypermaskulinität von Machos wie R. Kelly vorführt.

Bereits mit dem Video zur Single „Hard Out Here“ hatte Lily Allen, bekannt für ihre vorlaute Art, Anfang des Jahres eine Debatte über Sexismus in der Popwelt ausgelöst. Seitdem machte sie wöchentlich Schlagzeilen, sei es mit freizügigen Outfits oder intimen Geständnissen. Auffallen um jeden Preis. Es scheint, als wolle sie sich nicht auf die Qualität der neuen Musik verlassen.

Lily Allen geht auf Nummer sicher. Erneut holte sich die 29-Jährige Unterstützung von Greg Kurstin, mit dem sie seit ihrem Debütalbum „Alright, Still“ von 2006 zusammenarbeitet. Lediglich der Titeltrack wurde von US-Hip-Hop-DJ Dahi produziert, „Air Ballon“ geht auf das Konto des schwedischen Hit-Machers Shellback (Pink, Britney Spears, Maroon 5). Statt innovative Sounds zu kreieren, wiederholt Lily Allen auf „Sheezus“ das Erfolgsrezept ihres letzten, 2009 erschienenen Albums „It’s Not Me, It’s You“. „Take My Place“ erinnert an „The Fear“, während „As Long As I Got You“ mit seinen Country-Einflüssen wie eine Kopie ihrer Top-10-Single „Not Fair“ daherkommt. „Air Ballon“ ist ein harmloses Pop-Nümmerchen mit simpler Kinderlied-Melodie, und auch „L8 CMMR“, eine Hommage an ihren Mann Sam Cooper, mit dem Lily Allen zwei Töchter hat, ist rasch vergessen.

A little bit of G-Funk

Lily_Allen_New_Press_Picture__084Frisch klingt dagegen „Insincerely Yours“, das mit dem funky Gitarrenriff an den West-Coast-Rap von Warren G erinnert. Im bittersüssen „Life For Me“ blitzt Lily Allens Songwriting-Talent auf. In dem Stück sieht sie sich, von Kopf bis Fuß mit Babybrei bekleckert, im Internet Fotos ihrer feiernden Freunde an, während sie zu Hause bei ihren Kindern sitzt. Das Partygirl ist erwachsen geworden.

In „URL Badman“ gibt es einen Dubstep-Exkurs, der nicht zu Lily Allen passen will. Dieses Crash Boom Bang nimmt man ihr nicht ab. In „Silver Spoon“ sind Trap-Einflüsse zu hören. In dem Song thematisiert Lily Allen ihre angeblich privilegierte Kindheit als Tochter des Schauspielers und Comedians Keith Allen („Trainspotting“) und der Filmproduzentin Alison Owen, zu deren Freunden u.a. auch The-Clash-Frontmann Joe Strummer gehörte.

Lily Allens Stärke sind ihre cleveren, sarkastischen und ehrlichen Texte, in denen sie viel Persönliches preisgibt. Leider fehlt den neuen Stücken der Charme ihrer frühen, von Reggae und Ska inspirierten Produktionen. Songs wie „Smile“ oder „LDN“ fielen unter den zahlreichen, damals die Charts dominierenden Böller-Beats auf. Stattdessen wird auf Perfektion und jede Menge Wumms gesetzt. Lily Allen biedert sich dem Zeitgeist an. So integriert sie Trap, eine elektronische Spielart von Hip-Hop, und Dubestep in ihren verspielten Pop, Autotune-Effekte verfremden den Gesang. Schade, denn gerade ihre nicht makellose Stimme, ihre Ecken und Kanten zeichneten Lily Allen bislang aus. So viel „Bling Bling“ hat sie gar nicht nötig. Mit der Krone, die sie im Titelsong fordert, wird das leider vorerst nichts.

„Sheezus“ von Lily Allen erscheint am 2. Mai über Warner Music.

Fotos: Warner Music