Ziemlich druff, diese Pressefotos. Und ein kleines bisschen verspult wirkt Tricky auch, als ich mit ihm telefoniere. Er redet viel. Und über alles gleichzeitig. Von Palästina über Facebook, Fame und Kanye West bis zu den Album-Aufnahmen. Denn darum geht es eigentlich. Mit „Adrian Thaws“ hat Tricky sein mittlerweile elftes Album veröffentlicht. Er sitzt in einem Berliner Café – und bestellt sich zwischendurch einen Cranberry-Saft. Sehr vorbildlich. Überhaupt entpuppt sich der Brite, der früher für seine wechselhaften Launen bekannt war, als eloquenter und freundlicher Gesprächspartner. Der 46-jährige Rapper und Produzent erklärt, weshalb Pop wieder politisch sein sollte, welchen Einfluss seine 18-jährige Tochter auf seine Musik hat und warum er Kanye West für einen Idioten hält.

AdrianThaws

Auf deinem neuen Album „Adrian Thaws“ findet sich ein Song mit dem Titel „My Palestine Girl“. Der Song startet mit einem Bomben-Alarm. Ein sehr aktuelles Szenario.
Tricky: Wenn ich mit einem Mädchen aus London ausgehe, muss ich mir keine Sorgen machen – höchstens, dass sie mich betrügen könnte oder mit jemand anderem flirtet. In dem Song stelle ich mir vor, wie es wäre, mit einer Frau aus Gaza zusammen zu sein – da hat man ganz andere Ängste. Man fragt sich, ob sie am nächsten Morgen überhaupt aufwacht, ob sie noch lebt. Es ging mir darum, die Dinge zu relativieren. Freunde von mir waren schon eifersüchtig, wenn ihre Freundin mit einem anderen Kerl sprach.

Die Geschichte ist aber fiktiv, oder?
Tricky: Ja. Ich ging in Paris eine Zeitlang mit einem palästinensischen Mädchen aus. Sie lebte zwar nicht dort, hatte aber Familie in Gaza. Sie erzählte mir von bestimmten Dingen, wie etwa von der Kappung der Wasserreserven, und vermittelte mir dadurch einen Eindruck davon, was in ihrem Land vor sich geht. Der Song ist mein politisches Statement zum Zeitgeschehen. Das haben Musiker früher gemacht, bevor die Celebrity-Kuktur aufkam, mit Facebook und Fame.

Was genau meinst du damit?
Tricky: Heute gibt es überall auf der Welt so genannte Persönlichkeiten, die ihr Geld damit verdienen, prominent zu sein. Wie Kim Kardashian zum Beispiel. Aber was hat sie bisher geleistet? Was macht sie? Wer ist sie? Sie wurde dank eines Sextapes bekannt. Ihr Job ist Ruhm. Arzt, Anwalt, Schreiner oder Mechaniker – das sind Berufe. Aber wer einfach nur berühmt werden will, muss krank sein im Kopf. Das Celebrity-Zeitalter ist eine der schlimmsten Epochen, in denen wir je gelebt haben. Leute gucken zu viel Fernsehen. Sie glauben, was sie sehen und reagieren darauf. Menschen sprechen zum Beispiel oder machen Liebe wie es ihnen in Filmen vorgemacht wird. Das ist nicht gesund.

Dir ist es also wichtig, Pop und Politik zu verbinden?
Tricky: Genau. Künstler wie The Specials, Bob Marley oder John Lennon gaben in ihren Songs politische Statements ab. Es ging in ihren Texten nicht darum, wie viel Geld sie verdienten oder wie viele Platten sie verkauften. Früher ging es in der Musik um Freiheit, heute geht es um Geld und Erfolg. Als ich anfing, Musik zu machen, wollte ich nicht um berühmt werden, ich wollte einfach gute Songs schreiben. Heute geht es vielen Künstlern nicht mehr um ein gelungenes Album, sondern darum, bekannt zu werden und möglichst weit vorne in den Charts zu landen. Wie Kanye West zum Beispiel. Meiner Meinung nach ist er ein verdammter Idiot. Er hat die ganze Aufmerksamkeit nicht verdient. Musiker sollten sich dessen bewusst sein, wie viel Glück sie haben. Man kann reisen, live auftreten, Platten aufnehmen. Das ist ein tolles Leben!

Auf deinem neuen Album finden sich zahlreiche Gast-Künstler. Ein Großteil davon ist weiblich. Fühlst du dich mit Frauen wohler?
Tricky: Das hat auch mit meinen Lyrics zu tun. Meine Texte sind eher feminin als maskulin. Eine Frau eignet sich deshalb besser, sie zu singen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ohne Mutter aufgewachsen bin. Es ist jedenfalls ein tolles Kompliment, Worte zu Papier zu bringen und sie dann von einer Frauenstimme gesungen zu hören.

Selbst die beiden männlichen Gast-Künstler auf dem Album haben einen femininen Touch: Transgender-Rapper Mykki Blanco und Blue Daisy, ebenfalls ein Rapper, der sich einen weiblichen Künstlernamen zugelegt hat. Gender-Rollen verschwimmen heutzutage immer mehr.
Tricky: Damit habe ich ja bereits auf meinem ersten Album, „Maxinquaye“, gespielt, als ich auf den Pressefotos ein Hochzeitskleid getragen habe, während Sängerin Martina Topley Bird einen Männeranzug trug. Damals war das noch eher eine Provokation, viele Leute waren schockiert. Heutzutage ist unsere Gesellschaft viel aufgeschlossener. Mykki Blanco zum Beispiel wird nicht bloß als schräger, schwuler Kerl im Kleidchen gehandelt, sondern er ist ein ernstzunehmender Rapper.

Mit Mykki Blanco hast du den Song „Lonnie Listen“ aufgenommen. Dort heißt es: „you exercise every day, but you are still not fit, the kids are hungry“. Ein autobiografischer Text?
Tricky: Das basiert einem alten Reggae-Song. Es geht um den täglichen Kampf. Ich arbeite jeden Tag, aber ich komme nicht voran und meine Kinder haben nichts. Was soll ich also machen? Jemanden ausrauben? Das ist falsch. Aber wenn die eigenen Kinder nach Nahrung schreien, ist man bereit, extreme Dinge zu tun. Es geht um diesen Kampf.

Apropos Kinder: Was haben deine Töchter zu den neuen Songs gesagt?
Tricky: Meine 18-jährige Tochter ist unter dem Pseudonym Silver Tongue sogar auf dem letzten Song des Albums, „When You Go“, dabei! Sie hat ihn selbst produziert und eingesungen, ich habe den Track dann nur noch gemastert. Es ist das erste Mal, dass wir zusammen etwas aufgenommen haben.

Nimmst du die Songs mit den Gästen zusammen im Studio auf?
Tricky: Genau, ich habe ja ein Studio in meinem Haus. Dort nehme ich mein ganzes Material auf. Alle Gast-Musiker kommen also zu mir nach Hause, so ist es viel entspannter. Wenn man sich in einem kommerziellen Studio einmietet, zählt man immer die Stunden, da man ja pro Stunde bezahlt. Das ist wie in einer Fabrik. Wenn ich in meinem Homestudio aufnehme, kann ich aber zwischendurch zum Beispiel auch mal was kochen gehen, wenn mir gerade danach ist.

Du nutzt also auch keine digitalen Technologien, um etwa Vocal-Parts hin und her zu schicken? Du möchtest mit den Sängern in einem Raum sein?
Tricky: Manchmal schicken mir Leute tolle Gesangsaufnahmen von Künstlern per E-Mail, das ist okay. Aber für die Album-Aufnahmen hole ich den Künstler dann tatsächlich lieber ins Studio. Ich ziehe es vor, in einem Raum zu sein, zu spüren, was passiert.

Haben die Gast-Sänger beim Endergebnis denn ein Wörtchen mitzureden?
Tricky: Um ehrlich zu sein: nein. Ich bin sehr aufgeschlossen. Aber im Studio bin ich ein Diktator.

Die Tracks mit Bella Gotti klingen sehr aggressiv, während die Stücke mit Francesca Belmonte eher warm und weich daherkommen. Beeinflussen die Gäste die Songs?
Tricky: Ja, auf jeden Fall. Bella Gotti kenne ich noch als Knowley, wie sie sich damals nannte. Sie ist eine sehr aggressive Rapperin – viel aggressiver als Männer. Ich wollte, dass sie auf meinem Album rau klingt. Sie kann es locker mit jedem Mann aufnehmen.

Nächstes Jahr feiert dein Debütalbum 20-Jähriges. Feierst du das Jubiläum mit besonderen Releases?
Tricky: Nein. Aber Universal Music, diese Teufel, haben etwas geplant, soweit ich weiß. Das hat aber nichts mit mir zu tun und ich möchte damit auch nicht in Verbindung gebracht werden. Das Album habe ich vor 20 Jahren aufgenommen. Es gehört der Vergangenheit an. Aber den Plattenfirmen geht es natürlich darum, Geld zu machen, deshalb gibt es dann solche Jubiläumseditionen mit vielleicht irgendeinem obskuren Remix, der bislang nicht veröffentlicht wurde. Aber ich besitze die Rechte nicht, ich kann sie nicht davon abhalten.

Wirst du selbst ein neues Album veröffentlichen?
Tricky: Ja. Francesca Belmonts eigenes Album, das ich produziert habe, erscheint im Januar. Ende nächstes Jahr möchte ich dann ein neues Album veröffentlichen. Ich habe bereits einige Tracks geschrieben, mit den Aufnahmen werde ich wohl im Oktober beginnen.

Gibt es bereits erste Ideen für Kollaborationspartner?
Tricky: Das wird sich von allein ergeben. Durch zufällige Begegnungen auf der Straße oder Entdeckungen auf YouTube finde ich immer wieder andere Talente. Auf Tirzah, die auf dem aktuellen Album zu hören ist, bin ich über meine Tochter Mazy aufmerksam geworden. Sie spielte mir einen Song von ihr vor und fragte, ob ich nicht mit ihr arbeiten könne. Ich hörte mir den Song an und war begeistert. Über meinen Manager kam dann der Kontakt zustande. Meine Tochter war mein persönlicher A&R für dieses Album.

tricky_adrian thaws_packshot_finalUnd wie klingt „Adrian Thaws“?

Was man von Tricky erwartet: düstere, derbe Beats, dazu gerappte, gestöhnte, gehauchte und geflüsterte Lyrics über Liebe, Labels und das Leben. Die Gäste, darunter die irisch-italienische Sängerin Francesca Belmonte, die Deutsch-Nigerianerin Nneka, Transgender-Rapper Mykki Blanco und die dänische Singer/Songwriterin Oh Land, verpassen den einzelnen Songs eine individuelle Note, mal sanft („Something In The Way“), mal aggressiv („Lonnie Listen“).

Auch wenn er selbst die Bezeichnung und Genre-Schubladisierung nicht mag, aber Trip Hop trifft es in seinem Fall ziemlich gut. Der in Bristol geborene Künstler verschwurbelt Hip-Hop, Drum’n’Bass, Jazz, House und Reggae zu einem gechillten, basslastigen Sound. In „Gangster Chronicles“, das er zusammen mit MC Gotti aufnahm, kommt übrigens ein Sample von der London Posse zum Einsatz, das vielen aus „Unfinished Sympathy“, dem Klassiker von Massive Attack aus dem Jahr 1991, bekannt sein dürfte. Tricky gab ja seinen Einstand als Rapper mit Anfang 20 auf dem Massive-Attack-Debüt „Blue Lines“. Lang ist’s her. Inzwischen hat Tricky längst bewiesen, dass er ein ernstzunehmender, talentierter und einfallsreicher Musiker und Produzent ist. Insgesamt ist ihm mit „Adrian Thaws“ ein abwechslungsreiches Album gelungen, für späte/sehr frühe Stunden zu Hause, bei Kaffee, Whiskey und was es sonst noch so gibt.

Fotos: Presse