Wir sind Bergkinder. „Winter is coming“ ist für uns keine Drohung für eine blutige Hochzeitssause, sondern eher die Gewissheit, dass sie wieder kommt: die Zeit für die Ski und die Snowboards, den Pulverschnee und die Pistengaudi. Traditioneller Auftakt für die Wintersaison ist die Premiere des neuen Warren-Miller-Wintersport-Films: Die war am Donnerstag und hatte neben Bildern von waghalsigen Aktionen am Berg wie immer einen Bomben-Soundtrack dabei. Unten gibt’s die Playlist!

„No Turning Back“ heißt der 65. Film der Warren-Miller-Reihe. Und wo er uns nicht schon überall hin mitnahm, der alte Skihase und Sportfilmregisseur: Wir waren mit ihm Ski fahren in Kashmir, beim Snowboarden in Alaska, erkundeten 29 unterschiedliche Schneesorten in Utah, kämpften im blauen Team bei  der Schneeballmeisterschaft in Japan und cruisten auf Monoski beim Monopalooza-Monoski-Festival. Alles auf der Leinwand, ist klar, alles mit Bildern und musikalischer Untermalung, die einfach nur Bock auf Stunden und Stunden im Schnee machen. In manchen Sequenzen erinnert Millers Werk an einen einzigen Werbefilm für bestimmte Skiorte oder einen bestimmten Helm-Kamera-Hersteller, aber egal – wir gehen gern mit auf virtuelle Skireise in die Schweiz, auf die Lofoten und nach Griechenland. Ehrlicherweise behaupte ich: Ohne den Soundtrack hätten diese Filme (trotz des ganzen Powders) nicht dieselbe Wirkung. Hören wir mal genauer hin.

Die schlechte Nachricht zuerst: Den Song aus dem Trailer gibt es nicht – weder zu streamen noch zu kaufen. „Mirror Mountains“ ist der Trailer- und auch Opener-Song von „No Turning Back“, performt wird er von Mini Mansions. Fetziger Track von der Band aus L.A., deren bekanntestes Mitglied Michael Shuman ist, der seine Brötchen wiederum eigentlich als Bassist bei den Queens of the Stone Age verdient. Los geht’s gleich zu Beginn des Films in Alaska, genauer gesagt in Cordova. Seit 2007 ist die Kleinstadt an den Chugach-Mountains fester Drehort für die Waren-Miller-Filme. Und wie sollte es anders sein: In besagten Chugach Mountains wird Ski gefahren, angeblich besser, anders als irgendwo sonst auf der Welt.

Musikalisch untermalt wird das ganze Spektakel von Jack Whites „High Ball Stepper“ vom aktuellen Album „Lazaretto“. Der Song ist ein Instrumentalstück, das sich durch eine leicht psychedelische Lead-Gitarre und einen recht eigenwilligen Bass auszeichnet. Wires On Fire, das zweite Seitenprojekt von Michael Shuman, steuern den zweiten Slope-Song „Born Dirty to Last Forever“ bei, ein äußerst solides Rock-Stück. Und dann, ja dann, kommt Maroon 5. „It was always you“ – quasi als Liebeserklärung an den Berg.

Apropos „Liebeserklärung“: Das Segment über den Powder in Montana und die lässig-originalen Skidörfer dort bekam mit Abstand die kitschigsten Songs verpasst. Über die Romanze zwischen Sierra Quitquit und Julian Carr wird „Magic“ von Coldplay und irgendwas von David Guetta gelegt, an das ich mich zu erinnern weigere. Montana zum Skifahren? – Fetzig!!! Montana als Schauplatz für eine RomCom in einem Skifilm? – Danke, aber nein danke.

france_heather_6x9_300Chamonix in Frankreich bekommt den Funk-Beat von „It’s a Ride“ von Gramatik verpasst und das fast schon meditative „Rope & Summit“ von JUNIP. Wie passend, denn an Seilen hangeln sich die Athleten vom Gipfel hinab zur Schlucht, von der aus sie ins Tal abfahren. Und weil es sich bei Heather Paul, Seth Morrison und Mike Hattrup nicht mehr um die größten Jungspunde am Skihimmel handelt, ziehen sie ihre Kurven zu Grateful Deads „Touch of Grey“. Diese Kurve muss ihnen aber erstmal wer nachmachen! „Test of Time“ von Temples schließt da nahtlos an. Temples, wilde Hippie-Band von heute!

Nach ein bisschen Boston und Yes (weil Classic Rock wirklich jeder mag!) und diesem Romantik-Zeugs in Montana geht’s nach Japan. Black Mountain aus Vancouver warten mit einem Song wie von einer Meditations-CD auf: Klänge und Voice Over über die Mutter Erde. Und jetzt wird’s crazy, so wie der meterhohe Pulverschnee in Japan: Tobacco. Aus Synthies und Tonbandgeräten wird hier ein Song zusammengefrickelt, der einfach wahnsinnig gut zum Boarden durch Birkenwälder passt – anders kann man das nicht sagen. Birkenwälder in Japan und Gefrickel scheinen zusammenzupassen: Zu „Bankrupt!“ von Phoenix, „You’re No Good“ von Major Lazer und The Wylds Hip-Hop- „Odyssee“ schwingen wir uns in unfassbar hohe Haufen aus Pulverschnee.

Odyssee, Odysseus, Griechenland und so. Nächster Stopp der Ski-Tour ist der Olymp. War mir völlig fremd, dass man in Griechenland Ski fahren kann, aber offensichtlich gibt es 20 Skigebiete im Landesinneren, rund um Meteora und den Olymp – zu erreichen wahlweise mit Helikopter oder lässigerweise zu Pferd. Musikalisch untermalt wird das ganze von den inzwischen bekannten Temples und The Wyld, dem ganz wunderbaren“Safe Passage“ von 65daysofstatic und „Doors of Destiny“ von Beats Antique – letztere zwei wurden sicher wegen des Olymps und der Legenden um den Gottesthron ausgewählt, passen aber wirklich gut zu den scheinbar endlosen Abfahrten von Josh Bibby und Tyler Ceccanti.

Norway_Kaylin4_3x4_150Fast alles aus Beaver Creek lasse ich unter den Tisch fallen: Super-G-Rennen der US-Rennläufer Ted Ligety, Bode Miller, Mikaela Shiffrin und Julia Mancuso machen noch keinen Freeride-Film, sondern eher einen Imagefilm für die kommende WM im alpinen Skisport. Dafür wird es unfassbar schön und genial auf den Lofoten in Norwegen: Kaylin Richardson und „Baby-Thor“ Oystein Aasheim machen sich zu Songs von The War in Drugs  und dem leicht verspulten Stil-Mischmasch des  Afro Celt Sound Systems auf die Suche nach dem zweitältesten Ski der Welt und kraxeln dafür auf fast jeden Berg, direkt vom Fjord aus. Mega-Bilder, Hammer-Abfahrten.

Major Lazer und Ratatat an der Elektro-Beats-Front sowie Muse an der Alternative-Front begleiten Snowboarder noch beim Sliden, bevor es zum letzten Stopp der diesjährigen Wintertour von Warren Miller geht: Ueli Kesentenberg, seines Zeichens erster Olympia-Sieger im Snowboarden, und JT Holmes nehmen uns mit in die Schweiz zum Speed-Skiing. Speed-Skiing? Ja, das ist Skifahren mit einem Fallschirm. Man kann da wild von Klippen springen oder wahnsinnig schnell über Abhänge und Gletscherspalten flitzen und wenn man Glück hat, passiert auch nix.

Die tUnE-yArDs leiten mit ihrer Indie-Dance-Mischung den letzten Teil von „No Turning Back“ ein, mit der Band of Skulls wird nochmal ordentlich Geschwindigkeit – sowohl beim Sport als auch in der Musikauswahl – aufgenommen, bevor uns schließlich Portugal. The Man mit „Purple Yellow Red and Blue“ in die kalte Winternacht entlassen. Geschneit hat es in der Zwischenzeit nicht. Allerdings können wir es kaum erwarten, uns endlich wieder selber die Bretter unterzuschnüren und im weißen Pulver vom Berg ins Tal zu düsen. Winter is coming, mit einem großen Soundtrack, der alle bunten Stilrichtungen gekonnt vereint.

Warren Miller’s „No Turning Back“ ist hier zu sehen, der Soundtrack – soweit möglich – hier in der Spotify-Playlist.

Fotos: Tom Day, Sverre Hjoernevik, PR