WM-Zeit ist Mitgröhl-Zeit – auch dieses Mal gibt es unzählige Songs, die sich als Stadion-Hymne oder Public-Viewing-Schlachtruf empfehlen. Die meisten sind leider eher nicht so gut. Wir versorgen euch in den kommenden Wochen mit Mitgröhl-Songs, die nicht peinlich sind. Ach so, und nein, von den Sportfreunden Stiller gibt es kein Update ihres Fußball-Über-Hits.

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Bei einer Fußball-WM schlagen die Emotionen hoch. Erwachsene Männer kleben wie besessen Sticker in ein Heft ein und geben dafür geschätzt 200 Euro aus, alle diskutieren über Jogi Löws Spieltaktik und die besten/attraktivsten Spieler. Megastars wie Jennifer Lopez entdecken plötzlich ihre Verbundenheit zum „fútbol“, andere glauben fest daran,  „dass dieser wunderbare Sport und die Kraft der Musik uns einen können“. Ist klar. Es herrscht globaler Ausnahmezustand, die Welt befindet sich im Freudentaumel. Korruptionsvorwürfe und Kritik an der FIFA-Mafia und der brasilianischen Regierung sind plötzlich passé. Oder fast zumindest.

Eine Fußball-WM ohne Musik ist wie Jogi Löw ohne Nivea. Die richtigen Songs machen den Sport erst zum Spektakel. Schon das diesjährige WM-Motto, „All In One Rhythm“, klingt wie der Titel eines Sommerhits. Wie alle vier Jahre gibt es auch dieses Mal den passenden, offiziellen Soundtrack – und unzählige selbsternannte Kabinenaufwärmer und Rasenhits.

Kurz zum offiziellen Rahmenprogramm: Jenny from the Block hat gemeinsam mit Pitbull und der in Brasilien weltbekannten Sängerin Claudia Leitte den Song „We Are One (Ole Ola)“ aufgenommen. Bevor am 12.Juni im Eröffnungsspiel Gastgeber Brasilien gegen Kroatien antritt, werden uns die drei Musiker live in der Arena de São Paulo ihren Hit vor den Latz knallen. Der schlimme Dance-Pop-Song mit lateinamerikanischem Flair dürfte uns die kommenden Wochen begleiten. Unser Tipp: Ohrstöpsel beim Public-Viewing nicht vergessen.

„Waka Waka“ hieß es vor vier Jahren, jetzt also „Ole Ola“. Doch damit nicht genug. Ein offizieller FIFA-Song reicht schließlich nicht. Nein, es gibt auch eine offizielle FIFA-Hyme. Die stammt dieses Mal von Carlos Santana, Wyclef Jean, Alexandre Pires und dem derzeit unvermeidbaren Avicii. „Dar um Jeito“ wird bei der Schlussfeier in Rio de Janeiro gespielt. Und sogar das Maskottchen hat einen eigenen Song: „Tatu Bom De Bola“ aus der Feder des brasilianischen Sängers Arlindo Cruz. Im Fernsehen berieseln uns dann OneRepublic mit „Love Runs Out“ zu den „Bildern des Tages“, die ARD dröhnt uns mit „Auf uns“ von Andreas Bourani zu.

Unzählige Künstler, darunter Schlager-Stars wie Jürgen Drews, Comedians wie Matze Knop, und zu Recht längst vergessene Dance-Combos wie Bellini oder Deutschrocker wie Joachim Deutschland haben pünktlich zur Fußball-WM einen Motivationshit am Start, der die deutsche Nationalelf ganz nach vorne bringen soll. Stefan Raab, der 1994 zur Fußball-WM mit „Böörti Böörti Vogts“ einen Top-5-Hit landete, beglückt uns 20 Jahre später mit „Wir kommen, um ihn zu holen“.

Andere unterlegen alte und neue Hits mit vermeintlich brasilianischen Rhythmen. Brasilien ist plötzlich überall. Fatboy Slim und ein paar seiner DJ-Spezln wie Fedde Le Grand vergreifen sich für den Sampler „Bem Brasil“ – auf Deutsch: „äußerst brasilianisch“ – an brasilianischen Klassikern. Ein paar Beats dazu, fertig ist die WM-Brasilien-Sause. Natürlich total authentisch. Schlimmer geht’s nicht mehr? Oh doch! Die Euro-Dance-Veteranen Vengaboys haben sich für ihren neuen Track „2 Brazil“ den Klassiker „Brazil“ zur Brust genommen – was sie im Clip zu ihrer neuen Single ziemlich ernst nehmen.

Aber wieso sollten Lahm und Co. zu bescheuerten Dance-Pop-Beats und debilen Reimen zu Höchstform auflaufen? Wieso immer die schlimmsten Songs und nervigsten Künstler? Muss es wirklich Xavier Naidoo sein? Es gibt durchaus Spieler mit Geschmack: Wayne Rooney zum Beispiel hat einiges von Ed Sheeran auf seiner persönlichen WM-Playlist. Und wir hätten auch noch ein paar Vorschläge zur Untermalung fürs „große Bolzen“. Stay tuned!

Und hier noch ein bisschen Schlaumeier-Wissen für die Halbzeit:

  • der erfolgreichste Fußball-WM-Song ever: „Waka Waka (This Time For Africa)“ von Shakira feat. Freshlyground
  • „Un’estate italiana“ von Gianna Nannini und Eduardo Bennato wurde von Disco-Legende Giorgio Maroder produziert
  • das „Sommermärchen 2006“ bescherte uns nicht nur Public Viewing, sondern gleich mehrere WM-Hits: Herbert Grönemeyers „Zeit, dass sich was dreht“, „’54, ’74, ’90, 2006“ von den Sportfreunden Stiller, „Love Generation“ von Bob Sinclar und „Mein Weg“ von Xavier Naidoo – dagegen hatte es die offizielle FIFA-Hymne „The Time Of Our Lives“ von Il Divo (!) schwer
  • 2010 lieferten Bushido und Kay One mit „Fackeln im Wind“ den offiziellen Mannschaftssong der deutschen Elf
  • „Fußball ist unser Leben“, den Song zur Fußball-WM 1974 in Deutschland, sangen u.a. Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß
  • 1994 ging die Nationalelf zur WM in den USA mit den Village People ins Studio, das Resultat: „Far Away In America“

Foto: Gerald von Foris