Brody Dalle, ihres Zeichens der unbestritten heißeste Feger im Musik-Business, ist zurück (Sorry, Helene.). Mit Pauken und Trompeten, und das im wörtlichsten Sinne. Die ehemalige Distillers und Spinerettes Frontfrau mit einem Hang zum Extrem legt mit „Diploid Love“ ihr erstes Solo-Album vor. Herausgekommen ist eine ungemein facettenreiche Platte, in der man ihre musikalische Vergangenheit genauso raushört, wie ihre aktuellen Einflüsse. Dabei werden die vielen stilistischen Bausteine aber stringent vom mächtigsten Werkzeug der Brody Dalle zusammengehalten. Ihrer Stimme.

cover_cov_lgDiese Frau war immer Punk und bleibt es auch. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass sie nun zweifache Mutter ist, bewusster lebt (tägliche 6-Meilen-Läufe statt Crystal Meth) und sich nicht mehr einen halben Kajalstift pro Woche um die Augen schmiert. Auch wenn sie hier also frisch erblondet, mit züchtigem Schleifchen um den Hals lasziv vom Cover schmachtet, darf man durchaus immer noch Angst haben, dass einem die Gute ordentlich eine langt, wenn man ihr blöd kommt. Verbal oder physisch (manch Journalist und Fan kann ein Lied davon singen).

Dieses Album wurde also voller Spannung erwartet. Auch von mir. „Coral Fang“, von den Distillers, heuer 10 Jahre alt, war einfach eine großartige Scheibe. Endlich mal eine Frau, die im männerdominierten Punk-Zirkus die Sau rauslässt und die mit einem Maximum an Bühnenpräsenz und einem Minimum an Stoff am Leib die Live-Kaschemmen dieser Welt ins Vortor zur Hölle verwandelt. Die Spinerettes sind dann ehrlicherweise komplett an mir vorbeigegangen, aber die Faszination Brody Dalle hält bis heute. Sie ist halt eine coole Sau, und ihre Stimme das brutalste, was die weibliche Gesangsfront zu bieten hat. Dreckig, kraftvoll, erbarmungslos. Dieses Organ schneidet durch Fleisch und Knochen, wenn es sein muss. Trotzdem oder genau deswegen, geht sie auf jeden Fall als absolut legitimer Girl-Crush durch.

Music was my first love.

Für wenige trifft das wohl mehr zu als für die heute 35jährige Brody Dalle. Mit 7 fing sie an Gedichte zu schreiben, ihre erste Band hatte die Australierin, bürgerlich Bree Joanna Alice Robinson, mit 13. Damalige Auftritte wurden unter der Obhut der Eltern absolviert. Das Motiv Musikliebe machte auch vor ihren Beziehungen nicht halt. Mit blutjungen 18 heiratete sie mit Tim Armstrong von Rancid quasi standesgemäß eine der Punk-Ikonen der damaligen Zeit. 2003 die Trennung, nachdem sie sich in Queens Of The Stone Age Mastermind Josh Homme verliebt hatte, der heute ihr Ehemann und Vater ihrer beiden Kinder ist. (Der arme Tim erfuhr von dem offensichtlichen Ende seiner Ehe mit der wilden Brody damals wohl durch ein sehr explizites Zungenkuss-Foto der Herrschaften Dalle und Homme im Rolling Stone. Tja, Punkrock.)

Mit Homme und Dalle haben sich wahrlich zwei musikalische, aber auch charakterliche Kraftpakete gefunden. Da möchte man schon mal Mäuschen spielen, wies bei denen daheim so zugeht. Am Küchentisch oder im Studio. Schade nur, dass angesichts des neuen Albums nun von allen Seiten so penetrant darauf rumgeritten wird, dass Miss Dalle ja nun Mrs Homme sei, und sie sich sogar Anschuldigungen gefallen lassen muss, sie hätte sicher nicht die Hälfte des Materials selbst geschrieben, sondern sich ordentlich von dem begnadeten Gatten unter die Arme greifen lassen. Wie unnötig! Ich glaube dieser Frau ist einiges zuzutrauen. Genausogut hätte man zu Distillers Zeiten Tim Armstrong für ihren Sound verantwortlich machen können. Musiker-Paare beeinflussen sich immer gegenseitig, das lässt sich doch gar nicht vermeiden, und muss es auch nicht. Das jetzt auseinander zu klamüsern und aufrechnen zu wollen ist schon etwas kleingeistig. Man hört Rancid bei den Distillers und man hört durchaus QOTSA bei ihrem Solo Werk. Aber genausogut hört man einen Haufen anderes. Die komplette Reduktion auf ihren Herrn Gemahl und sein musikalisches Genie ist da doch schon ein bissl dreist. Man könnte an der Stelle auch andersherum einmal die Frage stellen, wieviel Brody wohl in “….Like Clockwork” steckt? Aber das ist eine andere Geschichte…..

BrodyDalle_band_lg
Diploid Love hat wahnsinnig viel zu bieten und ist über die ersten paar offensichtlichen Hits hinaus ein Grower, wie man so schön sagt. Man hört was Dalle umtreibt, beschäftigt und inspiriert. Ein Sammelsurium an Einflüssen und Themen haben ihren Weg auf die Platte gefunden. Es geht um ihre persönliche Entwicklung aber auch um Globaleres.

“It’s about so many things. It’s about surviving in this weird technological, transitional modern age. It’s about living through your own history and becoming someone better…the human version of a caterpillar metamorphosis.” – Brody Dalle über „Diploid Love“.

Die Songs auf Diploid Love.

„Meet the foetus/ Oh The Joy“ war der erste Song, den es von der Platte zu hören (und zu sehen gab). Er thematisiert die Angst davor ein Kind in die(se) Welt zu setzen, ist aber gleichzeitig als Liebeserklärung und Vermächtnis an ihre beiden Kids zu verstehen. Denn die eigene Sterblichkeit wird einem erst so richtig bewusst, wenn man Mutter ist, so Dalle. Zuerst war da dieser schräge Titel, dann die Bassline und erst dann der Rest des Songs. Über zwei Jahre ist das her. Der Song steht also auch sinnbildlich für den mühsamen und schier endlosen Prozess, bis dieses Album endlich fertig war. Im durchgedrehten Video huldigt sie dann gleich noch ihrer Leidenschaft für die japanische Anime-Kunst. Auch ihre Kinder hat sie mit verewigt. Als fliegenden Tintenfisch und als Adler (der Spitzname ihrer Tochter ist „Squid“, der ihres Sohnes „Little Wing“). Für den zweiten Teil des Songs hat sie sich Shirley Manson (Garbage) und Emily Kokal (Warpaint) ins Studio geholt. Dalle ist nach eigener Aussage leicht besessen vom musikalischen Schaffen des Bulgarian Women’s Choir (Abgefahrener Sound. Wen’s interessiert, hierlang.), und verstärkt sich mit den beiden Grande Dames zu einer Art Californian Punkrock Choir. Sehr geil klingt das und lässt den Song gegen Ende zu absoluter Höchstform auflaufen.


Brody Dalle — Meet The Foetus / Oh The Joy (Onlin… – MyVideo

Dann kam „Don´t Mess with Me“ hinterher. Huiuiui! Irgendwo zwischen einer The Clash-Platte, die aus Versehen auf 45er Speed abgespielt wird und Soulwax-Groove hat dieser Song etwas absolut hynotisches. Kann durchaus auch an dem treibenden Off-Beat und dem verspulten Schlangenbeschwörer-Sound liegen, in den die Gitarre hier und da abdriftet. Jedenfalls hat dieser Song eine schon fast toxische Ohrwurm-Qualität und präsentiert dazu Dalles Organ von seiner allerbesten Seite. Wo sie die Strophen noch eher launig hinrotzt, wird beim Refrain gut rausgehauen und virtuos geplärrt. Immer noch mein Favorit!

Wer sich aber nur auf die ersten Singles beschränkt, verpasst was. Schon der Anfang liefert mit „Rat Race“ und „Underworld“ zwei Stücke, die ein extrem spannendes Werk vermuten lassen. Aufwärmen ist nicht. Gleich kopfüber rein ins schmutzige Gitarrenmoloch. Hier battelt sich Retro-Punkrock mit Bläsern. Das zweite Stück gipfelt sogar in einem astreinen Mariachi Showdown. Gefällt mir sehr gut. Fetter Song.

Aber sie kann auch anders. „Dressed in Dreams“ nimmt gut Tempo und Druck raus, dafür die Synthies rein und kommt eher poppig, discomäßig daher. „Carry On“ treibts sogar noch weiter. Drumcomputer trifft auf Piano und eine ungewohnt zahme Version von Dalles Stimme. Die musikalische Kehrtwende gipfelt dann in „I dont need your love“. Hätte mir den Song irgendwer vorgespielt und mich raten lassen, von wem der ist. Keine Chance, dass ich auf Brody Dalle gekommen wäre. Sachtes Schlagzeug zu Piano und Streicher (Cello und/ oder Geige?). Dazu singt sie komplett mit Kopfstimme. Klingt eher nach Portishead treffen eine leicht hochgepitchte Sade. Und das Babygebrabbel-Intermezzo ist dann noch das I-Tüpfelchen der Schrägheit. Aber wenn man das mal alles beiseite nimmt, zum Ende hin gefällt er mir dann wieder richtig gut, dieser völlig verschrobene Song. (Ich bin halt doch einfach gestrickt. Pack Streicher dazu, und du hast mich im Sack…)

Mit dem düsteren „Blood In Gutters“ wirds nochmal Oldschool bevor das Album mit „Parties for Prostitues“ ganz wunderbar seinem Ende entgegenwalzert (nicht ohne am Schluss nochmal einen fetzigen Gitarrenexzess einzuschieben). Der elektronische Walzer-Beat, auf dem das Stück aufbaut, kommt hier von einer alten Drum-Machine aus den 70ern. Ein Top-Schlusslicht. Klingt wie Opernball in der Hölle.

Und dann ist es vorbei. Neun Songs, 41 Minuten. Saubere Leistung! „Diploid Love“ ist ein tolles Album, das mir dieses Jahr noch sehr ans Herz wachsen wird, soviel steht fest. Oft fühlt man sich musikalisch in die 00er Jahre und die damalige Club-Instanz, den guten alten Keller zurückgeschleudert. Klingt schon recht grungy. Man denkt unweigerlich an Hole, aber auch an Rocket From The Crypt und Nine Inch Nails. Irgendwie hat sie es aber geschafft, das alles stimmig in die Gegenwart zu transportieren. Und grade, wenn man anfängt sich einzugrooven, schlägt sie auch mal einen Haken in Richtung Pop. Dass es trotzdem nie zu discomäßig wird, dafür sorgt immer ihre Stimme. Und auch wenn das alles nicht mehr durchgehend so roh und gewaltig klingt wie zu Distillers Zeiten, Brody Dalle hat sich ihre Punk-Rock Attitüde und ihre Kanten bewahrt. Die eine oder andere hat das Familienleben vielleicht ein bisschen abgeschmirgelt aber das tut der Sache keinen Abbruch. Hier ist in erster Linie eine kluge Frau, die etwas zu sagen hat und musikalisch ordentlich was aufm Kasten. Ihren Hang zu Exzess und Selbtszerstörung vergangener Zeiten hat sie hinter sich gelassen, und sich musikalisch breiter aufgestellt. Das hier ist Brody Dalle 2.0. Über sich selbst sagt sie, sie sei jemand, der kein Nein akzeptiert. Sie setzt ihren Kopf durch, wenn es sein muss gegen alle Widrigkeiten. Und so ist es auch mit dieser Platte. Alle mal herhören! Brody macht, was Brody will. Basta. Diesmal halt eher mit erhobener Faust als ausgestrecktem Mittelfinger.

 

„Diploid Love“ von Brody Dalle ist am 28.04.2014 bei Caroline (Universal) erschienen. Die Platte ist auch in einer besonders hübschen Picture Vinyl Version zu haben. Siehe hier!)

 

Fotos: PR