Am 16. Mai verwandelten Hercules & Love Affair das Münchner Strom in einen House-Club der frühen Achtziger. Ausgelassen feierte das Münchner Publikum – Queers, Heteros, whatever – unter der Discokugel like it’s 1981. Die neue Besetzung des Band-Projekts von DJ und Produzent Andrew Butler überzeugt. Eine Dance-Party mit grandiosen Stimmen.

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Ein schleppender Beat, ein knarzender Bass, verzerrte Stimmeffekte. Das „Hercules Theme 2014“ groovt aus den Boxen. Die ersten Füße wippen. Schnell zieht das Tempo an, der Bass wummert im Bauch, bärtige Queers und Heteros reiben verzückt ihre Körper aneinander. In den folgenden knapp zwei Stunden verwandeln Hercules & Love Affair das ausverkaufte Münchner Strom in eine Disco-House-Party.

Hercules & Love Affair in da House! Hier ist der Name Programm. Andrew Butler, Gründer und Mastermind von Hercules & Love Affair, liefert Clubmusik fernab von stumpfen Böllerbeats. Stattdessen setzt er auf elegante, melodiöse Old-School-House-Tunes. Im Rahmen der aktuellen Tour gibt es einige Songs des neuen Albums „The Feast Of The Broken Heart“ zu hören.

Für Album Nummer drei scharte Andy Butler eine neue Truppe um sich, darunter John Grant und Krystle Warren. Ähnlich wie Hip-Hop-Produzenten wie Pharrell Williams oder Timbaland arbeitetet der 35-jährige Butler, der ursprünglich aus Denver stammt, gerne mit unterschiedlichen Künstlern zusammen. Aufgenommen wurden die neuen Songs in Wien, Butlers neuer Wahl-Heimat nach New York. Produziert wurde „The Feast Of The Broken Heart“, das im Vergleich zu den Vorgängern härter, elektronischer klingt und leider etwas an Groove verloren hat, von Butler zusammen mit dem österreichischen Produzenten-Duo Philipp Haffner und Constantin Zeileissen aka Haze Factory und Mark Pistel. Letzterer ist auch auf Tour mit dabei und bedient als ruhender Pol die Regler. Auch Andy Butler, in Latzhose und mit rosa NY-Cappy, hält sich während der Show im Hintergrund und lässt stattdessen die beiden Sänger/innen vorne auf der Bühne glänzen.

Die algerisch-französische Chanteuse Rouge Mary aus Paris, die optisch an den jungen Boy George erinnert, diesen mit ihrer Gospel-Stimme jedoch locker an die Wand singen würde, und der Belgier Gustaph, der im knappen Hipster-Hoppel-Anzug über die kleine Bühne voguet, teilen sich schwesterlich den Platz im Rampenlicht und singen sich durch das mittlerweile drei Alben umfassende Repertoire von Hercules & Love Affair.

Mary Rouge gibt das flirrende „The Key“ vom neuen Album zum Besten, flirtet mit dem Publikum. Gustaph haut die Single „Do You Feel The Same?“ raus. Großartig, die Bärte grinsen, die Diven dancen, und alle so: put your hands up in the air. Zur Halbzeit wirft der rothaarige Hunk Butler sein schweißdurchtränktes T-Shirt in die Menge. Es sei verschwitzt und stinke, gibt er zu bedenken. Manchmal ist „dirty“ aber auch ganz gut, kokettiert Gustaph.

327dae0dZu den warmen, souligen House-Klängen von „My House“ – vom 2010er Album „Blue Songs“ – groovt das Publikum in wohliger Eintracht. Alle haben sich hier ein bisschen lieb. Das etwas simpel geratene „5.43 To Freedom“ drängt sich als neue Gay-Hymne auf. Fürs „I Will Survive“ des 21. Jahrhunderts reicht es zwar nicht, aber die Botschaft ist dennoch nicht verkehrt: Jeder ist, wie er ist. Am Ende steckt eh in jedem von uns ein bisschen Männchen und Weibchen, wie Andy Butler einwirft. Gender-Confusion olé! Freiheit, Toleranz und Tralala – was Conchita Wurst derzeit im Öffentlich-Rechtlichen predigt, zelebrieren Hercules & Love Affair schon seit Jahren in den schwulen Szene-Clubs.

Trotz wechselnder Besetzung hat das Projekt Hercules & Love Affair nichts von seiner Strahlkraft verloren. Die Performer haben sichtlich Spaß auf der Bühne und reißen das Publikum mit, Rouge Mary und Gustaph sind grandiose Sänger/innen, beherrschen auch die älteren, von den ehemaligen Hercules-Diven Nomi Ruiz, Kim Ann Foxman, Aérea Negrot und Shaun Wright eingesungenen Songs von Hercules & Love Affair – wie etwa „You Belong“.

„Enough Is Enough“? Nö, noch lange nicht! Spätestens bei „Blind“, der ersten Single von Hercules & Love Affair, im Original mit Antony Hegarty von Antony & The Johnsons, gibt es kein Halten mehr. Doch irgendwann ist dann eben doch Schluss. Auch zu Studio-54-Zeiten ging irgendwann das Licht an. Das Strom füllt sich mit Rockern, es ist Alternative-Nacht. Aber hey, hier haben sich alle lieb. My House is your House!

Foto: www.herculesandloveaffair.net