Ein Quintett aus Portland, das die Grenzen von Folk, Blues, Gospel und ein wenig Punk verschwimmen lässt? Bittesehr, das sind The Builders and the Butchers. Vor ihrer Show in München hatten sie Zeit für uns: für einen Song und ein Gespräch. Voilà.

„Wieso sitzen da zwei hinter dem einen Schlagzeug?“ war die große Frage des Abends. Spätestens nach dem zweiten Song gab es keinen Zweifel an der Antwort: Weil es lauter ist. Zwei Schlagzeuger, ein Bassist, ein Gitarrist und ein Gitarrist/Mandolinist/Banjo-Player, das sind The Builders and the Butchers. In einer gut einstündigen Show zeigten sie, wieso sie so einzigartig sind: Getrieben von Justin Baiers‘ und Ray Rudes Drums, spielten sich Frontmann Ryan Sollee, Bassist Willy Kunkle und Harvey Tumbleson an allerlei Saiteninstrumenten komplett rastlos durch ihre inzwischen fünf Alben, ihr Set fühlt sich an, als wäre man auf einem wilden Gaul unterwegs durch den amerikanischen Westen.

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Wäre es so, es wäre eine Bomben-Combo: Rude und Baier schlagen fast synchron auf ihre Drums ein, Kunkle sieht einem bislang unbekannten Verwandten der Allman Brothers ähnlich, der rothaarige Ryan Sollee leuchtet als Frontmann-Mittelstück und Tumbleson spielt als größter Herr der Band die kleinsten Instrumente (Mandoline und Banjo). Völlig neue Rollenverteilung auch gegen Ende: Kunkle mischte auch noch am Schlagzeug mit, Rude wechselte an das Keyboard und Tumbleson klampfte, wie es Primus nicht besser könnte. Und mittendrin immer Sollee, dessen Stimme einen immensen Wiedererkennungswert hat. Würde es nicht schon Gospelprediger geben, man müsste sie für ihn erfinden. Wie kommt das alles? Und woher kommt der Hang zum American Gothic, dem melancholischen Gospel? Ryan Sollee höchstpersönlich hat uns das alles beantwortet:

Wie würdest du euern musikalischen Stil beschreiben?
Gothic Americana. Wir waren mal einfach nur eine Folk-Band, aber über die Jahre hinweg entwickelten wir uns weiter. „Americana“ bedeutet für mich eine Mischung aus Gospel-, Country-, Blues- und Folkmusik. Wir lassen uns von all diesen Untergenres beeinflussen.

Ist denn Americana nicht eigentlich der Sound des Südens und nicht der des Nordwestens, aus dem ihr kommt? Und wieso seid ihr eigentlich damals von Alaska nach Portland gezogen?
Ja, Süden und Mittlerer Westen. Umgezogen bin ich für die Musik. Ich wollte aus Alaska raus, weil es einfach sehr abgeschnitten vom Rest der Welt ist. Musik war da ein sehr guter Katalysator für den Umzug. Es findet sich aber immer noch viel von Alaska in meinen Songs wieder. Ich fahre jedes Jahr hin!

Was dient euch noch alles als Inspiration?
Geschichten. Geschichten, die ich höre oder lese. Wenn ich ein Buch lese, dann denke ich manchmal bei einer Szene „Wow, das gäbe einen echt coolen Song her!“ Alles, was ich sehe und lese, kann mich zu einem Song veranlassen. Ich glaube, dass ein Songwriter wie ein Filter ist: Viele Leute nehmen manche Sachen ganz anders wahr als ich. Ich sehe oft etwas Düsteres und Trauriges in allen Dingen, obwohl das eigentlich gar nicht meinem Naturell entspricht.

Ebbt denn der Americana-Trend mit seinen ganzen Folk-, Blues- und Gospeleinflüssen ab?
Ich glaube, dass die Zeit dieses Trends langsam vorbei ist. Wenn man Musik lange genug verfolgt, dann sieht man, dass es Trends und Bands gibt. Manche Bands sind viel besser als mancher Trend. Manche Bands bleiben. Ab und zu fragt man sich, wieso dieser Künstler überleben konnte und ein anderer nicht. Ich denke, sehr wichtig ist hier eine gewisse Weiterentwicklungsfähigkeit. Wir wurden mit The Decemberists verglichen und dann auch mit Mumford & Sons – die Band, die eben gerade in ist, ist der Beurteilungsrahmen vieler Menschen. Das ist auch okay so. Ich denke aber, dass der Trend sich bald überlebt hat – elektronische Musik ist wieder auf dem Vormarsch.

westernWas ist dein Lieblingssong auf eurer aktuellen Platte „Western Medicine“?
Ich mag ein paar ziemlich gern. Ich mag den letzten „Take Me Home“, das ist ein Gospelsong. Und ich mag „No Roses“. „Poison Water“ spielen wir alle gern live und ich spiele gern „Redemption Song“ auf den Konzerten.

„Desert is on Fire“ beruht angeblich auf einer wahren Geschichte. Stimmt das?
Ja, wir waren auf Tour im Südwesten der USA auf einem Highway unterwegs. Da brennt es ziemlich oft, weil es heiß und trocken ist. Aber die Geschichte stimmt: Auf beiden Seiten des Highways brannte es lichterloh. Die Kakteen zu unseren Rechten und Linken haben gebrannt. Das ist wirklich verrückt, weil das sieht man nie. In den nächsten Tagen habe ich dann darüber den Song geschrieben.

Gab es denn auch noch andere verrückte Zwischenfälle auf eurer Tour?
Ohja, wir waren einmal unterwegs und um uns herum schlug konstant der Blitz, rund um den Tourbus. Das war ziemlich wild.

Ihr habt immer einen Gospelsong am Ende eurer Alben. Ist da ein System dahinter?
Ja, das stimmt. Wir haben zum Schluss immer einen Gospel, weil die anderen Songs auf den Alben meistens sehr düster sind. Ich möchte aber nicht, dass sich die ganze Platte schwermütig anhört.

Gibt es denn andere Musiker oder Bands, die eure Arbeit beeinflussen?
Ich war immer schon großer Led-Zeppelin-Fan. Wir haben ja ein paar neuere Mitglieder in der Band und die sind eher so klare Rocker, da mussten wir an den Songs schrauben, bis alles gepasst hat. Ich mag auch Tom Waits wahnsinnig gern: Wenn ich einen Song schreibe oder im Studio bin, frage ich mich regelmäßig, ob Tom Waits dies oder jenes tun würde. Ehrlich, der steht auf meiner Liste von Künstlern, die ich bewundere, ganz oben.

Was ist dir lieber: Aufnehmen oder Shows spielen?
Ich mag natürlich beides. Aber wenn ich mich zwischen einem Tag im Studio, an dem wir an Songs rumfrickeln, und einem guten Konzert entscheiden müsste, nähme ich immer die Live-Show.

Unterscheiden sich eure Touren in den USA von den Touren in Europa?
Absolut. In den USA bekommst du einen Zwölfer-Pack Bier hingestellt und das war’s. Hier sind die Leute unfassbar hilfsbereit und gastfreundlich.  Sie sind interessiert an der Musik und kümmern sich um die Unterkunft, das Essen, das Bier. Das ist toll. Chicago, San Francisco und New York sind coole Städte für Auftritte in den USA, aber hier konzentrieren sich die Leute viel mehr auf dich und das, was du machst.

Machen wir gern. Und deshalb haben wir hier als Schmankerl auch ein Video: Ryan Sollee und Harvey Tumbleson spielen für euch auf. Weil der Sommer kommt und die Wand so schön bunt ist, diesmal auch in Farbe. The Builders and the Butchers sind übrigens noch auf Tour.

Foto: PR