Wir hatten es ja schon angekündigt: Der Kopf von Hot Water Music, der Gründer der Revival Tour, einer unserer Musikhelden, Chuck Ragan himself, hat sich Zeit für uns genommen. Wie nett!

artikelDer Termin für das Interview verschiebt sich leicht nach hinten. Chuck Ragan steht draußen im Nieselregen und telefoniert. Ich sitze im Backstage-Bereich der Münchner Theaterfabrik, habe eben mit Matt Gould aka Northcote gesprochen und warte auf meine 20 Minuten mit Chuck Ragan. Als die Tür aufgeht und er mich begrüßt, entschuldigt er sich: Seine Hunde seien krank, deswegen das Telefonat. Sie hätten eine Krankheit, deren deutschen Namen wir nicht eruieren können, aber es wäre recht unschön und er leide von hier  aus mit seiner Frau und den beiden Labradoren in Kalifornien mit. Seine Hunde, seine Frau, seine Musik – bei diesen drei Themen funkeln die Augen des gebürtigen Texaners. Unzählige Interviews hat er seit dem Release seines aktuellen Albums „Till Midnight“ geführt, nun wird es ernst und ich bin mit meinen Fragen dran: Los geht’s!

Freust du dich, zurück in Deutschland zu sein?
Ja, sehr sogar. Ich liebe es hier. Ich habe hier so viel Gutes erlebt und über die Jahre hinweg so viele wunderbare Menschen gertoffen, die inzwischen gute Freunde geworden sind. Die Shows, die Menschen, das Essen, die Gastfreundschaft – das alles ist großartig.

Du spielst auf der aktuellen Tour ja sicher viel von deiner aktuellen Platte „Till Midnight„, auf der sich mehr Liebeslieder als auf deinen sonstigen Alben finden. Ist es denn schwer, vor Publikum über Beziehungen und Liebe im Allgemeinen zu singen?
Nein, nicht für mich. Ich bin sehr zufrieden mit meinem momentanen Zustand: Behaglichkeit und Glückseligkeit. Im Oktober werde ich zehn Jahre lang verheiratet sein, meine Frau ist alles für mich. Es ist nicht immer alles toll und easy, Verheiratetsein kann schon auch Arbeit bedeuten, bei der beide Beteiligten einer Ehe etwas opfern müssen. Bei meinem Job ist das nicht immer leicht: Du kommst und gehst wieder, bist auf Tour, du bist nie lange zu Hause. Diese Liebeslieder zu spielen ist für mich also nicht nur therapeutisch, sondern ich bin auch einfach sehr stolz auf das alles.

Ihr habt eine lustige Aufnahmewoche für „Till Midnight“ hinter euch: Die Camaraderie, deine Band, kam zu dir nach Hause. Hat das etwas an deinen ursprünglichen Ideen für die Songs geändert?
Die Songs waren von vornherein sehr geraderaus. Strukturell hat sich also wenig verändert, allerdings wollten wir eine offene Diskussionsfläche bieten, bei der jeder ein Mitspracherecht hat. Wenn jemand also eine Idee hatte – raus damit! Wenn jemandem etwas nicht gefiel – schlag was Besseres vor! Von dieser Herangehensweise profitierten die Platte und ihr Vibe. Alle waren offen für Ideen und die ganze Zeit voller Tatendrang. Jetzt, auf der Bühne, spielen wir mit der gleichen Energie.

Chuck Ragan

Würdest du das nächste Mal also wieder so aufnehmen?
Ja. Wir waren schon in einem Studio, aber während des Aufnahmeprozesses waren alle bei mir zu Hause: Wir saßen um ein Lagerfeuer, wir fischten im See, spielten gemeinsam Musik. In solchen Situationen fühle mich am geerdetsten. Es gibt keinen Druck. Die größte Sorge ist dann immer, dass keiner das Abendessen anbrennen lässt und dass man das Feuerholz vor dem Regen abdecken muss. Alles andere ist nice und easy. Die Songs kommen dann von ganz alleine.

Du sagtest einmal, dass am schlimmsten auf Tour immer wäre, dass du von deiner Frau, deinem Zuhause getrennt bist. Ist das immer noch so oder fehlt dir irgendetwas mehr?
Nein, das ist immer noch das Schlimmste für mich.

Was ist das Beste an einer Tour?
Wieder zu meiner Frau und meinen Hunden zurückzukehren. [Okay, jetzt hat er uns komplett, der harte Punkrock-Hardcore-Musiker mit dem weichsten Kern aus Gold, den man sich vorstellen kann.] Naja, nein. Es ist toll, dass man auf Tour Leute trifft, die einen mit offenen Armen empfangen und Interesse an unseren Werten und unserer Musik zeigen – das ist überwältigend. Keiner von uns erdachte sich das auch nur ansatzweise in seinen kühnsten Träumen. Wir sind auf der anderen Seite des Atlantiks, weit weg von zu Hause und werden so herzlich aufgenommen. Das i-Tüpfelchen ist natürlich, dass wir unsere Songs, unsere Musik mit Fans teilen können.

Du reist viel, warst auch mit deinen Eltern schon immer viel unterwegs und lebtest in verschiedenen Staaten. Ist Kalifornien jetzt dein Zuhause?
Ja, deftinitiv. Da, wo meine Frau ist, ist mein Zuhause. Ich zog vor zwölf Jahren nach Kalifornien und seitdem hat mir meine Frau so wahnsinnig viel dort, vom Leben, von der Welt und von Kalifornien gezeigt.

Du fischst. Was war der größte Fisch, den du je gefangen hast?
Meine Frau. Haha, und in echt ein 350 Pfund schwerer Bullenhai. Da wird man bescheiden: Ich tat damals wirklich viel, um nur im Boot zu bleiben, denn das ist schon wirklich ein Riesentier. Und dann ließ ich ihn los.

Stichwort „Revival Tour“. Wie bist du auf die Idee dafür gekommen?
Meine Frau und ich überlegten uns das Konzept für die Revival Tour 2007. Wir wollten mit der sonst üblichen Hierarchie bei Live-Shows aufräumen. Bei vielen Konzerten sehen die Leute nicht einmal die Vorband, sondern nur den Headliner. Für uns war nicht nur wichtig, dass Künstler und Songwriter, die die Leute schon kennen, mit an Bord sind, sondern auch unbekannte Underdogs. Das ist für mich ein sehr besonderes Element der ganzen Revival Tour: Dass die bekannten Künstler mit den unbekannten gemeinsam auf der Bühne stehen und spielen, dass sie gleichermaßen wichtig sind. Die typische Hierarchie löst sich auf, das Ego kann heim gehen. Es sind einzigartige und schöne Shows, denn jedes einzelne Konzert verläuft anders. [Gute Neuigkeiten: Chuck Ragan plant die nächste Revival-Tour, aber es ist etwas schwierig, die Zeitpläne zu koordinieren. Keep your fingers crossed!]

Nun zu unserem Sonderbeitrag „Music Education with Chuck Ragan“! Ich nenne ein Genre, du definierst es in einem Satz und nennst einen Künstler dazu:
1. Hardcore
Hardcore habe ich dank einer Menge Bands aus New York City in jungen Jahren für mich entdeckt. Als ich aufwuchs, war Hardcore für mich Sick Of It All und Sick Of It All war Hardcore. Es gab diese Band und all die anderen Bands, die Sick Of It All mochten.
2. Rock’n’Roll
Rock’n’Roll – darüber könnte ich ewig sprechen. Rock’n’Roll war die Musik, die ich über die PA-Anlage des Baseballfelds hörte, als wir dort als Jugendliche mit unseren Rädern umhergefahren sind. The Rolling Stones, CCR und all das. Als ich in Louisiana mit dem skaten anfing, baute der Vater eines Freundes unsere Skateboard-Rampen und dort hörte ich zum ersten Mal wirklich viel Rock’n’Roll. Für mich bedeutet Rock’n’Roll schlichtweg Freiheit.
3. Punkrock
Ich kam über das Skateboardfahren zum Punkrock. Germs und GBH, Bad Brains und die Sex Pistols – mehr Punkrock ging nicht. Ich kannte nichts anderes, es war einfach die Musik von Verrückten, die mich sowohl auflud als auch beängstigte. Wir skateten damals und wir waren sehr selbstzerstörerisch: Wir warfen uns mit den Boards von Häusern und Treppen hinab, keiner von uns dachte, dass wir älter als 18 werden würden. Wir wollten nicht einmal älter als 18 werden.
4. Folk
Das ist für mich Musik von Leuten für Leute. Folk kann viele Musikrichtungen sein: Townes Van Zandt, Steve Earle, das, was wir machen, die Afro-Cuban Allstars, Buena Vista Social Club, Ruben Gonzales, Xavier Rudd  – Folk ist Storytelling, ganz gleich, ob die Geschichten mehrere hundert Jahre alt oder ganz aktuell sind.
5. Americana
The Avett Brothers machen das. Die vereinen einfach Bluegrass und Folk mit Gospel und Blues.

Du kommst sehr glücklich und entspannt rüber. Wie wird man so glückselig wie du?
Das Leben ist verdammt noch mal zu kurz. Wenn du etwas machst, das dich nicht glücklich macht – hör auf damit. Man sagt viel zu oft „Ich habe keine Wahl“, aber das ist falsch: Wir haben immer eine Wahl. Vielleicht ist es Angst oder Unsicherheit, die uns dazu bringt, so zu denken. Die Wahrheit liegt aber doch auf der Hand: Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied.

Das war’s, unser Interview mit Multi-Talent Chuck Ragan, der eigentlich nur ein gemütliches Leben zu Hause mit Freunden und Familie führen, Songs schreiben und sein eigenes Gemüse anbauen will. Er hat ein wenig mehr erzählt als ich hier aufgeschrieben habe, deswegen gibt es hier unten die Audiofile des Gesprächs. Wir sagen nochmals vielen Dank für die Zeit, den Tipp für ein glückliches Leben und den Song im Video.

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Fotos: PR, themusicminutes