Ich kannte ihn als einen der langhaarigen Rocker, die die Zimmerwände meines Bruders schmückten. Irgend so n‘ Heavykram, nicht meine Welt. Noch heute kann ich mit Hardrock und Co. nicht viel anfangen. Aber wenn sich die Möglichkeit bietet, mit einem der erfolgreichsten Gitarristen der Welt zu sprechen, sage ich nicht nein. Slash, der mit Guns N’Roses Rockgeschichte schrieb und mit Größen wie Michael Jackson zusammenarbeitete, veröffentlichte vor kurzem sein drittes Solo-Album „World On Fire“. „Solo“ trifft es allerdings nicht ganz. Erneut bat Slash Alter-Bridge-Sänger Myles Kennedy hinters Mikro und setzte auf die Unterstützung der Band The Conspirators, bestehend aus Bassist Todd Kerns und Drummer Brent Fitz.

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Ein bisschen mulmig war mir vor dem Interview. Immerhin gehört Slash zum internationalen Rock-Establishment. Saul Hudson, so der Musiker bürgerlich, feierte in den Neunzigern mit Guns N‘ Roses weltweite Erfolge. Der kometenhafte Aufstieg begann mit „Appetite For Destruction“, dem 1987 veröffentlichten Debütalbum der Band. Songs wie „Paradise City“ oder „Welcome To The Jungle“ sind längst Klassiker. Nach Auflösung des Original-Line-ups und Band-Projekten wie Slash’s Snakepit und der Supergroup Velvet Revolver veröffentlichte Slash 2010 ein selbstbetiteltes Solo-Debüt, 2012 erschien der Nachfolger „Apocalyptic Love“, für das er bereits mit Myles Kennedy und The Conspirators zusammenarbeitete.

Slashs Ruf eilt ihm voraus: Drogen, Abstürze, Band-Streitereien. Doch der heute 49-Jährige hat seine wilde Vergangenheit hinter sich gelassen. Schnell noch ein paar Facts mit dem Bruderherz aufgefrischt, und schon ist Slash (der in einem Londoner Hotel sitzt) an der Strippe. Im Interview verrät Slash – der sich als entspannter und sehr höflicher Gesprächspartner entpuppt –, was aus dem „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“-Lifestyle geworden ist und  wie es ist, als virtuelle Spielfigur in einem Videogame aufzutauchen.

Auf deinem dritten „Solo“-Album „World On Fire“ finden sich ingesamt 17 neue Stücke – ziemlich viel Material. Du scheinst derzeit sehr produktiv zu sein.
Slash: Na ja, bereits auf den beiden letzten Solo-Alben fanden sich jeweils mehr als 15 Songs. Einige Stücke habe ich nicht auf die Standard-Version der Alben, sondern auf die Deluxe-Ausgaben gepackt, die später veröffentlicht wurden. Dieses Mal dachte ich mir einfach, scheiß drauf, bringen wir einfach das ganze Material auf einem Album heraus. (lacht)

Wo sind die neuen Songs entstanden?
Slash: Wir haben die Basic-Tracks, also Bass und Drums, in den NRG Studios in Los Angeles eingespielt. Die Gesangsparts und die Gitarren haben wir dann im Homestudio von Produzent Mike Baskette in Orlando aufgenommen.

Hattet ihr wieder eine „Slash-Box“, in der du ungestört die Gitarren-Parts einspielen konntest?
Slash: Nein, nein. Wir haben die Slash-Box damals benutzt, weil wir das Album komplett live eingespielt haben. Ich mag es nicht, Kopfhörer zu benutzen, deshalb haben wir diese Kabine gebaut. Dadurch konnte ich in einem geschlossenen Raum, lediglich ausgestattet mit Monitoren, meine Parts einspielen. Durch ein eingebautes Fenster konnte ich die Band sehen. Das war wie ein Raum im Raum. Dieses Mal haben wir es wieder so gemacht, wie ich normalerweise Platten aufnehme. Wir spielen live im Studio und ich wiederhole die Gitarrenparts auf dem Controller.

Als Produzent stand euch Mike „Elvis“ Baskette zur Seite.
Slash: Genau, es war das erste Mal, dass wir zusammengearbeitet haben. Letztes Mal hatten wir Eric Valentine an unserer Seite.

Was macht den idealen Produzenten aus?
Slash: Bei Rock’n’Roll – denn in der Popmusik ist das noch einmal etwas ganz anderes – braucht man jemanden, der sich mit organischen Aufnahmen auskennt. Ich persönlich bevorzuge zum Beispiel Tapes. Es geht darum, den Sound von Bass, Drums und Gitarre sowie die Vocals möglichst unverändert, die Tonalität möglichst „echt“ einzufangen. Der Produzent sollte ein gutes Ohr haben und – ob du es glaubst oder nicht – er sollte extrem intelligent und technisch versiert sein. Außerdem gehört natürlich Leidenschaft dazu. Es sollte jemand sein, der Rock’n’Roll und all dessen Bestandteile liebt. Kurz: ein Arbeitstier.

Apropos organische Aufnahmen: Viele Bands setzen heute in erster Linie auf technischen Schnickschnack. Was hältst du davon?
Slash: Ich halte mich an bestimmte Prozesse. Das ist natürlich von Genre zu Genre unterschiedlich – im Pop ist es beispielsweise anders als im Hip-Hop – aber im Fall von Rock’n’Roll-Aufnahmen muss eine Band meiner Meinung nach einfach zusammen spielen. Vielleicht liegt es daran, wie ich aufgewachsen bin und wovon ich inspiriert wurde, aber ich glaube, dass etwas verloren geht, wenn Musiker ihre Parts an unterschiedlichen Orten einspielen und am Ende alle Einzelteile zusammengefügt werden. Dadurch geht unweigerlich ein gewisser Spirit, eine bestimmte Energie verloren. Das hört man bei jüngeren Rockbands oft.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass du dich bis 2003 geweigert hast, einen Computer zu benutzen. Heute hast du über drei Millionen Twitter-Follower und knapp zwölf Millionen Facebook-Fans.
Slash: Ich tue mich aber nach wie vor schwer damit, meinen Computer zu benutzen. Ich kommuniziere hauptsächlich über mein Telefon.

Du nutzt die Social-Media-Kanäle allerdings ziemlich intensiv.
Slash: Ja, das stimmt. 98 Prozent davon mache ich auch selbst. Manchmal übernimmt mein Management Posts für mich, etwa wenn es um Live-Termine geht, aber der Rest, das bin ich.

Ist es heute als Künstler nicht schwieriger, all diesen Anforderungen gerecht zu werden?
Slash: Man muss das ja nicht tun. Ich mache das freiwillig, denn ich genieße die Möglichkeit, direkt mit meinen Fans in Kontakt zu treten, mit ihnen zu interagieren. Vielleicht macht es alles ein wenig komplizierter, aber es lohnt sich auch.

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Du bist eine Figur im Videospiel „Guitar Hero“. Fühlt sich das nicht seltsam an?
Slash (lacht): Ich bin sofort auf den Vorschlag eingegangen, war Feuer und Flamme für die Idee. Denn ich bin ein großer Fan von Cartoons und solchen Sachen. Als ich also die Gelegenheit hatte, Teil eines Videospiels zu werden, habe ich sofort zugesagt. Das war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat Spaß gemacht. Zuvor hatte ich noch nie etwas mit diesem Medium zu tun gehabt.

Hast du das Game selber schon gespielt?
Slash: Nein, ich habe „Guitar Hero“ nie gespielt, nachdem die Porudktion abgeschlossen war. (lacht) Leider. Es war einfach zu schräg.

Deine Karriere startete Ende der 80er Jahre. Was denkst du, ist es für junge Künstler heute einfacher, durchzustarten und sich mit ihrer Musik Gehör zu verschaffen?
Slash: Es gibt heute natürlich sehr viele Plattformen, die damals nicht existierten. Das ist sicherlich sehr hilfreich. Aber es geht ja erst einmal darum, sich ein Publikum aufzubauen – und das schafft man nicht, wenn man einfach mal ein Video bei YouTube hochlädt. Das ganze muss wachsen. Und der beste Weg für junge Rockbands, sich Gehör zu verschaffen und sich eine Fanbase zu erspielen, ist immer noch, live aufzutreten. Aber die verschiedenen digitalen Möglichkeiten tun sicher niemandem weh, das ist natürlich zusätzlich förderlich.

Wenn du heute bei Konzerten in die erste Reihe blickst, wie hat sich das Publikum im Vergleich zu früher verändert?
Slash: Wir haben sehr viel Glück, dass wir ein sehr durchmischtes Publikum haben. Von zwölfjährigen Kids, sofern sie überhaupt reinkommen, bis hin zu älteren Semestern aus der Guns N‘ Roses-Generation – und alles dazwischen, also verschiedene Altersgruppen. Es ist cool, Kids im Publikum zu haben, das ist sehr wichtig. Denn es macht deutlich, wo man selbst steht.

Deine eigenen Kinder sind zehn und zwölf Jahre alt. Stehen sie auf Rockmusik?
Slash: Die beiden sind noch nicht alt genug, um ihre musikalischen Vorlieben selbst zu bestimmen. Sie hören viel Musik, die ich mir anhöre. Gleichzeitig hören sie sich viel von dem Zeug an, das ihre Mutter mag – was völlig andere Musik ist als meine. Aber ich glaube, sie mögen meine Sachen lieber. (lacht)

Was hört denn deine Frau gerne?
Slash: Vor allem EDM.

Kannst du mit elektronischer Musik etwas anfangen?
Slash: Manche Songs sind ganz okay. Aber das meiste davon ist mir zu synthetisch, es klingt nicht sexy in meinen Ohren.

Im neuen Song „30 Years To Life“ heißt es: „growing old, wasting away in this cage, I’m all alone“. Wie fühlt sich das an, als weltweit bekannter Musiker öffentlich älter zu werden?
Slash: Oh, das habe ich nie so gesehen. (lacht) Die Lyrics in dem Song sind aber auch keine Metapher, sondern tatsächlich wortwörtlich zu verstehen: es geht um jemanden im Gefängnis. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich bin sehr stolz darauf, heute an diesem Punkt zu sein, an dem ich bin. Vor allem, wenn ich mit Leuten spreche, die nicht wussten, ob sie es überhaupt bis 21 schaffen würden. Ich fühle mich also gesegnet, dass ich immer noch da bin und ich liebe es immer noch, Musik zu machen. Und dieser Käfig, in dem man sitzt und einen alle beobachten, das gehört einfach zum Entertainment-Business dazu.

Was hat sich denn backstage verändert? Geht es hinter der Bühne heute anders zu und her als vor 20 Jahren?
Slash: Das hängt ganz davon ab, welche „Elemente“ man selbst im Backstage-Bereich zulässt. (lacht) Bei Festivals hat sich nicht viel verändert, das ist wie immer. Auf Tour hat man natürlich immer die Gelegenheit, gewisse Dinge zu tun, diese „Elemente“ sind durchaus gegenwärtig, genau wie früher. Insgesamt hat sich also nicht allzuviel geändert. Bis auf klitzekleine, subtile Veränderungen wie etwa die Tatsache, dass ich nicht mehr jede Nacht eine Flasche Whisky leere. (lacht).

Im Verlauf deiner Karriere hast du mit unzähligen Künstlern – u.a. Michael Jackson, Fergie oder Lenny Kravitz – zusammengearbeitet. Wer steht noch auf deiner Wunschliste?
Slash: Oh ja, sicher, da gibt es einige. Aber das ist keine Liste mit Namen, die ich durchgehe und abhake. Es geht viel mehr darum, Gelegenheiten zu nutzen, die sich bieten. So kamen auch die bisherigen Kollaborationen immer zustande. Ich denke also nicht daran, mit wem ich gerne als nächstes arbeiten möchte, sondern lasse es einfach auf mich zukommen.

Könntest du dir etwa eine Zusammenarbeit mit Lady Gaga vorstellen?
Slash: Hm… Das ist etwas, das ich nicht unbedingt anstrebe. (lacht) Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Andererseits habe ich ja auch bereits mit Rihanna gespielt. Also wer weiß…

„World On Fire“

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Ein ziemlich wüstes Cover ist das. Bart Simpson mit einer fiesen Fratze, dazu  jede Menge Kälber und andere Tiere. Die CD selber ziert ein Smiley in bester Neunziger-Manier. Der Mund ist allerdings kein schwarzer Strich, sondern das unheimliche Lächeln eines Schädels. Genau so habe ich die Heavy-Metal-Alben meines Bruders in Erinnerung. Heute weiß ich, dass diese Art von Musik nicht mit dem „Bösen“ gleichzusetzen ist. (Ja, ich gebe zu, ich hatte damals eine recht festgefahrene, man könnte sagen einseitige Meinung.) Respekt, „World On Fire“ ist ein perfekt produziertes Album, ehrliche, handgemachte Rockbretter, mitten in die Fresse rein, mit ausufernden Gitarrensoli und durchaus tiefgründigen Texten. „The Dissident“ ist ein Anti-Kriegssong, ein Mittelfinger an Mr. Bush sozusagen, in „Beneath The Savage Sun“ geht es um illegale Elefantenjagd. In „The Unholy“ wird Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, in „Withered Delilah“ Sexismus im Entertainment-Biz thematisiert. Der Titelsong oder „Shadow Life“ gehen sofort ins Ohr und Myles Kennedys Stimme erinnert zwischendurch an Axl Rose. Dennoch: Trotz einiger musikalischer Erweckungsmomente, die ich meinem Bruder zu verdanken habe, und Nachhilfe in Sachen Metal, kann ich nach wie vor nicht viel mit den bombastischen Gitarrenwänden von Slash und seinen Mannen anfangen. Für alle anderen: Im November kommen Slash, Myles Kennedy and The Conspirators auf Tour.

15.11. Basel, St. Jakobshalle
19.11. Wien, Stadthalle
22.11. München, Zenith
23.11. Köln, Palladium

Fotos: Travis Shinn