Wenn die Tage kürzer werden und der Nebel die Stadt einhüllt, lullen wir uns ein. Künstler wie Sohn, Kwabs, Banks, Sampha und Kelela haben den zeitgenössischen R’n’B erneuert. Sie schmeicheln sich mit melancholischen, filigranen Elektro-Soul-Hybriden bei uns ein. Manche der Songs sind perfekt, um den Herbst-Blues unter 38 Daunendecken etwas angenehmer zu machen.

sohn2_Amelia_Troubridge

Kühle Synthie-Sounds, melancholische Melodien, getragen von einer warmen Soul-Stimme, die unter die Haut geht. In den vergangenen Monaten machten eine Reihe von jungen Künstlern von sich reden, die den R’n’B der neunziger Jahre von Acts wie Aaliyah, TLC und ja, auch Janet Jackson mit zaghaften, zerhackten Minimal-Beats für die Jetztzeit adaptieren. Neues Equipment und technische Tools machen es möglich. Dieser Post-Contemporary-R’n’B oder Future-R’n’B, wie viele Mainstream-Medien den vielschichtigen Stilmix einzugrenzen versuchen, wurde u.a. von Frank Ocean, dem kanadischen Producer The Weeknd sowie dem Briten James Blake geprägt.

Die Ursprünge des Soulster-Trends liegen nicht in den USA, dem Geburtstort von Rhythm’n’Blues, sondern in Großbritannien. Während US-R’n’B-Stars wie Rihanna, Chris Brown und Usher zunehmend auf von Eurodance inspirierte Böllerbeats setzten, entwickelte sich in den vergangenen Jahren in Londons Clubs eine neue Spielart von urbanem Sound, eine Mischung aus Bass Music und Soul. Produzenten wie Julio Bashmore aus Bristol oder George Reid von AlunaGeorge begannen damit, die Lieblingssongs aus ihrer Jugend neu zu interpretieren. Das Resultat ist experimentelle Soul-Musik.

„Wie Brandy, aber schräger“, beschreibt Kelela Mizanekristos alias Kelela ihren eigenen Sound, der tatsächlich wie eine Kreuzung aus dem geschmeidigen R’n’B von US-Sängerin Brandy, düsteren Drum’n’Bass-Fantasien und den relaxten Beats von Lorde klingt. Kelelas im Netz gratis veröffentlichtes Debüt-Mixtape „Cut 4 Me“ begeisterte denn auch so unterschiedliche Künstlerinnen wie Solange und Beyoncé Knowles oder Björk. In der Blogwelt wird sie mit Janet Jackson genauso wie mit Tracy Chapman verglichen. Kelela kombiniert R’n’B mit Grime, Hip-Hop und Dubstep. Geboren ist die 31-Jährige Musikerin mit äthiopischen Wurzeln in Washington, D.C., seit 2010 lebt und arbeitet sie in Los Angeles.

Das Netzwerk der jungen Soulster-Generation erstreckt sich nicht bloß von West- zu East-Coast, sondern über ganze Kontinente. Der in Wien lebende britische Produzent Sohn ist einer der zentralen Kreativköpfe der neuen Szene. Er arbeitete mit verschiedenen Nachwuchssängern und machte sich mit Remixen für Lana del Rey und Rhye einen Namen. Seit 2012 stellt Sohn, der seine Identität lieber im Hintergrund hält, seine minimalistischen Tracks ins Netz. Im Frühjahr veröffentlichte er sein Debütalbum „Tremors“ über das Indie-Label 4AD. Darauf gibt es melancholische Hymnen, ultra-fein ausproduzierte zarte elektronische Popsongs mit jeder Menge Soul. Live zu hören am 5. Dezember im Münchner Strom.

Synthie meets Soul

Banks06 - CMS SourceFür Shootingstar Banks aus Los Angeles hat Sohn das hypnotische „Waiting Game“ produziert. Banks, bürgerlich Jillian Banks, gehört zu den bekanntesten Aushängeschildern der neuen R’n’B-Avantgarde. Nach ihrer ersten EP „Fall Over“, die Anfang 2013 erschien, und der EP „London“ folgte im September ihr Debütalbum „Goddess“. Banks, die sich das Klavierspielen selbst beigebracht hat, schafft atmosphärisch-minimalistische Sound-Collagen, es frickelt und fiept, blubbert und wabert, darüber schwebt die leicht entrückte, betörend schöne Stimme der Sängerin.

Ihre britische Kollegin Jessie Ware verfügt ebenfalls über eine Stimme, die berührt. Vor zwei Jahren erschien ihr Debütalbum „Devotion“, gerade hat die Londonerin mit „Tough Love“ den Nachfolger veröffentlicht. Darauf singt sie, wie der Titel vermuten lässt, über die Liebe in all ihren Variationen. Das Produzenten-Duo BenZell, bestehend aus Two Inch Punch und Hit-Macher Benny Blanco (u.a. Katy Perry, Kesha), versorgte Jessie Ware mit zurückhaltenden, eleganten Synthie-Arrangements, die ihre Stimme in den Vordergrund rücken lässt. Unterstützung erhielt sie u.a. auch von US-R’n’B-Shootingstar Miguel, mit dem sie „You & I (Forever)“ aufnahm. Der schleppende Beat dürfte ihr aufgrund des Hangovers, den sie nach einer Whisky-reichen Nacht angeblich während der Aufnahme hatte, ziemlich gelegen gekommen sein. Die Ballade „Say You Love Me“ schrieb die 29-Jährige gemeinsam mit Ed Sheeran, ein ziemlich kitschiges Stück. Überhaupt sind die Songs von „Tough Love“ leider ziemlich weichgespült, das Album plätschert vor sich hin, viel mehr als ein „War was?“ bleibt nicht übrig. Eventuell liegt das daran, dass Jessie Ware, die als eine der ersten Soulster im Mainstream angekommen ist, gewisse Erwartungen erfüllen muss.

Deutlich mehr Ecken und Kanten zeigt Tahliah Barnett alias FKA Twigs, deren Künstlername angeblich auf ihre beim Tanzen knacksenden Gelenke zurückgeht. „When I’m alone/I don’t need you/I love my touch/know just what to do“, singt die Britin in ihrem Song „Kicks“. Damit reiht sie damit hinter R’n’B-Sängerin und Missy-Elliott-Protegée Tweet ein, die das Thema Selbstbefriedigung bereits 2002 zum Thema machte. FKA Twigs – die drei Buchstaben stehen übrigens für formerly known as, da der Künstlername Twigs bereits vergeben war – hat R’n’B als Teenager gehasst, sagt sie, hörte lieber Kraftwerk, Punk und Kate Bush. Dennoch klingt ihr (nach EP1 und EP2) schlicht „LP1“ betiteltes Erstlingswerk nach einer logischen Fortsetzung von Aaliyah und Co. Im Video zur Single „Two Weeks“ inszeniert sich die Künstlerin und Tänzerin – die vor ihrem Durchbruch als Sängerin u.a. in einem Video von Jessie J ihre Moves zum Besten gab – als moderne Cleopatra. Es ist einer der weniger sperrigen Songs auf dem Album. Ähnlich wie bei Banks fiept und piept es unentwegt. Die durchaus berührende Soul-Stimme der etwas schrägen Sängerin mit spanischen und jamaikanischen Wurzeln schwebt über ziemlich verhackstückelten Beats und sphärischen Soundcollagen, die recht gewöhnungsbedürftig sind. Das klingt teilweise leicht entrückt.

Kwabs_Press_Picture_1Leichter zugänglich sind die Nummern von Kwabs. Der Brite legte Anfang des Jahres mit der von Sohn produzierten EP „Wrong Or Right“ eine vielversprechende Debüt-EP vor. Der Sänger, bürgerlich Kwabena Adjepong, studierte Jazz an der Royal Academy of Music. Aufgrund seiner gefühlvollen Stimme wird Kwabs mit Größen wie Marvin Gaye und Stevie Wonder verglichen. Der 24-Jährige performte bereits im Buckingham Palace vor Prince Harry im Rahmen der BBC-Show „Goldie’s Band: By Royal Appointment„. Die samtweiche Stimme des Londoner Newcomers trifft mitten ins Herz, die kühlen Elektro-Sounds setzen einen angenehmen Kontrast. Auch prominente Kollegen wie Jessie Ware und Emeli Sandé sind ihm erlegen. Während die zweite Single „Pray For Love“ – genau wie „Wrong Or Right“ – mit einem düsteren, elektronischen Soul-Sound überzeugt, kommt der neue Titel „Walk“ verdächtig glatt produziert und radiokompatibel weichgespült daher. Abwarten, wie das Debütalbum klingen wird.

Raus damit!

Sein LP-Debüt ist auch er uns noch schuldig. Jai Paul macht es spannend. Seit Jahren lässt der Brite seine wachsende Fanbase zappeln. Bislang hat er lediglich eine Handvoll Tracks im Netz veröffentlicht, allen voran das bombastische „BTSTU„, das ihm einen Plattenvertrag beim geschmackssicheren Label XL Recordings bescherte und ihn auf zahlreiche Hotlists brachte. Als letztes Jahr dann plötzlich ein 16 Tracks umfassendes Album im Netz auftauchte, war die Aufregung groß. Das angebliche Debütalbum des Newcomers entpuppte sich allerdings als illegaler Leak, nachdem Jai Pauls Laptop geklaut wurde. Nichtsdestotrotz schaffte es das Werk auf zahlreiche Jahres-Bestenlisten. Angeblich arbeitet Jai Paul derzeit jedoch an seinem ersten Album.

Auch auf das erste Album von Kwesi Sey alias Kwes mussten Fans einige Zeit warten. Der ehemalige Philosophiestudent, der Töne als Farben sieht, arbeitete u.a. mit The xx und Damon Albarn, und veröffentlichte mehrere EPs, bevor er im Herbst vor einem Jahr sein Debüt „ilp.“ vorlegte. Seine jazzig-elektronischen Songs nahm der Londoner Sänger und Produzent im eigenen Studio in den Docklands an der Themse auf. Ein Album wie gemacht für nächtliche Streifzüge durch den Großstadtdschungel – funktioniert auch an der Isar. Immer wieder schält sich, ganz unaufdringlich, die warme Soul-Stimme von Kwes aus den avantgardistischen Arrangements.

Mit einer ähnlichen Stimme – streichzart, darüber eine Schicht Honig – wie Kwes und Kwabs (Hm, falls die beiden je als Duo in Erscheinung treten sollten, empfehlen wir alternative Namen) wickelt auch Sampha den Hörer um den Finger. Der Londoner, bürgerlich Sampha Sisay, landete Anfang des Jahres auf Platz vier der BBC-Newcomer-Prognose „Sound of 2014“. Künstler wie Jessie Ware oder Drake standen bereits Schlange, um mit dem 24-Jährigen zusammenzuarbeiten. Mit seiner zarten, eindringlichen Stimme, die Erinnerungen an Tracy Chapman weckt, hat Sampha dieses Jahr bereits zahlreiche Songs verschönert. Bislang hat er zwei Solo-EPs – „Sundanza“ (2010) und „Dual“ (2013) – veröffentlicht, das Erstlingswerk steht wie bei Jai Paul und Kwabs noch an.

Auch Label-Kollege SBTRKT – sprich: subtract – scheint von Samphas Stimme fasziniert zu sein. Die beiden Briten arbeiten regelmäßig zusammen. Für sein eigenes Debütalbum „Wonder Where We Land“ holte SBTRKT Sampha gleich für mehrere Songs ins Studio. Der Musiker gehört neben Sohn zu den umtriebigsten Soulster-Produzenten. Genau wie Sohn macht auch er ein Geheimnis um seine Identität. Bei Live-Auftritten setzt er sich futuristische Tribal-Masken auf – live zu bewundern etwa am 10. November in der Münchner Theaterfabrik.

Ob mit oder ohne Maske, mit ihren kühlen, hypnotischen Elektro-Beats und den warmen Soul-Vocals modernisieren die Soulster den R’n’B. Und wer weiß, vielleicht lassen sich zeitgenössische R’n’B-Queens wie Rihanna oder Beyoncé ihre Tracks bald nicht mehr von Haudrauf-Halunken und Boom-Boom-Böllermännern wie Guetta und Co. basteln, und setzen stattdessen auf die zurückhaltenden und angenehm entspannten Beats von Soundtüftlern wie Sohn.

Fotos: Sohn: Amelia Troubridge/Beggars, Universal Music, Warner Music