Zwei Detectives auf den Spuren eines Ritualmörders in Südlouisiana. Was HBO hier fabriziert hat, ist erneut ein fantastisches Serienformat, bei dem einfach alles stimmt. Die Story, die Darsteller, die Kameraarbeit, und einmal mehr die sorgfältige Musikauswahl. Die unterstreicht die morbide Grundstimmung und die beklemmende Schwüle der Südstaaten gleichermaßen. Der nächste Kandidat für unsere Soundtrack-Reihe ist True Detective.

slide_truedetectiveWenig versetze ihn noch in Aufregung, meinte kürzlich Biffy Clyro’s Simon Neil. Seine Frau, seine Band, Lego, ein neues Manchester Orchestra Album und True Detective. Dem stimme ich voll und ganz zu. Bis auf Mrs. Neil, die kenn ich nicht.
True Detective ist in der Tat ein erstaunliches Stück Serien-Kunst. Als Anthologie angelegt, bauen die einzelnen Staffeln nicht aufeinander auf, sondern jede Season steht für sich, mit eigener Story und neuem Cast. Ähnlich kennt man das schon von American Horror Story, wobei hier die Darsteller immer wieder in neuen Rollen auftauchen. In der ersten Staffel True Detective ermitteln sich Matthew McConaughey als Detective Rustin „Rust“ Cohle und Woody Harrelson als Detective Martin „Marty“ Hart 1995 in Sachen ritualhaftem Serienmord durch die Küstenebene Südlouisianas. Die Story wird quasi abwechselnd von den beiden Detectives im Rahmen einer Jahre später stattfindenden getrennten Befragung erzählt, als der Fall neu aufgerollt wird. Mehr will ich über die Handlung an dieser Stelle nicht verraten. Je unwissender man an diese Serie herangeht, umso besser. Aber über das, was die beiden Hauptdarsteller hier abliefern, muss durchaus noch ein Wort verloren werden. Das ist wirklich ganz großes Kino auf dem kleinen Screen. Jeder der beiden für sich schon ein Vollblut-Schauspieler, sind sie zusammen ein Traumpaar und der Volltreffer für diese Geschichte.

True_Detective_Complete_First_Season_Bild_09__Matthew_McConaughey_Detective_Rustin_Rust_CohleEs ist das Jahr des Matthew McConaughey. Golden Globe und Oscar für seine Rolle als aidskranker Rodeo-Cowboy Ron Woodroof in „Dallas Buyers Club“ und die Emmy-Nominierung für seine Leistung in True Detective. Jemand der gleichzeitig auf der großen Leinwand und im TV in der Oberliga spielt und sämtliche Auszeichnungen abräumt, ist neu. Den Emmy nimmt letzten Montag zwar Bryan „Walter White“ Cranston für die finale Staffel Breaking Bad mit nach Hause (und das geht auch völlig in Ordnung), aber trotzdem ist es absolut bemerkenswert, was der Texaner derzeit abliefert. Vom RomCom-Vogel und Surfer-Dude zum Vorzeige-Charakterdarsteller, wer hätte das gedacht.

Doch an der Stelle muss ich hier eine Lanze für Woody Harrelson brechen. Eigentlich vollbringt er die wahre Höchstleistung (die ebenfalls mit einer Emmy-Nominierung bedacht wurde). Denn während McConaughey mit seinem Rust Cohle einen recht dankbaren, weil sehr exzentrischen Charakter mit soziopathischen Tendenzen und Neigung zum düster-philosophischen erwischt hat, ist Harrelson’s Hart als Normalo-Familienvater in der Midlife Crisis angelegt, der eher über die vollbusige Gerichtshelferin stolpert als über eine destruktive Weltanschauung. Und das verkörpert Harrelson so großartig, mit der genau richtigen Mischung aus Understatement und Auf-die-Kacke-Hauen, dass man nur den Hut ziehen kann. Er wechselt so mühelos und geschmeidig zwischen impulsivem Macho und von Verlustängsten geplagtem Familienvater, dass sein Charakter realer kaum sein könnte. Im Grunde kann neben ihm der verschrobene Cohle erst so richtig glänzen.

True_Detective_02Dass die beiden exzellenten Hauptdarsteller bei den Emmys leer ausgegangen sind, liegt also keineswegs an ihren Qualitäten sondern an der absurd harten Konkurrenz. Dass Serien kein Abstellgleis mehr für ausgediente Hollywoodstars sind, sondern inzwischen völlig gleichberechtigt neben ihren großen und teuren Geschwistern, den Kinofilmen, stehen, dürfte nichts Neues mehr sein. Doch wie rasant sich das Genre aktuell entwickelt und am Fließband Serien auf allerhöchstem Niveau hervorbringt, ist wirklich verblüffend. (Vergessen wir neben den schon erwähnten American Horror Story und Breaking Bad nicht Game Of Thrones, Fargo, Sherlock und House Of Cards. Und das sind nur die Dramen!). Immerhin gab es für True Detective Preise für das Skript von Nic Pizzolatto und Cary Joji Fukunagas hervorragende Regiearbeit. Wie dieser Mittdreißiger die beiden Schauspiel-Schwergewichte durch die Szenen dirigiert, hat allerdings Respekt verdient.

Genauso wie die Leistung von Soundtrack-Veteran T Bone Burnett. Der perfekt zusamengestellte Score ist eine Mischung aus für die Serie geschriebenen Originalstücken und einer wunderbar stimmigen Auswahl an meist atmosphärisch düsteren Musikstücken der letzten fünf bis sechs Jahrzehnte.

Direkt bei Folge eins wird klar, dass dieses Format musikalisch einiges zu bieten hat. Allein die Eröffnungssequenz, eine kunstvoll surreale Inszenierung prägnanter Serienmomente über der mit „Far From Any Road“ von The Handsome Family ein schwermütig  schleppendes Stück Indie-Country mit gemeinem Ohrwurmpotential liegt. Kaum ein Song könnte diese dem Genre Southern Noir oder Southern Gothic zugeordnete Serie besser einleiten. Und auch die ersten End Credits fahren mit der psychedelischen Garagen-Rock-Nummer „Young Men Dead“ von The Black Angels (das man unter anderem vom Snowboard-Über-Movie „The Art Of Flight“ aus der Red Bull Film-Schmiede kennt) direkt schwere Geschütze auf. Treffer in die Magengrube. Über die acht Folgen reihen sich Gospel, Country  und ganz viel Blues an alle möglichen Rock-Variationen. Meistens pendelt die musikalische Stimmung zwischen melancholisch, desolat, aggressiv und beklemmend. Leichtigkeit und Gute Laune sucht man hier, bis auf wenige Ausnahmen, vergeblich. John Lee Hooker, Ike & Tina Turner, Melvins, Primus, Black Rebel Motorcycle Club, Bosnian Rainbows, The Kinks, Emmylou Harris und der Wu Tang Clan sind nur ein paar Vertreter dieser durchaus wilden Mischung. Dazu gibts einige Neu-Schöpfungen von Score-Mastermind und Star-Produzent T Bone Burnett, dem musikalischen Supervisor der Serie. Unter anderem „The Angry River“ aus der finalen Folge, das Burnett – laut einem Interview mit dem US Rolling Stone – als klassische Mörderballade angelegt hat. Soso. Performed wird das Stück von The Hat ft. Father John Misty & S.I. Istwa. Nicht nur Screenwriter Pizzolatto findet, dass diese Nummer das ganze Southern Gothic Thema als musikalische Metapher nahezu perfekt einfängt. Jeder Folge für sich sieht man also nicht nur an, man hört auch, dass hier in allen Departments Experten mit ganz viel Ahnung, Ambition und Herzblut am Werk waren. Das Endergebnis spricht für sich.

Der Sommer ist wohl Geschichte, Zeit für etwas gepflegte Melancholie im Herbst. Mit dieser Serie und ihrem Soundtrack seid ihr bestens beraten. Deswegen hier die passende Playlist mit einer großen Auswahl an Songs aus dem True Detective Universum, Runde 1. Dabei kann man auch ganz wunderbar darüber sinnieren, wer in Staffel 2 (die fatalerweise erst im September 2015 kommt!) in die sehr großen Fußstapfen dieses jetzt schon legendären Ermittler-Duos treten wird. Die Gerüchteküche läuft schon heiß, im goldenen Serien-Zeitalter stehen die Anwärter von der A-Liste sicher Schlange. Man darf gespannt sein, wer das Rennen macht. Bisher weiß man über Staffel 2 nur das Folgende: Im Mittelpunkt werden laut Pizzolatto „hard women, bad men and the secret occult history of the United States transportation system“ stehen. Großartig. Was will man mehr!?

 

 

Wenns noch mehr The Sound Of… sein darf, gibt es auch die Ausgaben Breaking Bad und The Walking Dead.

True Detective, Staffel 1 kann man aktuell bei Sky schauen, bei iTunes einkaufen und ab dem 4. September hierzulande auch auf DVD erwerben.

 

Fotos: PR und themusicminutes