Man muss sich anfreunden mit dem neuen Album der Black Keys. Die elf Songs auf „Turn Blue“ brauchen etwas Anlauf, bis sie begeistern. Nach einem Wochenende im Dauerrepeat kann „Turn Blue“ allerdings ein Freund für das ganze Leben werden.

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Ich brachte damals mit Tränen in den Augen meine Black-Keys-Karte zum Vorverkauf zurück, als sie in München das Konzert zur „Brothers“-Tour absagten. Ich drehte im Central Park in New York schier durch, als ich Auerbach und Carney dort im Rahmen des Global Citizen-Festivals sah. Ich mag „Nova Baby“ von  „El Camino“ sehr und immer, den Rest der Platte aber nicht so gern wie die alten Sachen. Und ich finde immer noch, dass sie einen ihrer überraschendsten Songs auf dem Soundtrack zu „The Twighlight Saga: Eclipse“ abgeliefert haben. Aber „Turn Blue“? – Wird kein „Brothers“, soviel steht fest. Das ist aber vielleicht auch ganz okay so.

Ein Opener mit fast sieben Minuten Spielzeit? Und dann auch noch schwere Kost? Kann man machen. Das Duo aus Akron in Ohio hat sich als ersten Track „The Weight of Love“ erdacht. Der schwermütige Opener gibt irgendwie ja auch das Motto der ganzen Platte wieder, denn sein bisschen „blue“, traurig also, klingen sie diesmal bis auf ein paar Ausnahmen schon. Dan Auerbach verstrickt sich in den sieben Minuten in nicht enden wollenden Gitarren-Soli und singt sich seine Schwermütigkeit vom Herzen: „You’ll be on my mind, don’t turn yourself away from the weight of love“. Es ist nur einer von mehreren Tracks auf dem Album, in dem Auerbach seine gescheiterte Ehe thematisiert. Irgendwie würde man denken, der Song passte besser an den Schluss: Lang, traurig, ausgedehnte Soli. Aber vielleicht zäumen die Black Keys diesmal das Pferd von hinten auf?  – Schauen wir uns genauer an.

art„In Time“, der zweite Song, zeichnet sich durch zwei Sachen ganz besonders aus: Auerbachs Falsett-Stimme und den tanzbaren Beat. Was früher, auch noch zu „Attack & Release“-Zeiten, völlig undenkbar war, ist nach den diversen Single-Auskopplungen von „El Camino“ Normalität: tanzbare Black Keys. Ein befreundeter DJ klagte mir vor Jahren sein Leid: Die Band wäre super, aber man könne sie nicht immer auflegen, weil kein wirklich tanzbarer Rhythmus zu erkennen sei. Vielleicht liegt dem Weg in die Tanzbarkeit die Wahl des Prodzenten zugrunde: Danger Mouse, Producer-Ikone und eine Hälfte von Broken Bells, firmiert wieder und diesmal noch vor den Black Keys selbst in der Reihe der Produzenten. (Wir erinnern uns: Der Black Keys-Frontmann Auerbach wurde 2013 u.a. für „El Camino“ selbst zum Producer of the Year gewählt und hat erst vor einer Woche auf Ray LaMontagnes „Supernova“ wieder unter Beweis gestellt, wieso die Wahl damals die richtige war. Sein kommender Streich: die neue Platte von Lana Del Rey). Ich weiß immer noch nicht, ob ich ein großer Fan von tanzbaren Black Keys oder doch eher den dreckigen, bärtigen Burschen der ersten sechs Studioalben bin.

„Turn Blue“ und „Fever“, die ersten beiden Singles, laufen seit ein paar Wochen schon. In „Turn Blue“ spielt Auerbach wieder die ganze Bandbreite seines Falsetts aus und singt von der Hölle, während im Hintergrund ein Elektro-Loop läuft. „Fever“, die erste Single-Auskopplung, fand ich beim ersten Mal hören nunja…. schwierig. Ein Pop-Hook samt gleichmäßigem Beat ohne richtig hartenTempowechsel?! – Wo waren die sperrigen Alten aus Akron hin? Allerdings lässt sich nicht abstreiten: „Fever“ ist ein sehr guter, ein außerordentlich feiner Song. Dank des karnevalsartigen Hammond-Orgel-Hooks wird man „Fever“ wie ein echtes Fieber nicht mehr los und wer einmal das Video gesehen hat, in dem Auerbach als schwitzender Prediger auftritt und Carney im 30-Sekunden-Takt zum Flachmann greift, bekommt dann auch die Bilder nicht mehr aus seinem Kopf. Letzendlich ist die erste Single ein Parade-Stück des Duos: Gitarre, Gesang und Schlagzeug ergeben die perfekte Mischung, auf jeglichen dominanten elektronischen Schnick-Schnack wird dankenswerterweise verzichtet.

„Year in Review“ und „Bullet in the Brain“ sind zwei Tracks, die man sich öfter anhören muss, bis man sie catchy findet und sich auch nach mehreren Minuten noch an sie erinnern kann – gerade ersteren, denn sie sind einfach nicht so easy-peasy eingängig. Aber muss man sie wirklich catchy finden? Die Black Keys hätten es sich bei „Turn Blue“ nämlich zur Aufgabe gemacht, einfach mal keine Singles zu schreiben, wird Auerbach vom Rolling Stone zitiert. „[I]it was like, ‚We can do whatever we want – it’ll be all right“, so der Sänger-Gitarrist. „It’s up to You now“ handelt auch genau davon: Getrieben von Carneys Drums und einer recht fetzigen Bass-Line erklärt Auerbach „Smoke cigarettes and you act like a clown if you want, it’s up to you now“ – bis zur Mitte des Songs. Dann schickt uns Auerbach eine Minute lang in ein leicht psychedelisches Gitarren-Solo, um dann den Song genau so enden zu lassen wie er angefangen hat: Drums, Drums, Drums, Bass. Wahnsinnssong! In „Waiting on Words“ lebt Auerbach seine Falsett-Stimme nochmal komplett aus. Balladiger als hier werden die Black Keys nie werden.

„10 Lovers“ ist dafür dann ein Song, wie er typischer für Akron’s Finest nicht sein könnte. Auerbach singt (wieder) von gebrochenem Herzen und dank Piano, Synthie-Hook, Carneys Schlagzeug mit hohem Wiedererkennungswert und Auerbachs Gitarren-Solo ist ein ganz klarer Black-Keys-Song (+ bessagtem Synthie-Hook eben) dabei rausgekommen. Mit „In Our Prime“ kommt gleich noch einer: Tempowechsel, Hammond-Orgel, noch ein Gitarren-Solo. Die Soli, von denen es diesmal wirklich, wirklich viele gibt und die sich zum Teil minutenlang hinziehen, wären ganz „ungeplant klagend“, so Auerbach. Der letzte Song „Gotta Get Away“ hat dafür dann eine recht einfache Melodie und klingt in meinen Ohren deshalb ein bisschen nach Faschingshit – bis Auerbach in sein elegisches Coda abdriftet. Während er in seinem Opener von der „Weight of Love“ und seinem auch im echten Leben gebrochenen Herzen singt, kommt im letzten Track schließlich die Erkenntnis, dass man zwar immer vor der anderen Person weglaufen kann, das aber alles für die Katz‘ ist, weil „all the good women are gone“.  Mit einem CCR-lastigen Rhythmus im Gepäck klingt das aber nur noch halb so dramatisch. Lachen, wenn es zum Weinen nicht mehr reicht, Dan Auerbach! Und ich kann ihn beruhigen: Mit den „good men“ sieht es ab und zu nicht besser aus.

The_Black_Keys_Turn_Blue__Album_CoverUnd wie ist jetzt The Black Keys‘ „Turn Blue“ jetzt? Ungewohnt, aber schon auch sehr gut. Die Band hat sich über die letzten zwölf Jahre hinweg vom dreckigen Garagen-Blues-Rock-Sound zu durchaus stadiontauglichem, immer noch handgemachten Rock entwickelt – weit nicht so sperrig wie früher, in meinen Augen auch nie wirklich dem Sellout nah. Ein zweites „Lonely Boy“ braucht „Turn Blue“ nicht. Dass man die Platte mehrfach anhören muss um die Perlen zu entdecken, stört nicht – es sind ja die Black Keys! Ich mag das Duo am liebsten, wenn sie nach dem alten, dreckigen Blues klingen und auf elektronisch-technische Spielereien verzichten. Dass mancher Track massentauglich und tanzbar ist, ist für mich  selbst nach „El Camino“ irgendwie immer noch ungewohnt. Wenn es dann mit Synthie-Hooks und dem Good-Feeling-Faschingssong zuviel wird, muss man eben einfach die alten Alben und auch Auerbachs großartiges Solo-Werk „Keep It Hid“ rauskramen. An meiner persönlichen Grundeinstellung zu Carney und Auerbach wird sich mit „Turn Blue“ aber sicherlich nichts ändern: Die Black Keys retten die ehrliche Rockmusik und die wiederum rettet uns! Danke dafür.

The Black Keys‘ „Turn Blue“ ist am 9. Mai bei Nonesuch/Warner erschienen. Das live extrem abgehende Duo kommt im Sommer zum Southside/Hurricane in Deutschland und zum Open Air St. Gallen/Nyon in die Schweiz.

Fotos: PR