Auf der anderen Seite der Erde gibt es selbstverständlich auch eine lebendige Popkultur. Selten jedoch schafft ein Popstar von Down Under – neben längst etablierten Größen wie Kylie Minogue, INXS, AC/DC, Nick Cave, den Bee Kees, Crowded House oder the one and only Olivia Newton-John –  den internationalen Durchbruch. Erscheinen doch mal Talente von der anderen Seite der Welt auf dem Popradar, tauchen sie oft wie aus dem Nichts auf – siehe Beispiel Lorde. Wir stellen euch ein paar vielversprechende australische und neuseeländische Jungtalente vor.

chet_faker_LisaFrielingPhotography

Es knarzt, und rumpelt. Das wohlige Gefühl von Vinyl. „Built On Glass“, das großartige Debütalbum von Chet Faker – zugegeben, der Name, eine Anspielung, natürlich, auf Chet Baker, ist leicht bescheuert – klingt nach angestaubten Platten und analogen Instrumenten, die Tracks sind aber elektronisch eingespielt.

Lange mussten Fans auf den ersten Longplayer des bärtigen Australiers warten. Mit seinem Blackstreet-Cover „No Diggity“ und der ersten EP „Thinking In Textures“ verdrehte Chet Faker, bürgerlich Nicholas James Murphy, bereits vor über zwei Jahren den Bloggern von Bondi Beach bis Williamsburg die Köpfe. In seiner Heimat absolvierte der aus Melbourne stammende Musiker bereits ausverkaufte Tourneen und eroberte mit „Built On Glass“ Platz eins der Charts.

Chet Faker kombiniert Jazz und Soul mit elektronischem Gefrickel, dazu sein warmer Gesang. Für das prickelnde „Melt“ schnappte er sich US-Sängerin Kilo Kish als Duettpartnerin. Der erst schleppende Beat von „1998“ steigert sich zu einer entschleunigten House-Nummer. Und alles wie auf Platte. Das Vinyl-Feeling ist Chet Faker allem Anschein nach ziemlich wichtig: Track 7, „/“, ist kein Song, sondern der Moment, in dem das Vinyl auf dem Plattenspieler umgedreht wird. Eine Männerstimme ermuntert uns: „Drift a little deeper, as you listen.“ Läuft. Perfekt für einen Sommerabend auf dem Balkon oder verlängerte Sonntage im Bett.

Für Lagerfeuerromantiker

Vance_Joy__Press_Picture_101Für laue Sommernächte eignen sich die Songs von Vance Joy. Mit seinem frischfröhlichen Folk-Song „Riptide“ eroberte der Singer/Songwriter aus Melbourne, der eigentlich James Keogh heißt, in Australien bereits im Juni vergangenen Jahres die Charts.

Der Musiker gab bereits Sold-Out-Shows im in Australien weltbekannten Worker’s Club (anyone?). Im Frühjahr schaffte es Vance Joy dann auch hierzulande in die Hitlisten, nicht zuletzt dank eines sommerlich leichten House-Remixes von Flic Flac. „Als Kinder haben wir während unserer Strandurlaube immer in einem Motel mit dem Namen Riptide übernachtet“, erinnert sich Vance Joy an die Hintergründe zu seinem Hit. Auf der Debüt-EP „Riptide“ von Vance Joy gibt es neben dem Titellied weitere tolle Folk-Tunes wie „Snaggletooth“, eine Ode an die Marotten der Menschen, die man liebt.

Bärtige Diva

Direkt ins Herz trifft auch der fragile Gesang des australischen Singer/Songwriters Ry X. Beim diesjährigen m4music gab er anfangs zwar die bärtige Diva, doch lange kann man diesem Musiker von Australiens Ostküste (mittlerweile ist er in in Los Angeles beheimatet) nicht böse sein. Sein schlichter, filigraner Song „Berlin“, der es dank eines TV-Spots für einen Sony-Flachbildschirm sogar in die Charts schaffte, betört lediglich durch Akustik-Gitarre und Falsettgesang. Auf der gleichnamigen Debüt-EP gibt es drei weitere zartzerbrechliche Folk-Songs.

Aboriginal portrait_1Vor einigen Jahren sammelte Ry X übrigens Erfahrungen im Mainstream-Biz: Unter seinem bürgerlichen Namen Ry Cuming veröffentlichte er über das Sony-Music-Label Jive ein Album, das u.a. die Single „Harder To Say“ und die Akustik-Ballade „Always Remember Me“, ein Duett mit Sara Bareilles, hervorbrachte. Der Deal brachte ihm auch einen Support-Slot für Maroon 5 ein.

Heute setzt Ry X zum Glück auf experimentelle Klänge und lotet seine musikalischen Grenzen mit unterschiedlichen Kollaborateuren aus. So hat er 2012 zusammen mit Frank Wiedemann von Âme das Elektro-Projekt Howling ins Leben gerufen. Vor kurzem sorgten die beiden beim Organic Dance Festival in München für Gänsehaut – und das im Zenith!

Ry X‘ jüngstes Band-Projekt hört auf den Namen The Acid. Zusammen mit Steve Nalepa und DJ Adam Freeland nahm er den Song „Basic Instinct“ auf. Das Debütalbum „Liminal“ erscheint am 4. Juli. Am 7. Juni spielen The Acid in Hamburg, am 9. Juni in Berlin. Und wer Ry X solo erleben möchte, hat im Sommer bei einigen Open-Airs die Gelegenheit dazu, u.a. ist er beim Haldern Pop und beim Hamburger „Dockville Festival“ zu sehen.

Family Affairs

BROODS - CMS SourceAuch Neuseeland hat neben bereits etablierten Indie-Acts wie Ladyhawke, Kids Of 88, Flight Of The Conchords und The Naked And Famous einige Jungtalente am Start. Das Geschwister-Duo Broods aus Auckland zum Beispiel landete mit der Single „Bridges“ bereits in den Top 10 der neuseeländischen Charts. Für ihre Debüt-EP und das für Sommer angekündigte erste Album arbeiten Sängerin Georgia und ihr älterer Bruder Caleb Nott mit Joel Little zusammen. Der Produzent verhalf bereits Lorde mit „Pure Heroine“ zum internationalen Durchbruch. An deren Niveau kommen die beiden mit ihrem schwelgerischen Synthie-Pop jedoch nicht heran.

Vielversprechender ist da eine andere Familienbande aus Australien. Angus & Julia Stone sind in ihrer Heimat bereits kleine Superstars. Ihre beiden bisherigen Alben „A Book Like This“ (2007) und „Down The Way“ (2010) sowie je zwei Solo-Werke bescherten dem Geschwisterpaar zahlreiche Auszeichnungen und Chartserfolge. Diesen Sommer legt das Duo aus Sydney sein selbstbetiteltes drittes Studioalbum vor. Dafür holten sich die Geschwister Unterstützung von Über-Produzent Rick Rubin (Beastie Boys, Johnny Cash, Adele, Red Hot Chili Peppers). Wir tippen auf entspannte Surfer-Grooves, genau richtig fürs Beach-Feeling und den Fußball-WM-Kater. Am 17. Juni sind die Geschwister im Atomic Café zu Gast, außerdem stehen sie beim „Sounthside“-Festival auf der Bühne.

Und noch ein Sister Act von Down Under: Say Lou Lou. Elektra und Miranda Kilbey, zwei Zwillingsschwestern aus Sydney, schafften es Anfang dieses Jahres sogar auf die Newcomer-Hotlist der BBC. Ihr Vater, Steve Kilbey, war Frontmann der australischen Rockband The Church, ihre Mutter stammt aus Schweden, wo die beiden Schwestern teilweise aufwuchsen. Entdeckt wurden Say Lou Lou von den Machern des französischen Labels Kitsuné, die den Song „Maybe You“ veröffentlichten. 2013 folgten zwei EPs. Auf „Julian“ ist die B-Seite „Cool Of Me“ enthalten, für die Say Say Lou mit Chet Faker zusammenarbeiteten. Ihr schläfriger Dream-Pop dürfte vor allem Hipster-Herzen höher schlagen lassen.

Iggy Azalea Pressefoto 2013 - CMS Source

Etwas derber geht es bei ihrer Landsfrau Iggy Azalea zu. Die 24-Jährige aus einem australischen Kaff namens Mullumbimby (Brisbane ist ca. 2 Autostunden entfernt) mischt seit ihrem Umzug in den Süden der USA die internationale Rap-Szene mit ihren messerscharfen Rhymes auf. Mit 16 kam sie nach Miami, acht Jahre später gehört sie zur A-Liga der Pop-Prominenz, war u.a. mit Nas und Beyoncé auf Tour. Aktuell dominiert sie zusammen mit Ariana Grande und dem Smash-Hit „Problem“ weltweit die Charts.

Auf ihrem Debütalbum „The New Classic“ knallt uns Iggy Azalea, bürgerlich Amethyst Amelia Kelly, Bouncer wie „Work“ und „New Bitch“ vor den Latz. Unterstützt wurde sie u.a. von Rapper T.I. und Pop-Göre Rita Ora. Mit Charli XCX nahm sie den potentiellen Sommer-Hit „Fancy“ auf. Gekonnt kombiniert die Rapperin Dance, Hip-Hop und Pop.

Australien und Neuseeland haben musikalisch also einiges zu bieten. Weitere Anspieltipps: Pnau bzw. Empire Of The Sun, Flume und Cut Copy bringen Elektro-Fans auf Touren, Popper kommen bei Sia Furler – die für einige der größten Hits der vergangenen Jahre verantwortlich zeichnet – auf ihre Kosten und die Rockfraktion dürfte bei den Psychedelic-Rockern von Tame Impala, den Indie-Bands Boy & Bear, The Jungle Giants und San Cisco sowie natürlich Brody Dalle in Fahrt kommen. Und die neuseeländische Dub-Spezialisten Fat Freddy’s Drop sowie Sängerin Ladi6 liefern entspannte Songs, perfekt für die heißen Tage.

Und natürlich:

Als Schmankerl für euch hier unser Best-Of-Down-Under:

Foto: Chet Faker: Lisa Frieling Photography, Vance Joy: Warner Music, Ry X: Presse, Broods: Universal Music, Iggy Azalea: Universal Music