Pete und Carl wollen es nochmal wissen. Eine Reunion der besonderen Art: Nach langer Abstinenz betreten Pete Doherty und Carl Barât wieder gemeinsam eine Bühne. Für das British Summer Time Festival im Londoner Hyde Park vereinten sich die Garagenrocker der englischen Kultband The Libertines auf ein Neues. Ein Konzert mit ihnen war wieder ein Erlebnis der anderen Art.

the-libertines-reunion-2014-790x303

Eines schon mal vorneweg: Ich bin kein großer Fan von Festivals. War ich noch nie. Vor vielen Jahren habe ich mich noch bereitwillig über Bizarre & Co. ziehen lassen – mehr aus Liebe zu meinem damaligen Freund als zur Festival-Atmosphäre. Mittlerweile braucht es ein wenig mehr, um mich auf ein Festival zu locken. Vor vier Jahren ist es gelungen und zwar den Reading und Leeds Festivals. Oder genauer gesagt einer Band, die nicht mal als Headliner spielte, aber seit vielen (viel zu langen) Jahren endlich wieder gemeinsam auf der Bühne stand: The Libertines. Objektiv betrachtet, eine der besten Bands im Universum. 1997 haben sich die beiden Front-Boys Pete Doherty und Carl Barât kennengelernt, zu einer Zeit, als Petes Gesicht noch bubengleich und Carls Haarschopf ein voller war. Auch wenn ihnen der kommerzielle Erfolg (und im Ausland auch die Anerkennung) zunächst verwehrt blieb, schuf sich die Kombo schnell eine solide Fanbasis, ihre Guerilla-Gigs in ihrer Londoner Wohnung waren Kult. Musikalisch sorgten sie für ein Revival des Lo-Fi und ihre beiden Alben „Up the Bracket“ und „The Libertines“ waren Inspiration für die komplette britische Musikszene, für all die Bands, die Anfang der 2000er Jahre Erfolgsgeschichte schrieben. Genau das sind The Libertines und kein bisschen weniger. Oder wie es eine Doku über die einmalige Beziehung zwischen Doherty und Barât so schön auf den Punkt bringt: „The genius, the beauty and the desctrutiveness that rock’n’roll is – it is all shown in their relationship.“ Und auf dem Festival in Leeds 2010 zeigten „the boys in the band“ wieder, dass sie all das noch drauf haben und spielten ein einfach grandioses Reunion-Konzert.

Jetzt aber genug der Lobhudelei. Nach weiteren vier Jahren sollte es also endlich wieder soweit sein: Nach Gerüchten wurden die Libertines als Headliner des British Summer Time Festivals im Hyde Park am 5. Juli bestätigt. Ohne viel zu überlegen wurden Tickets gekauft, Flüge und Unterkunft gebucht. London zeigte sich zu Ehren der Libertines von seiner schönsten Seite und verzichtete zumeist auf Regen. Weniger schön war die ganze Festival-Geschichte: Viel zu wenig von allem für viel zu viele Menschen. Um die 60 000 waren in den Hyde Park geströmt um die Libertines zu sehen – ein Ansturm, dem weder Essens- noch Bierstände gewachsen waren. Und wenn es um Bier geht, vergessen auch die englischen Männer, dass sie Gentlemen sein könnten. Wenig besser lief es bei der Musik: Zahlreiche Shows auf den Nebenbühnen mussten aufgrund technischer Probleme abgesagt werden. Aber auf der grünen Hauptbühne wurde dafür umso fleißiger gerockt: Die Uralt-Musiker von The Pogues stimmten das feierwütige Publikum auf den Hauptakt ein.

Kurz nach 21 Uhr war es dann soweit: die vier Libertines stürmten die Bühne, im Hintergrund eine Slide-Show mit Fotos of the good old days, dazu die ersten harten Gitarrenriffs von „The Vertigo“. Der Wahnsinn! Pete, wie schon in seinen letzten Konzerten mit den Babyshambles ohne seinen Hut, dafür mit etwas grauem Haar und Wohlstandsbauch. Beide Frontmänner hatten sich als Zeichen ihrer wiederentdeckten Zuneigung Blau-Weiß-Rote-Bänder um die Hosen geklebt. Als zweites Lied stimmten die Briten „Boys in the Band“ an – allerdings nur für wenige Takte, bevor die Security das Konzert aus Sicherheitsgründen stoppte. Feuerwerkskörper, Leuchtfeuer und ein extremer Druck in den ersten Reihen sorgte für 38 Verletzte – zum Glück, keine schweren Verletzungen darunter. Nach dieser ersten Abkühlung ging es aber schnell wieder hoch her. „Can’t Stand Me Now“, „Time for Heroes“, „Don’t Look Back in the Sun“, „What a Waster“ – die Libertines feierten einen Kracher nach dem anderen ab und das Publikum brüllte mit und auch ich ertrug selbst die dritte Bier-Dusche mit einem relaxten „Yeah, Punkrock!“ Besonders schön: die wunderbare Ballade „Music When the Lights Go Out“. Noch ein weiteres Mal musste das Konzert unterbrochen werden, denn einige waren auf der Suche nach einem besseren Sichtplatz die Lautsprechertürme hochgeklettert. Trotz aller Unterbrechungen lieferten die Libertines eine intensive Show – wenn auch nicht ganz so eindringlich wie in Leeds 2010. Entgegen allen Behauptungen scheint der Graben zwischen den „Likely Lads“ Pete und Carl immer noch da zu sein – oder warum spielten sie gerade gleichnamiges Lied nicht? Oder vielleicht ist in den letzten 15 Jahren einfach zu viel passiert und die beiden Rüpelrocker sind (genau wie ihre Fans der ersten Stunde) einfach älter geworden? Wie dem auch sei, ein Libertines-Konzert ist immer noch eine Reise wert!

IMG_0829Cordula ist Journalistin und Musikliebhaberin. Pete Doherty und auch die Libertines hat sie live erlebt und schätzt die Combo um den “Vorzeige-Rüpelrocker” sehr. Deshalb ist sie bei uns als Gastautorin für „All Things Peter“ die erste und beste Ansprechpartnerin.

 

 

 

 

 

Fotos: PR, privat