Willkommen zu unserer neuen Kategorie „Ausgegraben“. Hier schreiben wir über Alben und Songs, die wir gern hörten, als wir sehr viel jünger waren und die dieser Tage schon runde Geburtstage oder ihre Volljährigkeit feiern – aber nichts von ihrem Glanz verloren haben. Den Anfang darf „Definitely Maybe“ von Oasis machen: Ursis Liebe für  Britpop ward geboren.

1994, ein großes Jahr: FM4 lief nur abends, die „Homebase“, unser Supermarkt der Musik-Neuvorstellungen, immer ab 19 Uhr – Pflichtprogramm bei uns im oberbayerischen Grenzland. Irgendwann kamen die mit dieser neuen Band an, es muss kurz vor oder nach Schulbeginn im September gewesen sein: „Oasis“.  So einfach wie einprägsam. Zwei Brüder aus Manchester, die Musik machten, die sich von dem vorherrschenden Eurotrash-Dancefloor-Krampf abhob und die, glaubte man den großen Brüdern von Freundinnen, so wichtig wie damals in den Sechzigern die Beatles werden würden. Es dauerte nicht lange und ich wusste, dass sie zumindest meine Musikwelt auf lange Sicht prägen würden: Gitarren. Echte Gitarren! Anders als Nirvana, die es zum Zeitpunkt leider eh schon nicht mehr gab. Anders als die von der Teenage-Angst geprägte, etwas düstere Crossover-Alternative-Welle, die aus den USA dahergeschwappt kam. Viel näher an den Beatles, die ich schon immer mochte. Gut? – Besser!

cd_oasisDie zehn Songs auf „Definitely Maybe“ dudelten also in Dauerschleife durch mein Elternhaus. Vielleicht auch nicht ganz zum Unmut meiner restlichen, zum Teil klassikaffinen Familie, die ich bis dahin gern und fast ausschließlich mit allen Nirvana-Alben, den Stone Temple Pilots, den Pixies und den Beastie Boys drangsaliert hatte. Jetzt aber mal zu den Fakten:

Zehn Tracks, ein Album, fünf Burschen aus Manchester, zwei davon Brüder. 1991 sammelte man die erste Band-Erfahrung, noch als The Rain und ohne Noel Gallagher. Der stoß dazu und hatte von Anfang an nur den Thron des Superstardoms im Kopf. Nicht ganz zu Unrecht, denn Noel konnte wirklich viele wirklich gute Songs schreiben und die ließ er die anderen vier spielen und singen. Das erste Resultat? „Definitely Maybe“.

Auf dem legendären Label Creation erschien das Album schließlich nach relativ stressigen, weil perfektionistischen und verwirrten Studioaufnahmen im Sommer 1994. BBC 1 räumte der Band aus Manchester ordentlich Airtime ein und gemeinsam mit dem bereits im Frühjahr 1994 erschienenen „Parklife“ von Blur war der Grundstein für die Second British Invasion (und eine ewige Hassliebe zwischen den beiden Bands und deren Fans) gelegt. In Großbritannien schoß „Definitely Maybe“ in Rekordzeit auf die Nummer 1 der Charts, auf dem Kontinent gab es immerhin Platzierungen in den Top 50. Ihr wisst, was danach passierte: Im folgenden Jahr veröffentlichten die Gallaghers mit zum Teil neuen Bandmitgliedern „(What’s the Story) Morning Glory“, das neben „Champagne Supernova“ und „Don’t Look Back in Anger“ dem von den großen Radiostationen fast schon vergewaltigten „Wonderwall“ ein zu Hause bot. Die Erfolge wurden größer, die Platten nie wieder so wichtig wie die ersten zwei, die Skandale und Bruderstreitereien waren Topmeldungen in der Boulevardpresse und letztendlich war der  traurige Abgang aufgrund eines Streits zwischen Noel und Liam Gallagher beim Rock am See 2009 vorprogrammiert. Ob sie heute miteinander sprechen, weiß ich nicht – vor 20 Jahren haben sie allerdings ein wichtiges Stück Musikgeschichte geschaffen und nur das zählt.

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Was für ein abgefahrener Sound war das denn bitte? Klar, schon damals konnte man raushören, dass das Brüderpaar aus Manchester schon auch gern die Beatles hörte (der Mittelteil von Whatever bitte – Wohl bisschen viel „A Day in the Life“?!). Nach all den verzerrten und übersteuerten Gitarren aus Seattle konnte man hier aber ganz klare Rock’n’Roll-Riffs raushören („Rock’n’Roll Star“). Liam Gallaghers nasaler Gesang war mindestens so eigentümlich wie seine Art auf der Bühne vor dem Mikro einen auf bucklig zu machen. Noch heute klagen inzwischen End-Dreißiger über verkrümmte Halswirbelsäulen! „Shakermaker“ kletterte bis auf die elf der britischen Charts, verhalf Oasis auch zu einem Auftritt bei Top of the Pops und einer Verurteilung wegen Plagiarismus. „Live Forever“, die dritte Single, ist letztendlich nicht nur der Song, sondern auch das Lebensgefühl eines ganzen Jugendjahrgangs. Großer Song, große Melodie, großer Text, große Message.

„Columbia“ wurde seinerzeit schon bei der BBC gespielt als es den Song noch gar nicht als physische Kopie gab. Und mit Downloads war ja damals noch nix. Wilde Nummer, selbst für damalige Zeiten. Achso, ja und dann wäre da natürlich auch noch „Supersonic“, die erste Single vom Album. Preisfrage: Was reimt sich für immer auf „Supersonic“? – Genau, Gin and Tonic. Im Text geht es unter anderem um einen Rottweiler, in der Melodie spielt ein Gitarren-Solo von George Harrison eine nicht ganz unwichtige Rolle. Wilder wurde es erst gegen Ende des Albums: „Cigarettes & Alcohol“, eine Reminiszenz an die Alokohol-Kippen-Drogen-Sucht der britischen Arbeiterbevölkerung, ist wohl auch das erste Mal, dass jemand statt „Sunshine“ das Gallagher-typische „Sonshyaaain“ rausnäselt. Und auch diese vierte Single des Debüts musste gegen Plagiatsvorwürfe kämpfen, diesmal wäre aus „Get it On“ von T-Rex geklaut worden.

„Slide Away“ ist einer der liebsten Live-Tracks der beiden (!!!) Gallagher-Brüder und hey, in „Married with Children“ werden die beiden ganz brav und handsam. Ein schönes und anscheinend versöhnliches Schlusslied, man muss aber genauer lauschen. The Gallaghers killing with kindness oder so. Meiner Special Limited Edition von „Definitely Maybe“ liegt noch eine zweite CD bei, auf der sich nur ein Song findet: „Whatever“. Und dieser Song ist für mich Oasis at their best: Gitarre, Streicher , grandioser Text. Die CD ziert nur ein Bild einer Wiese in der Dämmerung, das Oasis-Logo und „Whatever“ in Arial-Schrift. So simpel wie fantastisch. Denn wollte man mit 14 wirklich irgendetwas anderes hören, als dass man frei ist das zu tun, worauf man Lust hat und dass genau das schon okay gehen wird? – Nein. Eben.

art_oasis„Definitely Maybe“ erhielt die Bank durch die Bestnoten der Musikpresse. Sogar das Magazin Mixmag, das sich sonst nur mit Dance-Mucke beschäftigte, vergab fünf Sterne. Auf einen Streich war den Buben aus Manchester ein Meilenstein gelungen. Damals hätte allerdings nie einer gedacht, dass die beiden Brüder aus Englands Norden so stilprägend für alle Bereiche der pubertierenden Jugend werden würden: Adidas-Trainingsjacken wurden salonfähig, Liam Gallagher ist für die Frisurenkreation „Britpop-Schnitt“ aka in München „Atomic-Frise“ verantwortlich und selbst am Unibrow der Gallaghers störte sich keiner mehr. Die ganze hingerotzte Art der sonst so höflichen Briten war neu – der Akzent aus Manchester klang seltsam, ihr Getue war arrogant und zum Teil auch selbstüberschätzt. Und oder gerade trotzdem: Oasis prägten alle von der Insel, die nach ihnen kamen. Wahrscheinlich war ihnen aber selbst das egal: „Whatever“ eben. Sicher? Definitely maybe.

 

„Definitely Maybe“ wurde Ende August 1994 bei Sony veröffentlicht.

(Spätestens nach 15 Sekunden des ersten Tracks zeichnet sich auf Ursis Gesicht noch heute ein breites Grinsen ab. Als Noel Gallagher bei seiner Solo-Show in München „Whatever“ anstimmte, konnte sie ihr Glück nicht fassen.)