Serien. Fluch und Segen. Und unser gemeinsames Laster. Irgendwie sind sie das neue extended Arthouse Kino. Auf Konventionen darf man da gern mal pfeifen, und das macht es so spannend. Denn was da in letzter Zeit für ehemalige TV-Verweigerer an wahren Dramaturgie-Perlen mit unverschämtem Sucht-Faktor geschaffen wurden, möchten wir wirklich nicht missen. Und auch musikalisch haben diese Werke oft einiges zu bieten. Ein Grund mehr mal genauer hinzuschauen, bzw. zu hören. Breaking Bad hat den Anfang gemacht, The Walking Dead zieht nach.

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Wann sind eigentlich Zombies der neue heiße Scheiß und das Thema so vieler Top-Movies und Serien geworden? Ich weiß es nicht so genau und hoffe auf Aufklärung durch die Bachelor-Arbeit meiner ebenfalls infizierten Schwester. Tatsächlich scheint das Thema gerade alle umzutreiben und so haben wir aktuell auch jenseits der Fantasy-Filmfest-Nische die Wahl zwischen apokalyptischen Bluckbustern (World War Z), europäischen Serien-Kleinoden (Les Revenants) und US-Hit-Formaten (American Horror Story). Die ebenfalls eine Renaissance erlebende Trash-Sparte mit Knüllern á la Zombeavers sei hier mal nicht weiter vertieft.

Man könnte vereinfacht sagen The Walking Dead ist sowas wie Lost mit Zombies. Ein bisschen stimmt das, aber die ganze Esotherik, mit der Lost am Ende gelangweilt hat, vergessen wir dabei mal. Auch bei The Walking Dead bleiben wir nicht ganz verschont von einem vom Schicksal gebeutelten und zunehmend morlainsaurem Anführer á la Doctor Jack, der über die Staffeln, mal mehr mal weniger mit sich hadert (Rick) und der auch noch ein kleines cowboy-spielendes Nerverl von Sohn im Schlepptau hat (Carl). Wenn man bei Google „The Walking Dead Carl“ eingibt, ist bereits das 3. vorgeschlagene Suchergebnis „The Walking Dead Carl nervt“. Das dürfte ganz im Sinne von Renzo sein. Der hätte die beiden nämlich schon nach Staffel 1 abgesägt. (Richtig?) Ich bin da gnädiger. Die beiden brauchts schon für die Story. Aber meine Lieblinge werden immer Daryl „Die Kutte“ Dixon und Ober-Badass Michonne und ihr Samuraischwert sein. Oh Gott, wie ich den Tag fürchte, wo es einen der beiden erwischt….

Die grundlegende Geschichte ist schnell erzählt. Irgendwas ist passiert in Georgia, Atlanta, den USA oder gar auf der ganzen Welt? So genau weiß man nicht, wie weitreichend die Katastrophe ist, und was sie verursacht hat. Was man weiß ist, dass der Großteil der Menschen verschwunden oder zu ziemlich fies ausshenden, blutrünstigen Zombies mutiert ist. Infrastruktur und Kommunikation sind zusammengebrochen, wer verschont geblieben ist, ist weitgehend auf sich gestellt und von der Außenwelt abgeschnitten. So wie Sheriff Rick Grimes, der nach einer berufsbedingten Schießerei ins Koma fällt und unbestimmte Zeit später allein im verlassenen Krankenhaus wieder zu sich kommt. Die Suche nach seiner Familie und Antworten auf das Unbegreifliche beginnt. Über die inzwischen 4 Staffeln finden sich Gruppen Überlebender zusammen und ziehen mal gemeinsam, mal getrennt voneinander durch die Lande. Immer auf der Flucht vor den sogenannten „Walkers“ oder „Biters“ (das Übel hat hier viele Namen) und der Suche nach dem ultimativen Unterschlupf.

Hier der hervorragende extended Trailer zu Staffel 1. (Wir wollen hier ja schließlich nicht unnötig rumspoilern.)

Die Serie lebt, wie auch Breaking Bad, eigentlich wie jede gute Serie, von der Vielzahl ihrer tollen Charaktere und deren Entwicklung. Ehrlicherweise ist ein sich zum Drogenbaron aufschwingender Chemielehrer immer noch realistischer als eine Zombie-Invasion, aber wenn man dieses Grundszeanrio einmal akzeptiert hat, kann die Serie einiges. Für Zartbesaitete ist aber auch dieses Format eher nichts. Daran sind zum einen die echt übel zurechtgemachten Zombies schuld, die von Staffel zu Staffel „besser“ aussehen und spekatukäler hingemeuchelt werden. Da wird Messer um Messer in die Köpfe der Untoten gerammt und auch gerne mal exzessiv in deren schleimigen Eingeweiden gewühlt. Aber mehr noch ist es die mitunter ziemlich drastische Dramaturgie, die hier und da durchaus an die Nieren geht. Nur soviel sei gesagt, hier werden keine Gefangenen und auch vor vermeintlichen Tabus (wenig zimperlich Hauptcharaktere oder sogar Kinder abtreten lassen) kein Halt gemacht. Da sind schon gute Schocker dabei.

Zu der allgemein desolaten Situation passt auch die Musik, die die Serie begleitet. Anders als bei Breaking Bad, das mit vielen unterschiedlichen Stimmungen und Genres arbeitet, beschränkt man sich hier auf düstere, oft folkige Töne mit leicht verzweifeltem Beigeschmack. Im Grunde ist ja hier erstmal alles scheiße, und da wären poppiger Electro oder Ska ja wahrlich etwas deplatziert. Aber auch viel schneidigen 70ies Rock gibts zu hören und hin und wieder überrascht eine Folge dann auch mit einem unerwartet lieblichen Song. Oft als zynisch zuckriger Counterpart zu dem krassen Treiben, das ringsum schon wieder am Laufen ist. Fast wie ein wiederkehrendes Stilmittel werden auch Songs eingesetzt, die zum Anfang oder Ende einer Folge (oder gar beide Male) fast vollständig eingespielt werden. Dann wird die Serie für kurze Zeit zum extrem aufwändig gefilmten Musikvideo.

Die Liste der Interpreten kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Alte Recken wie Johnny Cash, Tom Waits, Bob Dylan oder Led Zeppelin und Motörhoead finden sich darunter genauso wie die Indie-Größen Portugal. The Man und Of Monsters And Men oder Singer-Songwriter wie Sharon van Etten und Ben Howard. Aber auch herrlich kitschige Oldies von den Walker Brothers (wie passend!) untermalen gern mal das allgemeine Gemetzel. Oder das epische „Adagio in D Minor“ von John Murphy, das schon einen meiner absoluten Lieblingsfilme – Danny Boyles „Sunshine“ – veredelt hat und seitdem in unzähligen Filmen und Serien wiederverwertet wurde (aktuell auch im Trailer für „X-Men – Days Of Future Past“). Alles in allem eine sehr stimmige Zusammenstellung, die es je nach Gusto immer schafft, die Dramatik noch zu verstärken oder hier und da ein versöhnliches Gegenwicht dazu zu liefern. Und damit macht die Musik in dieser Serie alles richtig, und funktioniert dazu auch ganz gut losgelöst davon. Als leicht morbider, launiger Soundtrack, wenn man mal wieder eine Runde in wohldosierter Düsternis schwelgen oder ein bissl gepflegt seinen Grant kultivieren will.

Nachdem mich das eher schwache Finale der ansonsten richtig starken Season 4 etwas enttäuscht zurückgelassen hat (Wie kann man denn bitte eine Staffel so enden lassen?!?!), ist nun die elendige Warterei auf Season 5 angesagt. Derzeit wird in Georgia wieder gefilmt, im Oktober solls im US TV weitergehen. Bis dahin bleibt uns also nichts anderes übrig, als uns mit ein paar musikalischen Perlen der letzten 4 Staffeln über Wasser zu halten.


Hier ein persönliches Best Of:

Wenn ihr die Songs in dieser Playlist nicht abspielen könnt, meldet euch einfach kurz bei Spotify an. Das ist in der regulären Version gratis.

 

Foto: PR