Und noch ein Sommer-Album. La Roux, inzwischen zu einem Solo-Projekt geschrumpft, legt mit „Trouble In Paradise“ endlich ihr zweites Album vor – und liefert damit den perfekten Soundtrack für tropische Sommernächte, pfirsichfarbene Sonnenuntergänge und Pool-Parties. Die Britin bleibt ihrem Synthie-Sound treu, zeigt aber neue Facetten.

La Roux 2014 - CMS SourceAls das Pariser Label Kitsuné vor sechs Jahren die EP einer britischen Newcomerin namens La Roux veröffentlichte, war ich sehr schnell sehr süchtig nach dem hypnotischen Synthie-Sound und der glockenklaren Stimme. Nach „Quicksand“ kam der Hype. Mit dem Hype kamen die Hit-Singles. Mit „Bulletproof“ und „In For The Kill“ kamen ausverkaufte Tourneen. „Darauf war ich nicht vorbereitet“, sagt La Roux heute in Interviews. „Ich war 21 und habe noch bei meinen Eltern gewohnt! Die Platte sollte kalt und hart, irgendwie brüchig und billig klingen. Und das kam mir einfach nicht sonderlich kommerziell vor.“

Denkste! Die Single „In For The Kill“ erreichte in den britischen Charts Platz zwei, der Nachfolger, „Bulletproof„, schaffte es auf die Eins. Insgesamt verkaufte La Roux weltweit über sechs Millionen Singles, das 2009 veröffentlichte selbstbetitelte Debütalbum wurde zwei Millionen Mal verkauft. Die Krönung: ein Grammy als beste Electronic-/Dance-Platte des Jahres 2011. Plötzlich tauchte die junge Britin als Feature-Gast von US-Stars wie Kanye West und Jay Z auf deren Alben auf.

La Roux war überpräsent. Ihre Stimme klang irgendwie nicht mehr aufregend, sondern schrill. Die ganze Aufregung wurde auch Elly Jackson, so La Roux bürgerlich, zu viel. Ständig auf Tour, hatte sie keine Zeit, alles zu verarbeiten, der Erfolg holte sie ein. Sie bekam Panikattacken, nach fast zwei Jahren auf Tour versagte Anfang 2011 ihre Stimme. Kurz: „Ich war weniger hardcore als ich dachte“, so La Roux gegenüber „Billboard“. Die Sängerin nahm sich eine Auszeit.

Neue Frisur, neuer Sound

Inzwischen sind die Probleme gelöst, La Roux ist zurück. Das Markenzeichen, die roten Haare und die elektrisierende Stimme, sind geblieben. Die früher stramm hochgekämmte und mit Tonnen von Hairspray fixierte Tolle hängt der 26-Jährigen heute allerdings locker ins Gesicht, neben dem einst omnipräsenten Falsettgesang gibt es vermehrt angenehm tiefe Töne zu hören. Der Sound von La Roux anno 2014 ist immer noch neonleuchtend, aber nicht mehr ganz so grell. Die starken 80s-Synthie-Pop-Referenzen machen Platz für New-Wave-Elemente und etwas Funk. Insgesamt klingt das Album weniger aufgeregt als das Debüt.

Die erste Single, „Let Me Down Gently“ und das dazugehörige Video machen den Wandel deutlich. Im Clip zeigt sich La Roux von ihrer natürlichen Seite. Irrte sie in „Bulletproof“ noch grell geschminkt durch eine Tetris-Kulisse, spaziert sie hier – zu einem smoothen Saxophon-Solo – in den Sonnenuntergang.

Die ersten Songs von „Trouble In Paradise“ entstanden zusammen mit La Roux‘ langjährigem Produzenten-Partner Ben Langmaid, der schon beim Vorgänger mit von der Partie gewesen war. Ähnlich wie bei 80s-Bands wie Yazoo und Human League entstand der Eindruck des tonangebenden Produzenten und der Vorzeige-Sängerin. Diese Rolle missfiel Elly Jackson, die selbst zahlreiche Instrumente beherrscht. Die beiden entwickelten sich musikalisch jedoch in andere Richtungen, die bekannten „kreativen Differenzen“ führten im Februar 2012 zum Bruch. Elly Jackson stellte „Trouble In Paradise“ schließlich mit Tontechniker Ian Sherwin fertig. Langmaid findet sich dennoch in den Album-Credits, an fünf der neun Songs war er zumindest in einer frühen Phase beteiligt.

Auch prominente Namen finden sich unter den Musikern, so etwa der kanadische Tausendsassa Chilly Gonzales. Er spielt Piano und Hammond-Orgel bei „Kiss And Not Tell“, einem eingängigen Popsong mit simpler Kindermelodie, sowie bei der 80s-Ballade „Paradise Is You“ – dem einzigen unnötigen Song auf dem Album. Ansonsten nahm Elly Jackson die meisten Instrumente gleich selbst in die Hand und spielte u.a. Piano, Synth-Bass, Piano, Synthesizer und Drums ein.

Inspirieren ließ sich La Roux für „Trouble In Parade“ u.a. von Dub und Ragga, Grace Jones, Donna Summer und Disco-Legende Nile Rodgers, mit dem sie 2012 beim Montreux Jazz Festival aufgetreten war, sowie einer karibischen Insel, die sie seit ihrer Kindheit immer wieder besuchte. Das Thema Insel setzt sie konsequenterweise auch im Booklet um. In einer vor 80s-Trash miefenden Popart-Collage posiert La Roux zwischen Hula-Hoop-Girls, Bikini-Babes und beschnurrbarten Machos.

Soziale Unruhen, Sex & Reggae

La Roux 2014-03 - CMS SourceInhaltlich gibt „Trouble In Paradise“ wenig her, auch wenn die erste Single einen politischen Hintergrund hat: In „Uptight Downtown“ verarbeitet La Roux die sozialen Unruhen von 1981 und 2011 im Londoner Stadtteil Brixton, ihrem Heimatkiez. La Roux packt den sozialen Aufstand in einen kühlen Uptempo-Synthie-Song, den man nicht so schnell vergisst, zum Schluss dröhnen die Sirenen. In „Sexoteque“ geht es um einen Typen, der sich permanent in Sexclubs herumtreibt. Die etwas belanglose Elektro-Pop-Nummer „Silent Partner“ könnte als Abrechnung mit ihrem ehemaligen musikalischen Partner verstanden werden: „You’re not my partner, no you’re not a part of me“, heißt es da etwa.

Mein Lieblingssong auf dem Album ist „Tropical Chancer“ – und das, obwohl ich Reggae und vieles, was damit in Verbindung gebracht wird, nicht mag. Ob es am wechselhaften Wetter und der Aussicht auf Dauersonnenbestrahlung liegt, ich weiß es nicht. „Tropical Chancer“ ist jedenfalls ein entspannter, melancholischer Pop-Song über einen Tropen-Casanova. Als Sample diente „My Jamaican Guy“ von Grace Jones (vielen bekannt durch „Doin‘ It“ von LL Cool J) sowie der Italo-Disco-Track „Stop“ von B.W.H.

La Roux ist bestimmt nicht die begnadetste Sängerin, wie verschiedene Live-Aufnahmen zeigen, und ihr harmloser Elektro-Pop mag vielen zu oberflächlich sein, dennoch ist ihr mit „Trouble In Paradise“ ein grandioser Nachfolger zum gefeierten Debüt gelungen. Ende des Jahres schaut La Roux noch live in Deutschland vorbei – nur München lässt sie leider aus.

La Roux Tour 2014:

04.12. Berlin, Astra
05.12. Köln, Bürgerhaus Stollwerk
07.12. Frankfurt, Gibson
09.12. Hamburg, Mojo Club
Fotos: Universal Music