Sieh an, Ursi ist ein Hip-Hop-Fan. Was klingt wie eine Textzeile aus einem Freundeskreis-Song ist wahr. Lange abgestritten, selbst immer noch verwundert darüber, aber schlichtweg Realität: Ich habe einen Hang zu Neunziger-Hip-Hop, von Notorious B.I.G über Talib Kweli bis zu Dr. Dre, den Roots und Nas. Wenn dann der Ruff Ryder Himself, DMX, in München zu einem Konzert ruft, wird natürlich hingegangen. Fazit: Manche Künstler lassen wir leider besser in der Neunziger-Kiste.

DMX_2014_06_19_poster_a1_v4-2-e1402414939435Heieiei, DMX. Was las ich im Vorfeld über den alten Haudegen, der eigentlich Earl Simmons heißt: In Yonkers als Sohn von streng gläubigen Zeugen Jahovas großgezogen, dann angeblich in Brooklyn mit Busta Rhymes und Jay-Z die Schule besucht (das glaube ich immer noch nicht), Vater von angeblich zehn oder auch zwölf Kindern und zuletzt eher in den Schlagzeilen wegen diverser Gesetzesverstöße (Angebliche Tierquälerei blieb da besonders in Erinnerung), schließlich auch noch angeblich insolvent. Angeblich angeblich angeblich. Trotzdem überwog letzten Donnerstag deutlich die Freude auf „Y’all gonna make me lose my mind“  als ich mit meinem besten Hip-Hop-Schulfreund von damals vor der Muffathalle anstand. Von der Isar aufwärts zogen Nebelschwaden, die Method Man würdig gewesen wären. Automatisch überlegten wir, wieviele Zivilpolizisten sich als Hip-Hopper verkleideten. Party Up und so!

Kurz nach 21.30 geht’s los: Nach Auflegerei des Fresh to Death-DJs stürmen die leicht gealterten Herren von M.O.P, kurz für Mash-Out Posse, die Bühne. Selten hörte ich die drei M-Wörter öfter: M.O.P. Muuuuunich. Motherf*cker. M.O.P feiern dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Bandjubliäum. Ab und zu meinte man, dass sie aufgrund des übermäßigen Genusses von Betäubungsmitteln jeglicher Couleur ihren Namen vergessen hätten. Immer wieder skandierten sie „M.O.P, M.O.P!“, das stand noch dazu auch auf ihren T-Shirts. Naja, gehört vielleicht bei einer so wilden Gang auch dazu. Als Drink of Choice des Abends erklärte die Combo um Lil‘ Fame und Billy Danze den guten Whiskey und reichte gleich zu Beginn den Flachmann an die Fans. In den folgenden sechzig Minuten durfte man dann einem Medley der besten Songs lauschen. Medley? – Yep. Bis auf einen war kein Song live länger als zwei Minuten. War das auf den Alben auch so? – Ich erinnere mich immer noch nicht. Hängen geblieben ist allerdings der etwas seltsame Mash-up, bei dem sich Kurt Cobain immer noch im Grab umdreht: Zu „Smells like Teen Spirit“ wurden drei oder auch vier Mädels auf die Bühne geladen, die um die Mash-Out Posse drumherum tanzen sollten.

Der Hip-Hop-Schulfreund und ich verstanden weder die Wahl des Songs (WTF?!) noch die Beweggründe der Animationstänzerinnen: Mädels, wenn ihr schon bei einem Hip-Hop-Konzert mit dicken New Yorker Rappern auf der Bühne stehen wollt, dann macht auch die Moves aus einem Rap-Video vor! Schon klar, die sind nicht immer frauenfreundlich, aber ihr seid freiwillig (!) auf die Bühne gehüpft. Beim Bouncen hat sich ja nur selten jemand das Bein gebrochen. Rumstehen und überrascht schauen kann man auch im Publikum! Ziemlich gut sogar, wie wir hinten feststellten. Nach einer letzten „M.O.P-MUUUUUUNICH“-Tirade dann der große, der beste, der phänomenale Hit der Band: „Ante Up!“ Top-Performance, kein Medley-Verschnitt, viel Kopfgenicke, großer Hip-Hop. Over and out: M.O.P verabschieden sich. Man merkt den Herren die 20 Jahre auf der Bühne an, aber bis auf den leicht selbstverschuldeten Nirvana-Dance-Girls-Aussetzer lieferten die New Yorker eine Top-Performance als Vorband ab. Topper als der Main Act sogar, wenn man ehrlich ist. Dazu aber erst jetzt.

Nach M.O.P  ging die Warterei los. Umbaupausen sollten bei einem Hip-Hop-Konzert ja nicht allzu lange dauern. Es gibt nämlich gar nicht so viel umzubauen außer den Laptops auf dem DJ-Pult und bissl Schnick-Schnack vielleicht. 30 Minuten vergingen. 35 Minuten. Das dritte Bier. Die ersten leeren Becher flogen Richtung Bühne. Der Veranstalter verriet, dass DMX auf dem Weg zur Location wäre. Wo war er denn vorher? „Der hat einfach keinen Bock. Der kommt, spielt 30 Minuten und haut wieder ab“, meinte die Begleitung. Weiter warten. Kurz vor 23.30 gab sich Earl Simmons dann doch die Ehre. Übergroßes weißes T-Shirt und die Reibeisenstimme. Aber was genau sagte und rappte er da? Ich verstand kein Wort. Erste Pause zwischen den Tracks. DMX erklärte wie man trinkt: „Sip and pass“, nippen und weitergeben, macht er mit einer Whiskey-Flasche vor. Problem: Er hatte das Spiel wohl hauptsächlich mit sich selbst gespielt, denn mehr als ein zwei Finger-breiter Rest war nicht mehr in der Flasche. Man verstand auch leider wirklich nicht so gut, was er faselte. Lallte er wirklich so merklich?

Weiter im Programm: Ein Beat, ein Sample. „Hey, Ruff Ryders Anthem!“ rief ich meiner Begleitung, die seit 20 Jahren in Sachen Hip-Hop wirklich überaus firm ist, zu. Er lauschte angestrengt und meinte „Woah krass. Hätte ich nicht erkannt. Man versteht ja – NICHTS. Wie durch ist der denn?!“ Neben uns standen drei Jungs aus Halle an der Saale, die extra für Dark Man X anreisten. Wie sie es denn so finden würden, fragte ich sie. „Voll daneben! Der Alte ist total besoffen und man versteht gar nix. Die Reise hat sich null gelohnt.“ Schade drum. Nach nur vier Songs nickten wir DMX noch einmal zu und verließen  das Konzert. Denn es wurde nicht besser, sondern nur noch immer schlimmer. Insgeheim hatte ich Angst, dass DMX einfach umfällt und sich erbricht.

Im Vorfeld meinte ein Freund, dass das sicher eine der letzten DMX-Touren sein wird. Ganz ehrlich? Ich hoffe, es ist so. Denn das war leider eher ein Trauerspiel als die Party eines Ruff Ryders. The Nineties are over, long live the Nineties!