Nach gut eineinhalb Jahren Ankündigungswahnsinn ist es seit dieser Woche soweit: Werk Nummer Acht von den Foo Fighters steht in den Läden. Als alteingesessener Fan der Band um den inzwischen zum Musikmessias mutierten Ex-Nirvana Drummer Dave Grohl tue ich mich mit dieser Geschichte etwas schwer. Warum? Weil sie uns da erstens einen ordentlichen Brocken hingelatzt haben. „Sonic Highways“ ist ja nicht nur eine Platte, sondern ein multimediales Rundum-Ereignis. Und zweitens, weil ich diese Band schon verdammt lang verdammt gern mag und es bei den Lieblingsbands ja immer am schwersten ist, die Kirche im Dorf zu lassen. Soviel sei schonmal vorweg genommen: „Sonic Highways“ wird nicht mein Lieblingsalbum von den Foo Fighters. Aber das muss es auch nicht unbedingt. Warum? Das versuch ich im Folgenden zu erklären. Geht lieber nochmal aufs Klo, es dauert ein bisschen…..

Foo_Fightes_2014_1_Ringo_Starr„Sonic Highways“ ist nicht einfach nur ein Album, es ist eine echte Mammutunternehmung. Sowohl inhaltlich als auch umsetzungstechnisch. Es geht hier um nicht weniger als die Kartografie der amerikanischen Musikgeschichte, die als 360 Grad Großprojekt alle Kanäle einschließt, derer man sich für das Erleben von Musik bedienen kann: auf Platte/ CD/ MP3, als TV-Serie und mit thematisch passenden Live-Shows. Hin- und hergerissen zwischen Respekt und Würdigung für dieses ganze Unterfangen und einem sentimentalen Tränchen in Richtung der alten Bretter, versuche ich mich an der ganzheitlichen Betrachtung dieses Werks, das man einer Band von ihrem Kaliber und mit ihrem für mich persönlichen Stellenwert schuldig ist. Aber das geht nicht, ohne ein bisschen auszuholen.

Ob Dave Grohl und seine Foo Fighters heute da stehen würden, wo sie sind, wenn der Frontmann nicht der Drummer der glorreichen Nirvana gewesen wäre, ist fraglich. Fest steht, dass sein Folgeprojekt sicher nicht die initiale Aufmerksamkeit bekommen hätte, die ihm aufgrund seiner einschlägigen Vergangenheit (und zweifelsfrei auch Verdienste) bei der der Grunge-Ikone Nirvana zuteil wurde. Das gesagt, muss man auch gleich ein ABER folgen lassen. Nämlich, dass so ein Vorschuss-Hype auch erstmal bedient und die Leute überzeugt werden wollen.
Und da kann man sagen was man will. Schnell war klar, das Debütalbum, auf dem Grohl alles selber in einer Woche einegspielt hat, ist – auch heute noch – ein Meisterstück. Und das ist der Moment, wo das Ergebnis einfach über jeden Hype und alle Vorschusslorbeeren erhaben ist. Qualität sticht. Dass danach mit „The Colour And The Shape“ ein Nachfolger kam, der den Erstling sogar noch übertraf und heute, 17 Jahre später, Kultstatus genießt, relativiert die Grundvoraussetzung noch ein bisschen mehr. Er hätte der Drummer, der Bassist und Kurt Cobain himself sein können, hätte er nur Müll abgeliefert, hätte es spätestens bei Album zwei niemanden mehr interessiert. Wäre das also geklärt.

„The Colour And The Shape“ – Das Maß aller Dinge

„The Colour And The Shape“ ist eine meiner Lieblingsplatten. Nicht nur von den Foo Fighters, sondern überhaupt. Ich war manisch, was dieses Scheibe angeht. Wenn man CDs kaputt hören könnte, bei der wars kurz vor knapp. Genau wie das Debüt hat auch TCATS keine Längen, keine Ausrutscher. All Killers, no Fillers. Es stand fest: Das war mein Album, das war meine Band. Zementiert wurde ihr Status durch ihre unglaublichen Live-Shows. Ich habe inzwischen aufgehört meine Foo Fighters Konzerte zu zählen. Von Bizarre Festivals, über das nasseste Konzert meines Lebens im Gebäude 9 in Köln über den Milton Keynes Bowl bis zum Wembley Stadium war über die Jahre alles dabei. Zwei Hände reichen schon länger nicht mehr.
Und da kommt die zweite entscheidende Qualität dieser Band zu tragen. Die Foo Fighters sind live eine absolute Macht. Sie haben brutales Songmaterial und sind musikalisch ultra fit und abartig tight. Das sind ja so viele andere auch, aber die schaffen’s nicht ins Stadion. Es braucht halt ein bisschen mehr und das hat diese Band. Sie ist ein Komplettpaket. Rampensau und Chef-Entertainer Grohl, Gitarren-Gott Chris Shifflet und der hyperaktive Surfer-Boy, Brachial-Drummer und Frauenschwarm Taylor Hawkins. Nur der stoische Kopfwackler Nate Mendel am Bass fällt etwas aus der Rolle. Wär aber vielleicht auch etwas zu viel des Guten, wenn der auch noch abgehen würde wie Lumpi. Seit dem letzten Album, „Wasting Light“ ist auch Ur-Mitglied Pat Smear wieder fest dabei. Der zugegeben schräge Vogel macht das illustre Quintett endgültig komplett. Wenn sie auf der Bühne stehen, hat das schon fast etwas Magisches. Wer sie schon ein- oder mehrmals live gesehen hat, wird wissen, was ich meine. Es sind diese ganz besondere Live-Energie und ein Spektakelcharakter, den bestimmte Musiker/ Bands dieser Größenordnung einfach besser hinkriegen als andere. Springsteen zum Beispiel oder Muse (nichtmal das letzte Space-Rock-Opern Album mit dem bunten Brokkoli tut dem einen Abbruch) oder Arcade Fire. Ja, ich nenne die alle in einem Satz. Die wissen einfach wie man eine Live-Show runtereißt, die den Leuten den Mund offen stehen lässt. Und genau wie der Boss brauchen die Foo Fighters dazu nichtmal unnötiges Gedöhns. Da fliegt nix durch die Luft oder in die Luft und es gibt auch keine programmierten LED Armbänder fürs Publikum. Aufdrehen, durchdrehen, fertig.

foo fighters wembley

Auf  „The Colour And The Shape“ folgten weitere gute Alben. Aber im Unterschied zu den ersten beiden, war da kein vergleichbarer Volltreffer dabei. Zusammen Unmengen einzelner Hit-Song?- Ja. Aber eine 10/10 fürs Album?- Nein. Jedes hatte seinen Über-Hit. „One By One“ (2002) hat „All My Life“, „In Your Honor“ (2005) hat „Best Of You“, „Echoes, Silence Patience & Grace“ (2007) hat „Pretender“. Natürlich sind auf jedem Album noch mehr ordentliche bis wirklich super Songs, aber eben keins bekam von mir das  „Von-vorne-bis-hinten-Daumen-hoch“-Siegel. Das bekommt auch Album Nummer Sieben „Wasting Light“ nicht uneingeschränkt. Aber es kam dem verdammt nahe. Und davon war ich 2011 richtiggehend überrumpelt. Auch hier hatten sie schon ein Marketing-Feuerwerk ungeahnten Ausmaßes gezündet, und so war ich erstmal auf der Hut. Ich weiß noch, dass ich dann beim ersten Hören schon beim Opener „Bridge Burning“ leicht hysterisch wurde, weil ich mich so gefreut habe, dass ich höre, was ich höre. Da war er, der Paukenschlag. Und der Rest vom Album hat nicht enttäsucht. „Rope“ – was für ein lässiger Kracher, „Dear Rosemary“ mit dem großartigen Bob Mould – wunderbarer Song, „White Limo“ – Alter?!? Ich mag auch das eigentlich gefährlich poppige „Arlandria“ sehr, sehr gern, und „These Days“, „A Matter Of Time“ und „Miss The Misery“ sind ebenfalls mehr als nur solides Füllmaterial. Einzig mit „Back And Forth“ komm ich gar nicht klar. Aber die bittersüße Cobain Reminiszenz „I Should Have Known“ (mit Nirvana Bassist Krist Novoselic) und das finale „Walk“, auch wenns ein bissl cheesy anfängt, am Ende ganz groß.

Grohl in neuer Mission

Aber nur gute bis fantastische Alben zu machen und Stadien (mehrfach) auszuverkaufen war Grohl spätestens hier schon nicht mehr genug. Er hatte das Kollaborieren entdeckt. Inzwischen gab es niemanden mehr in der Musikszene, der den Typen nicht kannte. Vor dem Hintergrund der Sound City Studios in L.A. scharte er das Who Is Who der Rock-Legenden um sich und bescherte uns 2013 das Allstar-Album „Sound City – Real To Reel“. Aber schon hier hatte er nicht nur ein Album abgeliefert, sondern eigentlich eine filmische Doku über das legendäre Studio und sein ebenso legendäres Mischpult. Der Film ist wirklich gut gelungen, interessant und macht Spaß. Grohl als Filmemacher? Passt. Nur warum er am Ende das Pult da rausgerissen und in sein privates Studio verschraubt hat, anstatt das ikonische Sound City Kleinod zu retten, weiß nur er selbst. Naja, wird der innere Gollum mit ihm durchgegangen sein.

Und da war auch schon das nächste Neuland erschlossen. Dave Grohl jetzt auch als Regisseur und Filmproduzent unterwegs – und das nicht unerfolgreich. Einem Grohl wird entweder schnell langweilig oder er ist ein unermüdlicher Pionier im Geiste oder er kriegt einfach den Rand nicht voll oder alles zusammen. So überraschte es auch nicht, dass bereits vor über einem Jahr angekündigt wurde, dass das neue Foo Fighters Album in noch nie dageweser Form aufgenommen werden würde. Ein paar Monate Marketing- und PR-Alarm später war schonmal klar: Sie würden das Ding Song für Song in unterschiedlichen Städten aufnehmen. Noch ein bisschen später wusste man: Es würde eine mehrteilige HBO Doku dazu geben. Dann kam der Titel, der sowohl Album als auch Serie zieren würde „Sonic Highways“. Von da war es nur noch ein kurzer Schritt zum endgültigen Big Picture. Die Foo Fighters, allen voran Dave Grohl, zeichnen eine musikalische Landkarte von Amerika. Sein bisher ambitioniertestes Vorhaben, aber es ist ja auch Dave Grohl und der will höher, schneller, weiter.

„Sonic Highways“ – Das übermächtige Doppel

Foo_Fighters_Albumcover_SonyMusic-2Weil es eben nicht ein „einfaches“ Album ist, sondern vielmehr der Soundtrack zur Dokumentation der Wurzeln und Entwicklung zeitgenössischer amerikanischer Populärmusik, oder zumindest eine Annäherung versucht, kann und sollte man es auch nicht isoliert davon sehen.

Ich konnte bisher vier Folgen der HBO Doku sehen. Wen er da vor die Kamera schleift, ist wieder mal erstaunlich. Meister Grohl ruft und sie kommen alle. Der Typ ist der Rattenfänger von Hameln des Musikbusiness. Steve Albini, Fugazi’s Ian McKaye, Willie Nelson, Emmylou Harris, Dolly Parton, ZZ Top, Pharell Williams, James Murphy von LCD Soundsystem und der Black Keys‘ Dan Auerbach, um nur ein paar wenige zu nennen. Schon krass. Und der im Trailer angekündigte Obama war noch nicht mal dabei! Man denkt sich wahrscheinlich „Was der anfasst wird zu Gold“;  dazu scheint man im Glanze eines Dave Grohl auch gleich ein bisschen heller mit, besonders wenn es um ein Projekt von nationalem Gewicht geht. Der Mann ist inzwischen über jeden Zweifel erhaben und hat seine Finger überall drin. Er kennt Gott und die Welt. Aber fast wichtiger, Gott und die Welt kennt ihn. Er muss keine Türen mehr aufmachen, sie werden ihm aufgemacht. In der Serie explizit die zu Acht legendären amerikanischen Aufnahmestudios.
So sperrt in Folge eins Steve Albini – hat u.a. Nirvanas „In Utero“ produziert und ist scheinbar zu gleichen Teilen Weirdo und coole Sau – im Beastie-Boys-Gedächtnis-Overall die Pforten zu seinen Electrical Audio Studios in Chicago auf. Mit seinen Interviewpartnern ergründet Grohl in einer Stunde die musikalische Entwicklung der Stadt von Blues-Ikonen wie Buddy Guy und Muddy Waters in den 50ern und 60ern zum wegweisenden Rock von Cheap Trick in den 70ern und der Punk-Rock Bewegung am Beispiel von Naked Raygun in den 80ern. Dazu wirft er einen Blick auf die Underground-Kultur von damals, auf die Epizentren der Bewegung, Plattenläden, Clubs, Labels und DIY-Dudes.
Und das macht er gut. Es ist schon ein bisschen fordernd, weil er unglaublich viel in eine Folge packt, und man nicht immer hinterherkommt. Und dabei wird eigentlich erst an der Oberfläche gekratzt. Aber es ist recht aufwändig recherchiert, extrem liebvoll bebildert und zeichnet alles in allem ein für Musikfans (nicht nur Fans der Foo Fighters) fesselndes Bild der jeweiligen Stadt und ihrer Bedeutung auf der musikalischen Landkarte der Vereinigten Staaten. Netter Nebeneffekt: Man bekommt nach jeder Folge unheimlich Bock wieder ein paar alte Kamellen auszugraben. Mit dem neu draufgeschafften Hintergrundwissen aus Grohls Geschichtsstunde hört man manches anders, und meint natürlich auch oft Foo Fighters Einflüsse ausmachen zu können.
Um das Rundumerlebnis komplett zu machen, hat die Band aktuell auch noch Shows in den jeweiligen Städten angekündigt, zu denen sie in der Serie thematisierte Bands als Support einladen. Mal Stadion, mal Club. Man mag es abwechslungsreich.

Die Serie – Die Songs

Am Ende jeder Folge wird dann der zugehörige Song präsentiert, der unter der Regie von Produzenten-Buddy Butch Vig (u.a. Nirvanas „Nevermind“) aufgenommen wird. Mit dabei immer ein Künstler, der auch in der jeweiligen Folge im Fokus steht, repräsentativ für die jeweilige Stadt. In Chicago ist das Cheap Trick Gitarrist Rick Nielsen. Wie lang Grohl in jeder Stadt zu Gast und mit Vorarbeit für die Serie zugange ist, erfährt man nicht explizit, aber als Band haben sie pro Stadt eine Woche. Jeder staunt ein bisschen, groovt sich im Studio ein, spielt seine Parts ein und Hawkins steuert dazwischen immer mit großen Augen durch die Gegend und findet pauschal alles „rad“. Grohl schreibt parallel dazu die Lyrics. Auch hier gibts keine halben Sachen. Die Texte setzen sich größteils aus Snippets seiner Interviews zusammen. Die bedeutungsvollsten Zitate und Schlagwörter finden sich in den Songs wieder. Das hat durchaus seinen Reiz, weil man sich den Song pro Folge erarbeitet. Die Lyrics werden dann auch noch brettlbreit in Grohls höchsteigener Handschrift ins Video eingeschraubt. Mehr geht nicht.grohl dc
Und darin liegt auch ein bisschen das Problem. Alles muss sich dem Konzept anpassen und unterordnen, und das Konzept ist gigantisch. Lyrics aus Interviews zusammenbauen, das kann man natürlich machen, und für das jeweilge Serienfianle ist es durchaus eine feine Sache. Aber für die eigentliche Hauptattraktion, das Album, funktioniert’s nicht ganz so gut. Die Texte sind für sich genommen (aber manchmal sogar im Serienkontext) schon ein bisschen drüber. Viel hilft nicht immer viel. Dazu komme ich nicht umhin mich zu fragen, ob die Bildpräsenz der einzelnen Bandmitglieder ziemlich genau kalkuliert ist. Grohl ist als Frontmann natürlich immer im Zentrum, direkt dahinter sein Schlagzeug-Buddy Hawkins. Es fällt aber nach vier Videos wirklich auf, wie präsent die beiden sind, im Vergleich zu Shiflett und Mendel. Ich meine sogar Pat Smear hat noch mehr Screentime als die zwei. Wie wohl sein Wiedereinstiegsvertrag aussieht? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… Ist wahrscheinlich Zufall.

Nichtsdestotrotz startet die Reihe mit einem der stärkeren Songs des Albums. „Something From Nothing“ beginnt wie „Skin And Bones“ vom gleichnamigen Akustikalbum, dann kommt erst verhaltener Gesang gefolgt von einer astreinen Tom-Petty-Gitarre bevor die Orgel losdudelt, für die auch diesmal wieder Stamm-Keyboarder Rami Jaffee verantwortlich ist. Dieser shaftmäßige Orgel-Move ist so geil wie schräg und wenn Grohl das titelgebenende „Fuck it all, I came from nothing!“ raushaut, dann stimmt kurz alles. Das letzte Drittel ist dann klassisches Foo Fighters Erfolgsrezept. Grohl darf brüllen (Da isses also, das vor Monaten vorausgeschickte 8-Sekunden-Snippet.), die drei bzw. diesmal vier Gitarren gehen ab wie nix Gutes und Hawkins drischt sauber was zusammen. Vor allem nach hinten raus fetzt der Opener dann ziemlich anstandslos.

Soweit so gut, das Konzept funktioniert grundsätzlich. In Folge 2 ist man in Washington D.C. zu Gast und der in den Suburbs im Nachbarstaat Virginia aufgewachsene Grohl, der hier in seinen ersten Bands spielte (Mission Impossible, Dain Bramage, Scream) und sich selbst immer noch als D.C.-Rocker versteht ergründet diese Stadt der Extreme. Die Go-Go Bewegung auf der einen, Hardcore und Punk auf der anderen Seite. Erst die Interviews mit Größen wie Trouble Funk, Fugazi’s Ian MacKaye (sogar der macht mit!!!) oder den Bad Brains zeigen die irrwitzigen Zusammenhänge auf. Aufgenommen wird diesmal bei Dan Zientara in seinen „Inner Ear Studios“. Hier wurde laut Grohl der komplette Soundtrack seiner Jugend produziert. Manchmal, wenn auch selten, wird sogar noch der allmächtige Dave ein demütiger Fanboy. Auch das macht die Serie spannend. Jedes Bandmitglied hat andere musikalische Vorlieben und Einflüsse, wie man im Laufe der Serie noch erfahren wird (oder ohnehin schon weiß, wenn man die diversen Sideprojekte der Kollegen kennt). Grohl, der im Hardcore und Punk verwurzelt ist, Shifflet mit seiner Liebe zum Country und Hawkins Faible für Psychedelic Rock. „The Feast And The Famine“ illustriert dann auch schön das Ambivalente der amerikanischen Hauptstadt. Musikalisch, aber auch sozial. Der Song ist deutlich trockener als der erste. Ist nicht ganz so weit weg von Monkey Wrench und Co., wenn auch immer noch etwas aufgeräumter. Aber ansatzweises Geknüppel und ein bisschen gescreamt wird auch und das Outro ist ganz schön fett. Geht also noch.

grohl nashville 2Nashville und Austin stehen als nächstes auf dem Plan. Hier überschneiden sich die Protagonisten ein bisschen. Ersteres das erklärte Country-Mekka der Nation, zweiteres die Capitol of Live Music, zogen die beiden Städte von jeher alles an, was eine Gitarre halten konnte, und die Wege vieler kreuzten sich über die Jahrzehnte immer wieder in Tennessee und Texas. In Nashville bestätigt sich einmal mehr: Dolly Parton is echt die coolste Alte, die rumrennt (und ich meine das sehr liebevoll!) und wir lernen, dass die Jukebox maßgeblich zur Musikkultur dieser Stadt beigetragen hat. Dazu spielt Grohl leicht nervös eine Akustik-Solo-Show im Bluebird Café. In Austin unterhält er sich u.a. mit dem Veranstalter des SXSW Festivals (wo er letztes Jahr Keynote Speaker war) und überredet dann den Produzenten der legendären Musik-Show Austin City Limits, Terry Lickona, sie Song Nummer 4 im ehemaligen Original Fernsehstudio aufnehmen zu lassen. Weil du’s bist, Dave! Die Band stellt ihre Amps also auf die Bühne, die schon jeder halbwegs relevante US-Künstler bespielt hat. Von Willie Nelson über Johnny Cash zu Tom Waits und nun eben die Foo Fighters. Zur Verstärkung holt man sich diesmal Blues-Gitarren-Wunderkind Garry Clark Jr. Cooler Typ. Auch hier hat Grohl wieder einen kleinen Breakdown-Slash-Demutsanfall, weil er auf der Suche nach einem Klavier das originale Piano der Produktion, an dem schon Jerry Lee Lewis und Co gesessen haben, eingemottet unter Kartons begraben hinter der Bühnendeko findet. Er erholt sich aber schnell. Ist ja auch nicht so viel Zeit. Song Nummer 3 ist „Congregation“. Da darf natürlich ein bisschen einläutende Kirchenorgel nicht fehlen, und diesmal darf Zach Brown, von der mir völlig unbekannten aber scheinbar irre erfolgreichen Zach Brown Band, die 4. Gitarre spielen. Ist auch solide, der Track, wenn mir auch die Bridge ein gutes Stück zu cheesy ist. Heraus sticht aber der Mittelteil.
Der hat für mich auch die bezeichnenden Lyrics in punkto Album parat: Do you have blind faith/ no false hope. Ja, was hab ich eigentlich nochmal genau erwartet? Hab ich dem Vorhaben blind vertraut? Und wie finde ich das Ganze jetzt? Waren die Hoffnungen auf ein neues Über-Album falsch? Nach drei Songs hat man eine Ahnung, aber keine Gewissheit.

Halbzeit

Allerdings wird’s zur Halbzeit, nach Song 4 etwas gewisser. Der Zweiteiler „What Did I Do?/ God As My Witness“ ist für mich persönlich harter Tobak. Werden im ersten Teil unter anderem noch halbwegs beschwingt die Psychedelic Rocker von 13th Floor Elevators besungen, gehts im zweiten Teil gehörig schief. Ordentlich religiöse Metaphern werden da geschrubbt, dazu ein absolut fieser Schmonz-Sound. Die musikalische Relevanz in allen Ehren, aber Grohl hört gar nicht mehr auf „God as my witness, yeah it’s gonna heal my soul tonight“ zu schmettern. Nur das Fade Out rettet uns noch vor Schlimmerem. Brrrrrrrrr…. Was haben sie sich denn dabei gedacht? Spontane Erleuchtung in Austin? Kehrtwende zum Christenrock? Quotenstück für Amerikas Bibeltreue?

Zur Halbzeit bin ich also verwirrt. Serienmaterial gibts erstmal keines mehr, erst nächste Woche gehts mit Los Angeles weiter, bevor in den folgenden Wochen New Orleans, Seattle und New York die Reihe beschließen.

An der Stelle müssen beim berechtigten Lob für die Serie aber noch ein paar Worte über eine absolute Ungeheuerlichkeit verloren werden. Während die erste Folge bei iTunes noch ohne Untertitel geliefert wurde (haben sie wohl so schnell nicht hingekriegt), wurden die ab Folge zwei ergänzt. Und was da fabriziert wurde, ist – entschuldigt die Drastik – absolut erbärmlich. Ich verstehe, dass Untertitel zumindest optional angeboten werden sollten, aber wenn die von Google Translate übersetzt und unvollständig zusammengeschustert zum Teil über die Gesichter der Interviewparter platziert werden, dann ist das nicht nur ärgerlich, sondern eine Frechheit. Unfassbar, dass man dieses Wortmassaker bei dem man korrekten deutschen Satzbau suchen muss, „Mainstream“ schonmal zur „Hauptströmung“ wird und der Nachname „Black“ zu „Schwarz“ (WTF?!?!) nicht ausblenden kann. Das ist kein kleiner Faux-Pas, sondern Versagen auf der ganzen Linie, das einem das Serienerlebnis ein Stück weit verdirbt und das ist diesem ansonsten so passionierten Projekt mehr als unwürdig.

ff austinIm Gegenzug zu den letzten 4 Folgen gibts die letzten 4 Songs aber schon. „Outside“, „In The Clear“ und vor allem das Seattle gewidmete „Subterranean“ reißen mich aber nicht vom Hocker. Wobei „Outside“ noch ganz gut gelungen ist. Aber gut gelungen ist halt nicht das Maß, mit dem ich diese Band messen will. Die Songs sind gut gemacht, da wird alles reingepackt was geht – Keyboards, Bläser, Streicher. Und es klingt auch gut, aber so richtig zünden die Songs bei mir nicht. Sie haben allesamt gute Parts, bei denen ich mir jedesmal denke: „Ja, ja, ja, genau, da isses ja, und jetzt weiter so, und….“ dann isses leider zu oft auch schon wieder vorbei. Ich gebe zu, live und mit Bier seh ich das dann sicher wieder nicht ganz so eng. Aber auch das sollte nicht die Messlatte sein. Auch das finale „I Am A River“ bläst mich jetzt nicht komplett um, aber funktioniert als durchaus episch-angehauchtes Outro (die lieben Streicher) und bildet einen versöhnlichen Abschluss. Aber wieder bleibt ein leichter Schmonz-Beigeschmack. Waren Rohheit und Kanten in der ersten Hälfte schon spärlich gesät, fehlen sie in der zweiten Hälfte völlig. Wo wir wieder beim Thema wären. Was hab ich denn erwartet? Dass Dave Grohl die musikalische Vergangenheit der USA aufrollt und sich im Soundtrack dazu ausnahmlos durch abartige Bretter knüppelt und plärrt? Nein, da war ich schon halbwegs realistisch. Aber ich dachte doch, es wird ein bisschen mehr Foo Fighters und ein bisschen weniger Springsteen (der neuere), Petty und Led Zeppelin Abklatsch. Nicht, dass an denen was schlecht wäre, aber die gibts ja schließlich schon. Jetzt könnte man wieder einwenden, wann sind denn die Foo Fighters wie die Foo Fighters, Bands entwickeln sich, und so weiter und so fort. Das ist auch alles berechtigt, aber wie eingangs erwähnt, tut sich man sich bei den liebsten Bands am schwersten, wenn sie vom Erwartungspfad ausscheren. Als Fan kann man gar nicht anders, als sowas sehr subjektiv zu sehen.

Konzept und Ergebnis

„Sonic Highways“ ist wohl per se kein schlechtes Album. Es ist aber nicht mein Foo Fighters Album. Und das muss es wahrscheinlich auch nicht sein. Es hat sich ja schließlich mehr vorgenommen. Es ist Dave Grohls nächstes, persönliches Meisterstück. Wen interessierts, ob ich das Album auf ein Podest hebe, wenn es vielleicht ab nächstem Jahr bei jedem US-Schüler auf dem Lehrplan in Musik steht. Nur interssiert meinen persönlichen Musik-Geschmack das Big Picture eines Dave Grohl nur bedingt. Ohne Frage werden die Foo Fighters mit diesem Album auch auf dem Radar ganz neuer Zielgruppen auftauchen. Der 60-jährige Springsteen-Nerd wird sich vielleicht „Sonic Highways“ genauso in sein Einkaufskörbchen packen wie der Joni Mitchel hörende Alt-Hippie.
Vielleicht fehlt einem als Europäer oder eben Nicht-Ami auch manchmal ein Stück weit der Bezug. Wer kennt denn bei uns z.B. schon „Austin City Limits“? Die Band ist damit groß geworden und schwelgt in Kindheitserinnerungen. Wir verstehen erstmal nur Bahnhof. Wir hatten halt Dieter Thomas Heck und die Formel 1. Dieser nationale Bezug macht sicher auch einen Teil der Faszination aus. Wenn einem da die Anknüpfungspunkte fehlen oder man einfach jemand ist, der sowas braucht, dann tut man sich eben ein bisschen schwerer.

Musikalisch ist das Album mehr gediegener Breitwandrock denn je, das ist wohl dem Konzept geschuldet. Aber wäre es nicht ein bisschen kantiger gegangen? Es ist ohne Frage fett produziert, aber eben auch etwas grenzwertig gefällig. Die ersten beiden Songs mal ausgenommen. Okay, der dritte geht auch noch in Ordnung und andere haben ihre Momente. Für meinen Geschmack haben sie einfach ein bisschen viel gewollt, das Gesamtwerk ist darüber zu poliert geraten. Am Ende kann man hier und da ein bisschen rummäkeln, muss dabei nichts wirklich voll daneben finden, aber sehnt sich doch immer wieder nach diesen Momenten, wo sie gnadenlos raushauen und einem dabei durch Mark und Bein gehen. Wo man die Anlage aufdreht und durchdreht. Damit tut man sich hier schwer. Und trotzdem gehört dieses Album in jede vernünftige Plattensammlung, natürlich auch in meine. Und die Serie darf kein Musikbegeisterter auslassen, die ist wirklich ein gutes Ding, soviel kann ich nach der Halbzeit sagen. Nur ohne die Serie, da tut man sich mit dem Album erst Recht schwer.

Wenn’s ein Fazit sein soll: Bitteschön. Relativieren wir doch nochmal ein bisschen. Das hier ist ein Foo Fighters Album. Eins von Acht. Ein besonderes ja, aber auch nur ein kleiner, naja zugegeben mittelgroßer Planet in der stetig expandierenden Grohl Galaxy. Vielleicht gibt’s bald einen Grohl-Lehrstuhl oder ein Foo-Fest, oder eine Ausstellung à la Bowie oder einen Themenpark? Bei ihm weiß man nie. Er hat meinen vollsten Respekt für das, was er tut. Und am Ende kann er selbstverständlich machen was er will. Mir soll das auch alles Recht sein, solange er nur hin und wieder ein Album raushaut, das meins ist. Und sollte er mir diesen Wunsch nicht so prompt erfüllen, dann gibt es die Herrschaften ja immer noch live. Und da schert man sich erfahrungsgemäß wenig um Geschichte, Landkarten und bibeltreue Amis.

 

Das Album „Sonic Highways“ ist am 10.11.2014 bei Sony Music erschienen, die Serie „Sonic Highways“ läuft aktuell beim Bezahlsender HBO und kann bei uns bei iTunes erworben oder bei Spiegel Geschichte online geschaut werden (freitags, 21:05 Uhr).

Fotos: PR (Albumcover), Jack Butler, Bandfoto von Ringo Starr (Ja, von wem auch sonst?), Roswell Films (3)