Und wenn ihr euch dieses Jahr nur einen einzigen Musikfilm anschaut, dieser muss es sein! Matt Berninger, seines Zeichens Frontmann der großartigen The National, nimmt auf die schier endlose Tour zum vorletzten Album „High Violet“ seinen kleinen Metalbruder Tom als Roadie mit. Der hat zwar alle Mühe seiner Job-Description gerecht zu werden, schafft es aber nebenbei eine der ungewöhnlichsten und dabei besten Musikdokus zu drehen, die man je gesehen hat.

mistaken for strangers posterTom Berninger planscht mit Skelett-Shirt, Dosenbier und Aufblastier im Hotel-Pool und versucht den vermeintlichen Nachbarn Moby aus seiner Villa zu brüllen, während Bruder Matt ihn (mal wieder) zur Raison ruft. Nur eine Szene von vielen, die das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern so wunderbar ehrlich in Bilder fasst. Der gefeierte Rockstar und reflektierte Ältere auf der einen, der verpeilte Metal-Head und leicht komplexbehaftete Jüngere auf der anderen Seite. Der eine schmeißt immer alles hin, hat kein Ziel und ist ein bisschen neidisch auf den Erfolg des anderen, während dieser versucht ihm mit dem Engagement eine Perspektive zu geben, ihn unter seine Fittiche zu nehmen und wieder auf die rechte Bahn zu schicken. Trotz aller Verschiedenheit verbindet die beiden eine tiefe Bruderliebe, die der Kern dieses Films ist, und der Motor für dessen Story.

Eigentlich findet Tom Berninger Indie ja prätentiösen Bullshit, hört lieber handfesten Metal und widmet sich in seiner Freizeit dem Filmen von kleinen, trashigen Splatter-Streifen. Trotzdem sagt er zu, als ihn sein berühmter Bruder Matt einlädt, 2010/2011 als Roadie mit auf die ausgedehnte Welttournee seiner Band The National zu kommen. Man sieht sich ja sonst eh kaum. Parallel beschließt er unterwegs eine Doku zu filmen. Ohne Plan und Konzept verfolgt er also Bruder, Bandkollegen und Crew mit seiner Videokamera, animiert sie zu hahnebüchensten Performances und führt zwischendurch die absurdesten und gleichzeitig witzigsten Interviews, die man seit langem, oder vielleicht jemals gehört hat. Wie man auf solche Fragen kommt, und sie dann auch noch ernsthaft stellen kann, ist mir ein absolutes Rätsel! Aber gerade das macht das Ganze so gut, so erfrischend anders, so unfassbar lustig. Jenseits von durchgenudeltem Musikjournalisten-Blabla haut er auf den ersten Blick völlig laienhaft, verschrobene Fragen raus, die auf den zweiten Blick aber so viel besser sind als das geläufige und meist penibelst präparierte Frage- und Antwortspiel. Mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit und kindlichem Eifer geht Tom Berninger ans Werk und verbockt darüber seinen eigentlichen Roadie-Job immer wieder glorreich. Da muss er sich ein ums andere Mal vom Tourmanager zusammenfalten lassen, sein zwielichtiges Gefilme wird von der Bandmangerin kritisch beäugt und auch Bruder Matt hält die ein oder andere Lektion in Richtung Verantwortungsbewusstsein („The only reason you’re here, is because you’re my Brother!“ Autsch…). So wirklich ernst nehmen tut ihn hier keiner. Man möchte ihn manchmal einfach nur in den Arm nehmen und sagen, „Augen zu und durch, mein Freund!“ Denn spätestens wenn die Eltern Berninger zu Wort kommen, wird klar, der „Kleine“ kennt sich aus mit Erwartungsdruck und Hinschmeißen.

Als Zuschauer merkt man schnell, aus diesem ursprünglich planlosen Gefilme kristallisiert sich bald ein roter Faden heraus. (Auch wenn der Schöpfer selbst von dieser Erkenntnis zum Zeitpunkt des Filmens noch meilenwert entfernt ist und erstmal im Post-It übersähten Kinderzimmer seiner Nichte durch die endlose Sichtungs- und Schnitthölle gehen muss). Das hier ist absolut keine Band- oder Tourdoku, wie man sie schon oft gesehen hat. Hier geht es nicht um das Hochglanz-Portrait einer der erfolgreichsten Indie-Rock-Bands unserer Zeit. Hier ist bzw. wirkt zumindest nichts inszeniert und um die Band und deren Musik geht es nur auf der Metaebene. Das hier ist ein ganz großartig gemachter Film über zwei ungleiche Brüder, und den Kampf des einen, mit seinen kreativen Ambitionen aus dem übergroßen Schatten des anderen herauszutreten. Dass einer der Brüder nunmal zufällig gefeierter Rockstar ist, schadet der ganzen Geschichte natürlich nicht im Geringsten. Und dass sie so verschieden am Ende vielleicht doch nicht sind, zeigt die Art ihres Umgangs miteinander immer wieder wirklich rührend. Frontmann Matt kennt die Versagensängste nur zu Gut. Das Gefühl des Scheiterns und der Demütigung, wenn am Anfang seiner Bandkarriere auch mal 0 Gäste zu einer Show erschienen sind. Das vergisst man nicht so leicht. Vielleicht gibt er sich auch deswegen soviel Mühe mit seinem Chaos-Bruder. Und auch bei dem macht am Ende Neid Platz für Stolz. Stolz auf den „Großen“ und Stolz darauf, endlich auch selbst mal etwas zu Ende gebracht zu haben, und das mit enormem Erfolg bei Publikum und Kritikern!

Was für den Zuschauer am Ende herauskommt, ist eine wunderbare Doku, ein feiner Indie-Film und 70 Minuten hervorragende Unterhaltung. Gespickt mit tollen Live-Aufnahmen, vielen fantastischen Songs der Band und intimen Einblicken in Touralltag und Seelenleben des Machers. Wer The National bisher nicht kennt, wird sie mit diesem Film womöglich liebgewinnen, wer sie bereits kennt und schätzt (Kerstin hebt Hand.), wird sie danach nur umso großartiger finden.

„Mistaken For Strangers“ läuft für alle Münchner aktuell in der 3. Woche (und vorerst noch bis Mittwoch, den 30.07.) im Neues Arena Kino, Hans-Sachs-Strasse, und sicher bald auch bei uns auf iTunes. Für mehr Infos, schaut bitte auf www.mistakenforstrangersmovie.com .

 

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