Das hier ist kein exzessiver Konzertbericht oder eine fundierte Band-Biografie. Das hier ist eine kurze und völlig schamlose Huldigung einer absoluten Entdeckung. DŸSE. Gestern war das Duo schon zum zweiten Mal in diesem Jahr in München zu Gast. Beide Male in der musikalischen Rumpelkammer der Bayernmetropole, dem Backstage Club, und beide Male am unpunkigsten aller Wochentage, einem Montag. Hätte egaler nicht sein können. Mit DŸSE ist immer Wochenende. Es müsste noch etwas ganz und gar erstaunliches passieren, das diese Auftritte von Platz 1 meiner Bestenliste 2014 schubsen könnte. 

dyseDŸSE sind Jarii van Gohl (Schlagzeug und Gesang) und Andrej Dietrich (Gitarre und Gesang). Von 0 auf 100 haben sich Anfang dieses Jahres die zwei irren Sachsen in mein krawallliebendes Herz musiziert. Zwei Typen schaffen mit zwei Instrumenten ein fetteres Brett als manche 6-Mann-Kombo und machen dabei mindestens soviel Spaß wie Gerhard Polt. Die beiden sind musikalisch ultrafit und tight wie Sau. Dietrich spielt seine Gitarre über 6 Verstärker (3 Gitarren-, 2 Bass- und ein aus einem alten Röhrenradio zusammengeschraubter nicht näher definierter Verstärker). Noise-Rock, Punk, Metal, ein bisschen Jazz und Funk und dazwischen große Unterhaltung zwischen Heinz Heinzer Strunk und Helge Schneider, auf sächsisch. Hört sich nach einer wüsten Mischung an, ungefähr wie Muscheln mit Scheiblettenkäse. Aber was erstmal nicht wie der ultimative Style klingt, entpuppt sich vor allem live als das Beste, was die deutsche Musikszene aktuell zu bieten hat. Alter Verwalter! Wer hierbei ruhig stehen bleiben kann, mit dem stimmt was nicht. Denn das hier ist kein verschwurbeltes Klangchaos sondern extrem melodiös und eingängig. Zwischen engagiertem Abhotten mit Tendenz zum Pogo und wiederkehrenden, leicht asthamtischen Lachflashs freut man sich hier auf jeden einzelnen Song.

An Perlen mangelt es auf ihren inzwischen drei Alben wahrlich nicht. „Sag Hans zu mir“, „Schildkrötenthomas“, „Nackenöffner“, „Spinne“ oder „Zebramann“ – Hits, Hits, Hits!  Auch ein eingestreutes Cover von Grandmaster Flash’s „The Message“ erfreut. Hinter seinem Schlagzeug haut der leicht hyperaktive van Gohl auf die Felle und eine Schote nach der anderen raus. Großartig absurd. Man übt sich mal in bayerischer Mundart und philosophiert von Fleischpflanzerl oder klärt auf wie die einsame Insel Thomas zu Schildkrötenthomas machte und dass der Nackenöffner-Song, der eigentlich nicht für menschliche Ohren bestimmt ist, aus einem Tresor im Amsterdamer Musikmuseum gestohlen wurde. Völlig irre.

Geschichten sind überhaupt ihr Ding. Auch um ihr erstes Zusammentreffen ranken sich Legenden. Wahlweise haben sie sich bei einem Armdrückwettbewerb in Sibirien kennengelernt, wo schwerpunktmäßig Vodka und Weißbrot gereicht wurden, oder in einer Amsterdamer Herberge namens Dysecatmotel. Ihre mysteriöse Aura unterstreichen die beiden dann noch mit einer identischen Bowling-Hemd-Hybrid-Kombo. Van Gohl komplettiert mit Jogging-Buxe. Schnittig.

Aktuell haben die Herren noch ein cooles Projekt am Start. „Du musst DŸSE werden“, fordern sie auf. Im Herbst werden sie eine Single veröffentlichen, die sie nicht allein fabrizieren. Der erste Teil des Songs steht und jeder, der Bock hat, kann ihn zu Ende schreiben. In den nächsten Wochen steht der halbfertige Song zum Download bereit (als Summe und auch alle Einzelspuren wie Bassdrum, Gitarre etc.) und jeder, der Interesse hat, kann dann damit arbeiten. Die zwei besten Songs (eine Jury entscheidet) werden dann gemeinsam aufgenommen und veröffentlicht. Alle anderen gibts auf dieser Soundcloudseite zu hören: Soundcloud DU MUSST DŸSE WERDEN. Deadline für die Abgabe des Songs ist der 15. September. Für mehr wie, was, wo am besten auf der DŸSE Homepage vorbeischauen.

Für alle Nichtmusikanten bleibt ja immer noch der Part des Zuhörers. Also holt euch die Mukke und habt Spaß! Und wenn ihr die Chance habt diesen Wahnsinn live zu erleben, überlegt bitte nicht zweimal (auf ein paar Festivals spielen sie heuer noch)! Diese Musik ist für die Bühne gemacht und die Live-Show hat einfach alles, was man sich von einem perfekten Konzert wünscht. Fettes Merci Herrschaften für die bisher beste musikalische Unterhaltung des Jahres 2014! Bis zum nächsten Mal.

Das aktuelle Album von DŸSE heißt „Das Nation“, ist am 21. März 2014 erschienen, und kann über alle bekannten Kanäle erworben werden. Für die letzten Zweifler, es enthält auch ein Katzen-Interlude!