Nein, wie der typische Popstar sieht er nicht aus. Mit seinen roten Wuschelhaaren und seiner entspannten, nonchalanten Art wirkt Ed Sheeran eher wie der nette Nachbarsjunge von nebenan. Doch der Eindruck täuscht: Er verdrehte nicht nur Popsternchen wie Ellie Goulding den Kopf, sondern auch uns. Sein aktuelles Album, „x“, stürmte in Deutschland und der Schweiz  mal eben auf Platz eins der Charts. Wir hatten den britischen Singer/Songwriter vor der Album-Veröffentlichung Ende Mai an der Strippe, als er gerade für die Aufnahmen der TV-Show „Keep Your Light Shining“ in Köln weilte. Er war zwar etwas kurz angebunden und das Gespräch bissl zäh, aber wer weiß, vielleicht war die Aussicht, in einer ziemlich doofen Musikshow auftreten zu müssen, nicht so toll. Ed Sheeran ist und bleibt ein sympathischer, talentierter Kerl.

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Auf Twitter war zu lesen, dass du im Hotel in Köln einen Song schreibst und sich leere Duschen gut zum Singen eignen. Wenige Stunden später hast du über Twitter verkündet, dass der Titel bereits fertig sei.
Ja, ich habe einen Song geschrieben. Und er ist gar nicht schlecht geworden. Es ist ein Titel, den ich für jemand anderen geschrieben habe. Mir macht es Spaß, für andere Songs zu schreiben, denn es nimmt Druck raus!

Apropos Druck: „x“ ist dein zweites Studioalbum, sowohl dein Label als auch deine Fans haben große Erwartungen. Hast du dich während der Aufnahmen unter Druck gefühlt?
Oh ja, definitiv. Das zweite Album ist ohnehin oft sehr schwierig. Gerade wenn das erste erfolgreich war, werden hohe Erwartungen an den Nachfolger gestellt. Die Leute erwarten, dass der Erfolg mit dem zweiten Album wiederholt oder sogar übertrumpft wird. Nach dem Zweitling wird es dann aber leichter. Jedenfalls, als alles unter Dach und Fach war, verschwand auch der Druck. Jetzt freue ich mich auf den Release.

Für einige der neuen Songs – u.a. die erste Single „Sing“ – hast du mit Pharrell Williams zusammengearbeitet. Wie war’s?
Ed Sheeran: Wir haben uns blendend verstanden. Er ist ein sehr cooler Typ und ein großes musikalisches Talent. Er tweetete einen meiner Songs und schrieb dazu, er wisse nicht, wer der Sänger sei. Daraufhin habe ich ihn bei der Grammy-Verleihung einfach angesprochen.

Du hast für „x“ auch mit Über-Produzent Rick Rubin gearbeitet, der zuvor u.a. Stars wie den Beastie Boys, den Red Hot Chili Peppers und Adele zu Hits verhalf. Warst du nervös?
Nein, nicht wirklich. Rick Rubin arbeitet ja nicht nur mit Stars, sondern er ist sehr offen gegenüber Nachwuchskünstlern. Ich war in den Shangri-La Studios in Malibu. Er holt einfach das Beste aus einem raus. Denn wenn man vor jemandem seines Kalibers spielt, gibt man definitiv sein Bestes.

Einer meiner Lieblingssongs auf „x“ ist „Runaway“, ebenfalls von Pharrell Williams produziert. Kannst du etwas über die Entstehung des Songs erzählen?
Das war der erste Song, den Pharrell und ich zusammen aufnahmen. Ich hatte eine Gitarren-Version, auf der wir den Song dann aufbauten. Es geht um einen Kumpel von mir, bei dem ich eine Zeitlang auf der Couch schlief.

In „Nina“geht es um ein Mädchen, das du im Teenager-Alter kennengelernt hast. Du sagst ihr, sie solle dich verlassen, sie will aber bei dir bleiben. Eine wahre Geschichte?
Ja, ich war ja vor vier Jahren noch ein Teenager. Am Ende hat sie mich dann aber doch verlassen.

Deine Songs sind sehr persönlich. Hast du keine Angst – vor allem, da du gerade weltweit Bekanntheit erlangst – zu viel von dir preiszugeben?
Ich denke, je persönlicher man in seinen Texten wird, desto eher können die Leute etwas damit anfangen, sich darauf beziehen.

Du scheinst sehr produktiv, hast etwa in Tennessee, wo du ein wenig Zeit verbracht hast, rund 70 Demo-Songs eingespielt. Hast du bereits Material für zwei weitere Alben?

Ja, ich denke schon.

Dein erstes Album heißt „+“ (plus), dein zweites „x“ (multiply). Es geht also um Wachstum, Weiterenticklung…
Ja, es geht darum, alles zu multiplizieren, von Songideen über die Produktion bis zur Fanbase.

Weißt du schon, die dein nächstes Album heißen soll?
Ja, aber das kann ich dir nicht verraten. Das würde die Überraschung kaputt machen.

Es wird aber wieder ein Symbol sein?
Nein, beim nächsten Mal ist es kein Symbol, soviel kann ich schon mal sagen.

Du hast also bereits konkrete Pläne für Album Nummer drei?
Ja, es ist schon so gut wie fertig. Es könnte bereits nächstes Jahr veröffentlicht werden. Aber erst einmal heißt es abwarten, wie es mit „x“ läuft.

Wo entstehen deine Songs, brauchst du viel Ruhe beim Songwriting?
Nein, solange ich meine Gitarre habe, kann ich überall Songs schreiben.

Deine Karriere kam nicht zuletzt dank YouTube und Co. in Schwung. Ist es heutzutage leichter für junge Künstler als vor 20 Jahren?
Es gibt heute viele Möglichkeiten, es zu schaffen und mit Musik erfolgreich zu sein. Vor 20 Jahren musste man einfach zu den Besten der Besten gehören. Heute braucht man vor allem viele YouTube-Klicks. Es geht heute mehr um Hypes.

Sind diese Hypes nicht eher schädlich für junge Künstler?
Nein, überhaupt nicht. Es sind am Ende immer noch die „richtigen“ Leute, die Platten verkaufen und von der Musik leben können. Das Internet hat das Pop-Business demokratisiert, denn heute haben mehr Leute die Möglichkeit, ihre Träume zu verwirklichen.

Du bist viel unterwegs. Hast du dir, als du jünger warst, das Leben eines Popstars so vorgestellt?
Nein, aber ich habe auch nie damit gerechnet, dass ich jemals weltweit erfolgreich sein würde. Ich dachte eher, ich würde chillen und ab und zu auf Festivals spielen. Es ist zwar manchmal etwas hektisch und stressig, aber mir macht das alles großen Spaß. Es ist ein sehr angenehmer Job!

Remixe werden immer wichtiger, u.a. auch um andere Zielgruppen zu erreichen. Von welchem Künstler hättest du gerne einen Remix einer deiner Songs?
Von Martin Garrix.

Du stehst auf Dance Music?
Yeah!

Ed_Sheeran_Picture_2014__034b-1Rewind: Die Ed-Sheeran-Story

Edward Christopher Sheeran wurde im Februar 1991 im Herzen der Pop-Insel geboren. Bereits mit elf schrieb er erste Songs, mit 17 ging er nach London, wo er in Pubs und bei Open-Mic-Sessions erste Erfahrungen als Musiker sammelte. Er veröffentlichte mehrere EPs, die er nach den Gigs selbst verkaufte. Dann ging es plötzlich ziemlich schnell: „No. 5 Collaborations Project“ weckte die Aufmerksamkeit von Elton John, bald darauf folgte ein Plattenvertrag.

Ed Sheeran legte eine Popstar-Karriere im Eiltempo hin: Bereits mit seinem Debütalbum „+“ avancierte Ed Sheeran vor zwei Jahren zum internationalen Shootingstar. In Großbritannien stürmte das Album auf Platz eins der Charts. „+“ erzielte in UK die höchsten Verkäufe in der ersten Woche überhaupt und bescherte Ed Sheeran zwei Brit Awards. Auch in den USA startete Ed Sheeran mit „+“ durch und landete in den Top 5 der Charts. Das Album brachte Hits wie „The A Team“ und „Lego House“ hervor. Bisheriger Höhepunkt: Bei der Abschlussfeier der Olympischen Sommerspiele in London stand Ed Sheeran mit Altstars wie Nick Mason von Pink Floyd und Mike Rutherford von Genesis auf der Bühne.

Am 20. Juni erschien mit „x“ – sprich: „multiply“ – das zweite Album des 23-Jährigen. Einen ersten Vorgeschmack auf das neue Material lieferte die Ballade „I See Fire„, die Ende vergangenen Jahres als Titelsong des Soundtracks zum zweiten Teil der „Hobbit“-Trilogie erschien. Regisseur Peter Jackson hatte den Briten persönlich kontaktiert. Als erste offizielle Single-Auskopplung wurde dann Anfang Mai das von Pharrell Williams produzierte „Sing“ veröffentlicht, mit dem Ed Sheeran weltweit die Top 10 der Charts knackte.

Ed_Sheeran_X„x“ im Schnellcheck

Das Artwork von „x“ ist komplett in schwarz-grün gehalten. Das wirkt zwar wie von einer bekifften Neunziger-Hip-Hop-Band entworfen, macht aber nichts, schließlich kommt es auf den Inhalt an. Auf der Deluxe-Version von „x“ 17 Songs. Natürlich gibt es wieder einige herzzereißende Balladen wie „One“, in dem Ed Sheeran auf die Zeit vor „+“ zurückblickt, sowie „Photograph“, die im Mai 2012 in einem Hotelzimmer in Kansas entstand, während er mit Snow Patrol auf Tour war. „Afore Lover“ ist seinem verstorbenen Gorßvater, der in der Weihnachtszeit letzten Jahres starb, gewidmet. Getragen werden die schlichten Arrangements von Ed Sheerans warmer Stimme, unterlegt von seinem zarten Gitarrenzupfen und reduzierten Beats. Ed Sheerans Vorliebe für Hip-Hop sowie der Einfluss von Pharrell Williams sind auf Songs wie „Sing“ und „Runaway“ nicht zu überhören. Insgesamt ist Ed Sheeran (noch) poppiger geworden, sein Gespür für Melodien und sein Talent für clevere Texte sind geblieben. Mit „x“ ist ihm ein abwechlsungreicher Zweitling gelungen. Die allgegenwärtigen Pop-Paten Williams und Rubin lassen ihrem jungen Schützling genug Freiraum. So dürften sowohl Künstler, Label als auch Fans zufrieden sein. Und Ed Sheerans Erfolg dürfte damit um ein Vielfaches multipliziert werden.

Im Herbst präsentiert Ed Sheeran die Songs von „x“ live. Hier alle Deutschland-Tourdaten im Überblick:

05.11. Düsseldorf, ISS Dome
06.11. Hamburg, o2 World
14.11. Berlin, Max-Schmeling-Halle
15.11. Stuttgart, Porsche Arena
17.11. München, Olympiahalle
18.11. Frankfurt, Festhalle

Fotos: Ben Watts