„Between the click of the light and the start of the dream“, diese eine Zeile beschreibt so gut wie kaum eine andere, was Konzerte so großartig macht. Das Gefühl in diesem kurzen Moment, wenn es losgeht. Saallicht aus, Bühnenlicht an. Auftritt Band. Sie stammt aus „No Cars Go“ meinem Lieblingssong dieser Band, die Arcade Fire heißt, und die es immer schafft mich glücklich zu machen. Meistens auf Platte, und jetzt zum zweiten Mal auch live.

Arcade Fire 2013 - CMS Source-4Manchmal reicht es nicht, einfach nur in die U-Bahn zu steigen. Arcade Fire haben noch nie mit Konzerten um sich geschmissen und mich 2011 schon in den Londoner Hyde Park pilgern lassen und auch diesmal lassen sie sich wieder besonders bitten. Im Rahmen ihrer „Reflektor Tour“ stehen für deutsche Fans nur Dresden und Berlin zur Auswahl. Gut, vorher gab’s schon für die in musikalischer Hinsicht echt gesegnete Hauptstadtbevölkerung einen eher ungeheimen Secret Gig im Astra (getarnt als „The Reflektors“) und noch eine Show im Postbahnhof. Aber die Ticketkontingente und der Hype – reden wir nicht drüber. Es juckt also inzwischen einfach zu stark in den Fingern oder besser in den Ohren und als die Dresden-Connection eine übrige Karte meldet, ist die Wahl schnell getroffen. Dienstagmittag zu dritt rein ins Auto, schnell mal fünf wüste Sampler-CDs durchgehört und schon steht man um 18:00 Uhr als 8er-Gang in der Warteschlange vor Dresdens Junger Garde. Das Freiluft Amphitheater ist so etwas wie die kuschligere und schöner gelegene Version der Berliner Wuhlheide.

Aufwärmphase

Owen Pallett eröffnet. Einer aus den eigenen Reihen. Auch als Violinist im Ensemble der Band vertreten, darf der augenscheinlich hochbegabte Musiker und Komponist solo die eintrudelnde Menge bespaßen. Und solo war selten soloer. Owen Pallett ist allein auf dieser großen Bühne nur mit seiner Geige, einem Keyboard und einer Loopmaschine. Und was er damit anstellt ist ziemlich beeindruckend. In fliederfarbenem Oversizeshirt und mit Rambo-Strinband zieht er sich erstmal die Schuhe aus und spielt dann im Laufe eines Songs so viele Tonspuren auf seinem Streichinstrument ein, dass man am Ende meint, da sitzt ein ganzes Quintett hinterm Vorhang. Seine Art zu singen mag gewöhnungsbedürftig sein, etwas theatralisch, fast melodramatisch, und ich weiß nicht, wie gut das Ganze auf Platte funktioniert, aber live hat diese leicht schräge Darbietung durchaus ihren Reiz. Nach gut 40 Minuten geht sich Pallett umziehen um im Anschluss direkt beim Hauptact des Abends weiterzufiedeln.

Die Umbaupause bespielt, wie schon die Einlassphase, ein eigens mitgebrachter DJ. Cleverer Zug, wie sich auch am Ende der Veranstaltung noch herausstellen wird. Hier haben alle Bock und der Mann an den Plattentellern namens Steve Mackey, übrigens ein Mitglied der Indie-Britpop-Band Pulp (Danke, Sherlock Fabke!), was Arcade Fire später noch zu einem Mini-Cover von deren Hit „Common People“ hinreissen wird, schürt die Vorfreude mit sehr gut ausgesuchten Songs weiter an. Wir sind derweil völlig fasziniert von dem schicksten Stage Manager, den die Welt je gesehen hat. Knallenge Hemd- und Hosenkombi in identischer, petrolfarbener Wolken-Tarnoptik. Alter Verwalter. Michi sagt, geschneidert in Thailand, ich sag Kenzo. Auf jeden Fall abgefahrenst.

Das Spektakel beginnt

Und dann ist er da, der Moment. Die Lichter flackern auf, die Menge schreit, eine lebende Diskokugel (ja!) betritt die Bühne und begrüßt die heute zwölfköpfige Band. Es ist noch veradmmt hell um 20:15 Uhr aber als es mit „Reflektor“ losgeht, ist die Menge trotzdem innerhalb von 30 Sekunden komplett im Diskomodus. Ein Arcade Fire Konzert ist ein bisschen wie Kindsein im Zirkus. Es ist sauviel los, man macht ständig große Augen und hat irre viel Spaß. Und man tanzt. Fast die ganze Zeit. Dazu sieht diese Band verdammt gut aus. Nicht so offensichtlich Dolce & Gabbanamäßig aber mit ihrer Mischung aus Klamotten von denen wir heute noch nicht wissen, dass wir sie morgen alle haben wollen, crazy Makeup und ganz viel Glitzer, sind sie der Inbegriff einer stylischen Bande. Das Geheimnis ist wohl immer die richtige Dosis Anti. Sie folgen keinen Trends, sie machen sie selber. Win Butler sieht in seinem maßgeschneiderten weiß-goldenen Zwirn aus wie der todeshippe Bruder von Marshall Eriksen, die sagenhafte Régine Chassagne ist mit ihrer schleifenverzierten Lockenpracht sowieso stets über jeden Zweifel erhaben, und Geigerin Sarah Neufeld die einzige, die von mir aus bis in die 2040er ihren Undercut tragen darf. Dazu eine übercoole Rhythm Section an Congas in schillerndem Schildpattmosaik, eine Bläserfraktion, deren Choreos wahrscheinlich schon eine eigene Facebook-Seite haben und ein Drummer, der ernsthaft aussieht wie die Inkarnation des jungen Brendan „Steinzeit Junior“ Fraser. Von den restlichen Protagonisten, allen voran Mr. Butlers wolkenbehemdtem Bruder und seinen Dancemoves an den Keyboards will ich gar nicht erst anfangen. Kann ich dieser Truppe bitte beitreten? Oder wenigstens ihren Kleiderschrank ausräubern?

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100 Minuten Endorphinschub

Die Setlist ist ein feiner Querschnitt aus ihren vier Alben. Meine Highlights werden später „Normal Person“ vom aktuellen Album, „Rebellion (Lies)“ von Funeral und das immer noch überirdisch gute „No Cars Go“ von Neon Bible sein. Die Show ist eine einzige grandiose Reizüberflutung und der musikalischen Opulenz, die diese Band so virtuos beherrscht, mehr als würdig. Zwölf Mann, die selten stillstehen in immer höchstens paarweise zusammenpassenden Outfitkreationen auf einem weißen Bühnenboden, vor einer gigantischen LED Wand unter Traversen mit unzähligen reflektormäßigen Spiegeln. Die Band, größtenteils Multiinstrumentalisten, wechselt auch ständig die Positionen. Régine Chassagne wird am Ende unter anderem Akkordeon, Schlagzeug und Steeldrum gespielt haben. Dazu gibts ihre berühmten Tanz-, Performance, und Bänderepisoden plus eine Einlage auf einer kleinen Satellitenbühne zwischen Steh- und Sitzplatzbereich, bei der sich das Paar quasi über unsere Köpfe hinweg das Duett „It´s Never Over“ entgegen singt. Schön ist das. Kristins romatisches Herz geht auf, und sie beteuert abermals, dass sie diese Band auch noch mit 80 hören wird. Ein Skelettmann treibt sich auch noch rum und vor der Zugabe entern dann die Pappmaché Alter Egos der Band die Bühne. Einer hat einen Fernseher als Kopf auf dem wiederum David Bowies Kopf flackert und zusammen mit den anderen Gestalten (wohl irgendwelche bedeutenden Deutschen Musiker, wir können uns da nicht so ganz festlegen) seine deutsche Version von Heros singt. Verrückt.
IMG_0317Ehe man sich an dieses illustre Grüppchen gewöhnen kann, haut die Band auch schon ihr unverschämtes Zugabenquartett raus („Normal Person“, „Rebellion (Lies)“, „Here Comes The Night Time“ und „Wake Up“.). Dazu bläst uns eine gigantische Konfettikanone um und es regnet tausende Luftschlangen. Spätestens jetzt drehen alle durch. Wir sind schon seit eineinviertel Stunden am Springen und Tanzen, schwitzen und singen und pfeifen eigentlich aus dem letzten Loch, aber dieses Spektakel mobilisiert nochmal die letzten Reserven. Es ist einfach zu großartig. 100 Minuten Endorphinschub. Ich weiß nicht auf welchem Konzert dieser Größenordnung ich zuletzt so weit vorne stand. Dürfte ein paar Jahre her sein. Kann man wieder öfter machen.
Dann ist es aus und wir stehen in einem Meer aus bunten Papierschnipslen, etwas überfordert von dem, was da gerade mit uns passiert ist. Neben uns spielen sich tumultartige Szenen ab, als eine Handvoll Setlists in die vorderen Reihen regnet. Zum Glück fallen die überambitionierten Fighter weich und zum Glück übernimmt auch direkt wieder DJ Mackey und statt sofortigem Rausschmiss wird erstmal noch eine halbe Stunde knöcheltief im Konfetti getanzt.

Was ist passiert seitdem der Lichtschalter umgelegt wurde? Direkt danach? Ich will 17 Instrumente lernen, ein komplettes Wolkenoutfit, Locken, und eine Crowdfunding-Aktion für ein Dachauer-Musiksommermäßiges Konzert im eigenen (in meiner vernebelten Wahrnehmung fussballfeldgroßen und quasi idealen) Innenhof.
Mit zwei Tagen Abstand? Ich träume noch ein bisschen weiter, höre immer noch „No Cars Go“ in Endlosschleife und klaube dazu das verirrte Konfetti aus meiner Reisetasche. Und ich bin dabei immer noch unverschämt glücklich.

 

 

Fotos: Kristin F. (1) et moi (1), PR (1)