Tag zwei beim OpenAir St. Gallen. Auf uns warten u.a. Casper, Seeed, The Notwist und Kavinsky. Und es war wirklich alles dabei: hellblauer Sommerhimmel und stürmisches Sommergewitter, Elektro-Gefrickel, Bounce-Beats und chillige Sounds. Wieder mit Slideshow!

Nach einer recht ruhigen und entspannten Nacht starten wir mit einem fabelhaften Frühstück und bester Aussicht über St. Gallen in den Tag. Danach geht’s bequem mit dem Shuttlebus zurück ins Sittertobel, wo uns From Kid aus Chur langsam wach machen. Es ist bestimmt nicht leicht, um elf Uhr morgens verkaterte und müde Zeltzombies in Schwung zu bringen, aber das sympathisch bodenständige Duo, das live von zwei Musikern begleitet wird, macht mit seinem filigranen Elektro-Folk munter. Genau so muss Aufwachmusik sein!

Moves like Falco

Später machen uns Bilderbuch munter. Es ist der erste große Schweizer Festival-Auftritt der österreichischen Durchstarter. Schnell ziehen sie das Publikum auf ihre Seite. Mit gewitzten Texten, ordentlich Wumms und vor allem den geschmeidigen Dance-Moves von Frontmann Maurice Ernst locken Bilderbuch immer mehr Zuschauer ins Sternenzelt. Ziemlich coole Säue sind das. Selbst als mitten in der Show ein Traktor durch die Menge rattert, bleiben die Jungs cool. Ist ja bloß eine „Maschin“. Nicht nur der Sänger erinnert aufgrund seiner nonchalanten Art und der charismatischen Performance an Austro-Pop’s One and Only Falco, auch die Beats des Quartetts kommen den Klassikern erstaunlich nah. Zu Songs wie „Maschin“, „Plansch“ und dem neuen Stück „Softdrink“ lässt sich der Kater lässig aus den Gliedern schütteln. Oder wie die St. Galler sagen würden: Da fägt voll! Aber was ist das? Die ersten Tropfen knallen aufs Zeltdach. Bilderbuch-Sänger Maurice ruft das Zelt kurzerhand zur Schutzzone aus, in der alle vor dem drohenden Sturm Zuflucht finden. Im Anschluss trafen wir Maurice zum Interview. Was er uns erzählte, gibt es in Kürze zu lesen. Gerne hätte er sich im Anschluss The Notwist angesehen, ging aber leider nicht, da die Band zurück nach Wien musste. Mit dem Auto. Ohne Klimaanlage. Bon Voyage!

Zuhause in St. Gallen

art_notwistWir machen es uns erst einmal im Pressebereich gemütlich. Weil es im Zelt inzwischen doch recht heiß ist, suchen wir draußen einen Platz. Da wird man allerdings als Nerd beschimpft – ein Laptop reicht dafür schon aus. Egal. Nach der (Arbeits)Pause geht es rüber zu den wahren Nerds (im positivsten Sinne): The Notwist. Von Kerstin wussten wir, was die Weilheimer im Münchner Circus Krone für eine Wahnsinnsshow abgeliefert haben und auch in der Schweiz enttäuschen sie keinesfalls: Eine Stunde ganz große Musik am Abend ist das! Die fünf aus der Heimat sind so angenehm tiefenentspannt und unaufgeregt, dass man kurze Zeit später das ganze Publikum in genau diesem Geisteszustand finden kann. Ganz gleich, ob The Notwist Songs aus dem aktuellen Album (wie passend: bei „Kong“ regnete es doch glatt für drei Minuten), „Close To the Glass“ oder einem ihrer anderen acht spielen: Hier sitzt jeder Handgriff – ob am Metallophon, den Wii-Fernbedienungen, Schlagzeug oder Gitarre. Genau der richtige Start für unseren Abend voller Konzerte!

Die Umbaupause nutzen wir für ein Raclette mit Härdöpfel. Ja, den wohl bekanntesten Schweizer Export gibt’s hier auch im Hochsommer – auch wenn selbst die Helvetier Raclette eher in den kalten Monaten genießen (und dies, anders als die Römer, die in „Asterix & Obelix“ im Fondue baden, sehr elegant!). Musikalisch untermalt wird unser Dinner – es ist übrigens vorzüglich! – von den zarten Klängen von Tom Odell. So richtig kann der Brite mit seinem vorwiegend aus bluesigen Balladen bestehenden Programm die Stimmung auf der Hauptbühne nicht aufheizen, dennoch ein sympathischer Kerl mit toller Stimme und Klimpertalent.

Im Zeichen von Bambi

art_junipBei Junip würden wir uns gerne auf einen Liegestuhl mitten in der Menge im Sternenzelt fläzen. José Gonzáles und seine Mannen machen herrlich entspannten Indie-Pop. Und das alles im Zeichen von Bambi, das uns vom Backdrop aus anlugt! Das selbstbetitelte Album der Band um José González und Tobias Winterkorn schaffte es 2013 auf die Bestenliste von uns drei hier. Live hauen sie einen um. „Always“ oder „Walking Lightly“, die Lieder, die man im Junip-Universum des „Dark Folk“ durchaus als „Uptempo“ bezeichnen kann, fügen sich in ihr Set ebenso perfekt ein wie „Far Away“ – der Song, zu dem Ben Stiller im Film „The Secret Life of Walter Mitty“ mit einem Skateboard einen isländischen Berg runterheizt. Wir waren mit Junip nicht skaten, sondern haben José González und Tobias Winterkorn ein paar Sachen gefragt: Was genau und was eigentlich „Baroque Rock“ ist, könnt ihr bald hier nachlesen. Schöner als die Schweden hätte uns jedenfalls keiner in den Sonnenuntergang gespielt – soviel steht fest.

art_casperZeit für unseren Lieblingsdeutschrapper: Casper. Eine Stunde bei Tageslicht hat er Zeit, St. Gallen für sich zu gewinnen. Ein Leichtes. Benjamin Griffey, der am Freitag noch beim Kosmonaut-Festival in Chemnitz zu  Gast war, verzaubert die vor allem weibliche Meute vor der Sitterbühne. Ganz vorn mit dabei: Zwei der wenigen Festivalbesucher in Faschingskostümen, Leopard auf Kuh. Mei, ganz ehrlich: Wenn’s noch hell ist, wirkt selbst der Casper anders. Allerdings ist die Dämmerungsstimmung natürlich perfekt für den Album-Titelsong „Hinterland“, geben wir sehr gerne zu. Die Festival-Setlist lässt einige Songs weg, aber das muss so sein und nach den 60 Minuten fetzt einem hier dann auch „Jambalya“ mit dem gewohnten Boom-Boom-Bang-Effekt um die Ohren. Er lacht viel, er freut sich immer noch das zu tun, was er halt so tut. Guter Mann, der auch noch auf mindestens ein Konzert am Festival geht (dazu gleich).

Happy im Elektroland

Nach Casper bringen Seeed das Sittertobel in Bewegung. Die Band aus dem Dicken B, die gerade noch durch Südamerika tourte, kriegt mit ihrem basslastigen Sound das Festivalgelände zum Bouncen. Derbe Dancehall-Beats dröhnen über die Köpfe der Festivalbesucher hinweg. Peter Fox und seine beiden Mitstreiter stellen vorne auf der Bühne mit ihren Choreos ihre Entertainer-Qualitäten unter Beweis, während die Band im Hintergrund den – noch trockenen – Boden zum Beben und das Publikum zum Jumpen bringt. Einige Cover-Versionen – u.a. Blacks „Wonderful Life“ und Samples wie „SexyBack“ von Justin Timberlake – und Seeed-Klassiker später haben wir genug. Auf Dauer sind das Showmanship und vor allem die seichten Reggae-Tunes dann doch zuviel – besonders für Ursi. Deshalb rasch weiter. Wir suchen Zuflucht im Elektroland.

Im Sternenzelt erwarten uns nach den schottischen Chrvches Moderat mit ihren Berliner Technoböllern. Die Musik wird manchem rasch monoton – „Zuviel Berlinelektroeinerlei“ moniert Renzo, „Ich find’s geil!“ hält Ursi dagegen. In einem Punkt sind wir uns allerdings einig: Von den Visuals können wir beide nicht genug kriegen. Lichtblitze lassen Sternschnuppen über die Zeltdecke regnen – nein, wir haben keine Drogen genommen! – und die Comics, ach was, Graphic Novels aus dem Video zu „Bad Kingdom“ kommen zum Einsatz. Wir sind baff und geben uns dem wilden Wummern hin und damit sind wir nicht allein: Kein geringerer als Casper ist ebenso hin und weg wie wir vom Berliner Elektro-Trio.

Wir sehen rot: Rotkäppchen, Rot-Weiß und rote Augen

Bei C2C gibt es dann kein Halten mehr: Ursi und das Wetter drehen durch. Während es aus Eimern schüttet, tanzt ein buckliges Rotkäppchen durch die durchnässte, aber sich glücklich im Takt der Beats des französischen Elektro-Hip-Hop-Kollektivs wogenden Menge. Da Parka im Gegensatz zu feuerroten Ponchos dann aber doch recht schnell ziemlich feucht werden, suchen wir Zuflucht im Mediencorner, wo uns Mitfünfziger auf einer kleinen Bühne eine Kostprobe ihres verkannten Talents geben. Das muss nicht sein, deshalb wärmen wir uns lieber bei Moop Mama weiter auf.

Die Münchner sind – eine Hommage ans Gastgeberland? – in rot-weiß gekleidet. Keno und sein Urban-Brass-Kollektiv feiern sich und das Publikum. Sie gehen gut ab, die Zuschauer im vollen Sternenzelt tun es ihnen gleich. Spätestens bei „Elefant“ steht keiner mehr still und das ändert sich auch bei „Liebe“ nicht. Und hey, wir sind absolut Kenos Meinung bei der Sache mit Beck’s Green Lemon! Das ist kein Bier, Herrgottnochmal!

Danach heißt es Warten. Warten auf Kavinsky. Nach knapp 16 Stunden auf den Beinen, gefühlten 20 Kilogramm auf dem Buckel (Laptop, Wasser und Co.), machen uns die inzwischen sehr betrunkenen Menschenmassen leicht zu schaffen. Endlich: Im Nebel erstrahlen zwei rote Punkte. Kavinsky kommt. Von seiner zackigen, roten DJ-Kanzel aus versorgt uns der Franzose in der kommenden Stunde mit rauem Elektro. Seine Kommunikation mit dem Publikum ist auf ein Minimum reduziert und beschränkt sich auf vereinzelte Gesten. Die Performance erinnert an die grandiosen Elektro-Messen von Justice. Zum Abschluss zaubert uns Kavinsky nochmals ein breites Grinsen ins Gesicht. Mit „Nightcall“ entlässt er uns in den frühen Morgen. Die Vögel zwitschern, wir summen Kavinsky und sind zufrieden. Durch den Regen ziehen wir uns in unser Domizil zurück, von wo aus wir, nach vier Stunden Schlaf, im Eiltempo zurück in unsere Münchner Badewannen und Betten düsen. Merci, St. Gallen! Servus, Baba & Ufwiederluaga!

Das war’s

Top in St. Gallen: Die Festivalbesucher sehen alle normal aus, keiner hat sich bereits sechs Monate im Voraus überlegt, in welchem „witzigen“ Faschings-Borat-Kostüm er diesmal über das Gelände läuft. Die Cashless-Nummer vereinfacht vieles, kann allerdings bei Bierdurst nach hinten losgehen. Dass man überall zelten darf und alles mit auf das Konzertgelände nehmen darf, ist der Hammer. Getreu dem Grundgedanken „Wird schon passen“. Passt immer.

Flop in St. Gallen: Naja, gibt’s nicht wirklich. Mehr Merch wäre für Leute wie Ursi schön/verhängnisvoll gewesen. Und das Green Concept muss noch ausgebaut werden: Wenn schon, dann bitte kein Pfand auf Einweg-Styropor-Geschirr und Pappteller, sondern auf Wiederverwendbares.

Renzo außerdem: Ich weiß jetzt mit Sicherheit, dass ich auf Festivals nie mehr mehr zelten möchte und ich das nächste Mal auch mit einem kleineren Rucksack über die Runden komme (auch wenn sich die drei Hosen am Ende doch gelohnt haben). Und: Ein Poncho muss her, damit das bucklige Rotkäppchen beim nächsten Mal Gesellschaft hat. Ansonsten: Sich treiben lassen, Bands entdecken, Raclette essen, glücklich sein. Am Morgen danach: „Nightcall“ auf Repeat. Zwei Tage danach: „Line Of Fire“ auf Dauerrotation.

Ursi außerdem: Auf Festivals sind die Bands immer am besten, zu denen man sonst vielleicht gar nicht gehen würde. Oder seit wann mag ich harten Elektro?! Playlist seit Sonntag: Moderat. Junip. Moderat. Kavinsky. Junip. Casper. Moderat. Junip. Regenponchos sehen bescheuert aus, aber hey – there is only one buckliges Rotkäppchen! Und zelten? – Achja…

Fotos: themusicminutes.com