Überraschung: Wir waren bei Kasabian. Keine Überraschung: Die Briten sind eine sagenhafte Live-Band. Ein absolut und ausgesprochen subjektiver Beitrag über ein großartiges Konzert.

Sonntagabend, Tatort-Zeit. Doch anstatt sich über Lena Odenthal und deren 25 Jahre beim deutschen Krimi-Heiligtum zu freuen, mache ich mich trotz Mirgäne auf den Weg in das Kesselhaus im Münchner Norden. Wenn man so will, ist das Kesselhaus die hübsche Schwester der Soundhölle Zenith: Der Industrie-Charme der Location transportiert einen direkt nach Manchester oder auch Leicester. Eher letzteres, denn von dort kommen Kasabian – die Helden des Abends. Kasabian spielten den Headline-Slot beim diesjährigen Glastonbury-Festival und werden als eine der besten Live-Bands des Planeten gehandelt. Zurecht? Absolut! Die Halle ist ausverkauft, überraschend viele Männer jeglichen Alters stehen in Grüppchen rum. Punkt 21.15 Uhr geht der unfassbare Spaß dann los: Die Band um Tom Meighan und Sergio Pizzorno betritt die Bühne. Es dauert nicht lang und die Halle hüpft und springt zu den „Yeah Yeah Yeah“-s ihres Openers „Bumblebee“ vom aktuellen Album „48:13“.

KASABIAN

Kasabian, das wird einem nach den ersten fünf Minuten der Show klar, ist eine Männerband. Die Truppe, die 2004 ihr erstes Album veröffentlichte und gerade noch auf der letzten Britpop- und Britrock-Woge mitgeritten ist, wird von den Zuschauern abgöttisch verehrt, Zuschauerinnen checken derweil gern auf ihrem Smartphone das Kinoprogramm des Folgetags. Manchmal wissen die Damen nicht so recht wie sie sich zur Mischung aus Gitarre und überraschenderweise dumpfen Beats bewegen sollen, die Jungs gehen ab wie selten gesehen: auf dem Balkon, auf der Treppe, in der ersten Reihe, an der Bar. Eine testosterongeschwängerte Masse wogt in pinkem Neonlicht. Ich vermute, dass jeder einzelne männliche Besucher am liebsten Meighan oder Pizzorno, dessen Frisur immer noch an das Antlitz eines Wolfs erinnert, anspringen würde, wenn sich denn die Möglichkeit dazu ergäbe. Ich stehe neben dem Mischpult und sehe außer Händen, springenden und schwitzenden Körpern recht wenig von der Bühne. Alles erstrahlt pink oder blau, Tom Meighan hat anfangs eine Sonnenbrille auf, Sergio Pizzorno später einen Hut.

Ich mag Kasabian, bin aber (zu meiner Schande) lang nicht mit allen Songs vertraut. „Underdog“ ihres 2009er-Albums „West Ryder Pauper Lunatic Asylum“ erkenne aber selbst ich bei den ersten Takten, ebenso wie die Tracks des aktuellen Albums. Die Singles der inzwischen fünf Alben kann man irgendwie doch immer zuordnen – „Fire“, „Re-Wired“ und so weiter. Sicher ist, dass sie ein Set spielen, mit dem jeder Fan der ersten Stunde und jeder andere zufrieden ist und auch zufrieden zu sein hat. Kasabian ist eine sehr wandlungsfähige Band: Hören sie sich auf ihren älteren Alben an wie die letzten Auswüchse des Britpop-Britrock-Gemischs, so schlagen sie auf der aktuellen Platte ordentlich in die Electronic-Big-Beat-Kerbe. Live funktioniert diese Mischung bestens: Es ist ein durch und durch englischer Abend. Meighan raunzt manche Wörter so nasal in sein Mikro, dass Liam Gallagher vor Neid erblassen würde und gerade zu „treat“ legen Sound- und Lichtmischer eine Meisterleistung hin. Der Track klingt nach Big Beats à la Chemical Brothers und das tut gut: Ich dachte nämlich, dieses Genre wäre leider ausgestorben. Dazu gibt es ein Lichtspiel aus weißen Pyramiden, bunten Lasern – es lässt mich meine Migräne vergessen und das will was heißen. Nur selten kann ich mich voll und ganz auf ein Konzert eines Künstlers einlassen, den ich nicht in- und auswendig kenne. Kasabian schaffen das mit links. Nebenbei sind sie für meinen Soundtrack auf dem Weg in die Arbeit für die nächsten Wochen verantwortlich. Bravo!

 

Nach anderthalb Stunden verlassen die nicht mehr ganz jungen Herren die Bühne, kommen aber sehr zügig für ihre Zugabe zurück und der allerletzte Song ist der, weswegen Kasabian mir seit 2004 ein Begriff ist: „L.S.F.“, kurz für „Lost Souls Forever“. Lief früher immer, immer, immer, wirklich immer am Freitagabend bei DJ Weyssie im Cord und verdient immer noch und vor allem live das gleiche Urteil wie vor zehn Jahren: mega. Allerdings verpassen Kasabian „L.S.F“ ein ganz besonderes Intro: Sie spielen eine Live-Version von „Praise You“, dem 1999er-Ohrwurm von Fatboy Slim (nochmal Big Beats!), an. Dass der Track eigentlich von Camille Yarbrough kommt und „Take Yo‘ Praise“ heißt, lassen wir hier unter den Tisch fallen. 95 Prozent der Besucher kennen ihn dank Fatboy Slim und das ist auch nicht weiter verwerflich. Alle singen mit und dann setzen Kasabian endlich zu ihrem ersten, dem letzten Song des Abends an. Grande!

Es war ein Abend mit einem außergwöhnlich guten Publikum und einem phänomenalen Konzert. Bonus: Jeder durfte ein bisschen „Engländer im Sommer-Sauf-Urlaub in Benidorm“ spielen. Das Mädchen, das kotzend auf der Toilette lag, ebenso wie die Besucher, die sich ihre strahlend weißen Fred-Perry-T-Shirts bei der Zugabe vom Leib rissen und alle an ihren verschwitzten Körpern teilhaben ließen. A big, wonderful f*cking empire!