Ein Surfer aus England? Einer, der auch noch Mucke macht? Musik, die zu den viel zu wenigen Sommertagen genau so gut passt wie zum Herbst? Jawohl! All diese Sachen ist und kann Ben Howard. Heute erscheint sein neues Album „I Forget Where We Were“.

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Jack Johnson und Donavan Frankenreiter sind eigentlich die Definition von musikschaffenden Surfern. Dass man aber im südenglischen Devon sowohl surfen als auch Musik machen kann, hat bereits vor drei Jahren Ben Howard mit seinem Debüt „Every Kingdom“ bewiesen. Allerdings ist der Sound ein anderer: Die Melodien sind melancholischer, die Texte trister – muss am englischen Wetter liegen (Jaja, demnach hätte er natürlich das Album auch im Münchner August schreiben können, schon klar). Egal –“Every Kingdom“ war ein ziemlich großer Erfolg und Ben Howard spätestens ab November 2011 kein Unbekannter mehr: Die englischen Plattenläden waren voll mit Kopien seines Erstlings, ausverkaufte Konzerte in ganz Europa folgten genau so wie der ein oder andere Festivalauftritt.

Pünktlich zur Ankündigung des aktuellen Albums veröffentlichte Howard auch schon die erste Single und den Titeltrack des Sophomore-Werks: „I Forget Where We Were“. Und von der Leichtigkeit eines Surfer-Dude-Tracks sind wir hier ganz weit entfernt. Ganz ruhig kommt er daher, die Gitarre weint eher und spielt sich verträumt in Soli, die man auch auf Platten aus den Sechzigern hätte finden können und immer wieder ist Howard wie es scheint von der Gegenwart, von zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Leben an und für sich betrübt. Gerade gut, dass der Herbst jetzt kommt. Nachdenklichkeit schreibt er groß, der Naturschutz-ambitionierte Surfer aus Devon.

coverAuf manchen Tracks bekommt Ben Howard Unterstützung von einer Geige, was Songs wie „In Dreams“ gleich einen Highlands-Touch verleiht. Bei anderen wird die Hammond-Orgel rausgezerrt und die Spielereien auf dem Hippie-Instrument haben eine unerwartet beruhigende Wirklung, sodass man „She Treats Me Well“ gern gleich öfter hintereinander anhört. Aber Vorsicht – das sind die leichten Nummern auf der Platte und damit vielleicht auch die schwächeren des Gesamtkomplexes! An und für sich meint Howard hier Business und zwar sein ganz eigenes. In einem Interview sprach er von einer „Overall Confusion“, die sein Werk beeinflusst hätte. Spätestens bei „End of the Affair“ weiß man, dass er bei der Aussage nicht gelogen hat: Fast acht Minuten sinniert er hier, begleitet von einer fast schon freestyligen Gitarre, mit Echo und allem drum und dran, was ein nachdenklicher Folk-Künstler braucht. Dass er von der Plattensammlung seiner Hippie-Eltern beeinflusst wurde, kann man hier beim besten Willen auch nicht mehr überhören. Sollte Jim Morrisson wirklich noch leben, „End of the Affair“ hätte auch er schreiben können.

Wer Ben Howard einmal live gesehen hat, weiß, dass der Brite auf einer großen Bühne fast untergeht: Er singt leise und klampft ebenso introvertiert, mit Haaren vor dem Gesicht auf seiner Gitarre. Diesem Stil bleibt er auch auf seinem Zweitling treu. Zum Glück. Ben Howard hätte mit seinem Schlagzeuger und Produzenten Chris Bond einen leichteren Weg gehen und ein Pop-Album auf den Markt werfen können. Was ihn davon abhielt, weiß ich nicht. Sein Weg ist jedenfalls der schönere, weniger begangene, wenn man so will: Die Songs sind allesamt nicht so eingängig wie seine allererste Single „Keep Your Head Up“, sie sind sperriger, sie erzählen von mancher Sinnlosigkeit, von vielen Zweifeln, von einer gewissen Leere und gleichzeitig leuchten sie von Innen heraus. Absolut keine Ahnung, wie er das hinbekommt. Und genau das macht gute Alben aus. Abgesehen davon verkauft sich Howard einfach nicht: Seht euch einfach mal das Artwork zum Album an (das schwarz-weiße Foto ist das Album-Cover)!

Ben Howard liefert mit „I Forget Where We Were“ ein Album an, für das man im Kino Überlänge bezahlen müsste: Nur ein Track ist kürzer als vier Minuten, eher darf man sich über fünf bis sieben mal sechzig Sekunden freuen. Wer „Every Kingdom“ so sehr wie ich mochte, wird „I Forget Where We Were“ auch in sein Herz schließen: Ben Howards melancholischer Gesang mit seiner ganz eigenen Gitarrenbegleitung ist ein ruhiger, überaus schöner und angenehmer Soundtrack für den kommenden Herbst samt seinem Regen. Wenn dazu ein Surfer singt, ist jedes Sauwetter nur noch halb so schlimm. Versprochen.

Der Brite überzeugt euch auch gern live davon:

21.11.2014 Köln – Palladium (ausverkauft)
24.11.2014 Frankfurt – Jahrhunderthalle
25.11.2014 Hamburg – Sporthalle
27.11.2014 Berlin – Tempodrom
28.11.2014  München – Tonhalle

„I Forget Where We Were“ von Ben Howard erscheint am 17. Oktober bei Universal Music.

Fotos: PR