Der Herbst wird laut: Die Wild Smiles aus England veröffentlichten nämlich eben ihr Debüt „Always Tomorrow“. Das Album klingt wie ein heiterer Abend in einem Pub, bei dem die Ramones, FIDLAR und Dinosaur Jr. aufspielen – nur alle in Form einer einzigen Band. Da würde sogar Kurt Cobain aus dem Himmel zuprosten!

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Winchester, die reiche Stadt in Englands Hampshire, ist ein gediegenes Städtchen. Gediegen vielleicht, verschlafen in keinem Fall: Nicht nur unser allerliebster Vorzeige-Folk-Punkrocker Frank Turner kommt aus Winchester, sondern auch Chris und Joe Peden und deren Spezl Ben Cook – die Wild Smiles. Das Trio macht relativ simplen, aber keineswegs dumpfen Westcoast-Punkrock-Skate-Grunge-Sound aus Südengland… ähmja. Oder: Wer sich bisher unbewusst wunderte, wieso niemand Surfpunk mit Grunge mischt, kann jetzt damit aufhören. Die Wild Smiles machen nämlich genau das vor.

So mancher stört sich an dem Misch-Sound der Briten, es wäre keine klare Linie erkennbar, man hätte sich von diversen Bands etwas zusammengeschraubt und dann klingen sie auch so ganz un-britisch, nicht einmal einen Akzent kann man heraushören. Aber ist das denn so schlimm? Darf eine Band nicht ganz offensichtlich von vielen Künstlern, die man ja noch dazu selber vermutlich mag, beeinflusst sein, obwohl sie daraus ihren ganz eigenen Sound bastelt? Muss sie deutlich britisch klingen?

Ich kann nicht genau aufzählen, an wieviele Bands aus meiner Jungend mich das Trio erinnert: Ab und zu höre ich die Pixies raus, dann Nirvana, dann Dinosaur Jr., The Velvet Underground, die Ramones und (aus aktuelleren Tagen) FIDLAR. Dass sie ein bisschen wie alle, aber trotzdem ganz eigen klingen, stört mich nicht im geringsten. Eher bedanke ich mich für die Bilder von Stränden, Surfbrettern und Skateboards, die einige der Songs in meinem Kopf auslösen. Und dass sie aus Winchester kommen, hätte ich nie im Traum gedacht.

In England haben die Wild Smiles mit nur zwei Singles für ordentlich Buzz gesorgt. Der „NME“ beschreibt die Band und ihr Debüt ziemlich treffend:

„The Ramones surfing a tidal wave over Seattle on a stained glass ripped window from the sonic cathedral.“

Die Platte ist laut. Manchmal eben einfach so laut wie drei Menschen an Instrumenten sein können. Allerdings zu Recht, denn das Grundthema von „Always Tomorrow“ ist das Beziehungsende von Schreiberling und Sänger Chris Peden. In „Fool For You“ lässt er alles Revue passieren: Dass er ein gebrochenes Herz hat und sich wegen seiner Ex-Freundin zum Deppen macht. „Girlfriend“ heißt ein anderer Track oder noch einer „The Best Four Years“. Na, die sind jetzt aber wohl auch Geschichte. Woran lag das wohl? Eindrucksvoll und deutlich zu erkennen im Song „I Never Wanted This“. Da geht es um Zukunftsvorstellungen des anderen Geschlechts, vom „Monkey In A Suit“ ist da die Rede. Beim letzten Song schließlich der Gedanke: „Die Pixies! Ganz klar die Pixies.“ Denn die Bass-Line von „I’m Gone“ lässt gar keinen anderen Schluss zu. Pixies. Trennung überstanden. Alles okay. Peden lässt uns an seinem ganzen Trennungsschmerz teilhaben, am Zorn, an der Eifersucht, an der Traurigkeit und schließlich am Drüber-Weg-Sein.

Schon klar, die Songs klingen aufgrund des schnellen Rhythmus oft ähnlich und auch die Liebe der Wild Smiles zu den Ramones und deren relativ simplen Akkorden kann man gut erkennen. Aber es ist ein wenig Grunge, ein wenig das, was der aktuellen Musiklandschaft manchmal fehlt. Songs oder Alben über Beziehungen und Trennungen sind nicht neu; beschert sie uns doch fast alle Kunst, die gute alte Liebe. Aber anstatt in Folk-Balladen zu verfallen, ballern die Buben hier einfach ein Brett nach dem nächsten raus. Sie stünden in Kurt Cobains Schatten, kreidet ihnen das Blog mit dem fancy Namen „DrunkenWerewolf“ an. Tut das nicht jeder Künstler und jede Band, die auch nur ansatzweise in die Grunge-Richtung reinwabert? Kann man sich nicht einfach über ein lautes, dreckiges Album mit elf, großteils kurzen und knackigen, Songs freuen? Ich denke schon.

„Always Tomorrow“  von den Wild Smiles ist am 27. Oktober bei Sunday Best Recordings/PIAS erschienen.

Fotos: PR, Facebook