Halbzeit in Reykjavík. Nach einem überaus gelungenen Festivalstart mit reger Pendelei zwischen Kex Hostel, Blauer Lagune und der Harpa und musikalischen Perlen von Kiasmos und Mr. Silla über FM Belfast, Soley und Uni Stefson bis Ásgeir und Sin Fang geht’s weiter mit drei Tagen Staunen, Tanzen und Ausrasten beim Iceland Airwaves 2014. Hier kommt Teil 2 von Lisas ultimativem Reisebericht, oder vielmehr die Fortsetzung einer Liebserklärung an Island. Diesmal neben der tollen Fotos auch noch mit einem feinen Video. Viel Spaß!
Wer Teil 1 verpasst hat, kann ihn hier lesen.

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Tag 3. Halbzeit mit überraschenden Highlights und schwingendem Tanzbein.

Noch schlaftrunken fragen wir uns, was denn hier so laut ist. Ein surprising Off-Venue-Gig im Hostelzimmer? Hach Airwaves, du bist einfach immer wieder für eine Überraschung gut. Im 16-Bett-Zimmer am Ende des Flures dreht dj. flugvél og geimskip an den Knöpfen ihrer Synthies, die charmant auf einem Essenswagen aufgebaut sind. Wie eine japanische Manga-Queen wirkt die zierliche Isländerin, die mal eben ihre Räucherstäubchen auspackt, um die bösen Geister und Schlangen vor dem Fenster zu vertreiben. Mit Leuchtclips an den Fingern und Discolicht neben den Keyboards, eine die sich nach ihrem Auftritt verbeugt. Herrlich! Nun nichts wie raus und endlich ein bisschen Zeit in den Straßen dieser Stadt verbringen. Denn nicht nur wunderbare Bands kann man hier sehen, sondern auch super shoppen. Vor allem Platten in den heimischen Plattenläden. Unsere Favoriten: 12 Tónar und Smekkleysa Bad Taste Record Store. Alle vorwiegend ausgestattet mit isländischen Tonträgern und Specials zum Airwaves. Fast ein bisschen schade, dass wir nicht noch mehr Zeit haben zu stöbern, die Museen abzuklappern und ganz viel Kaffi zu trinken.

5Um 13 Uhr sind wir im Laundromat Cafe und freuen uns schon ganz arg auf Grísalappalísa. DIE angesagte Band, die wir bereits beim letzten Mal gesehen haben. Und auch diesmal wieder einfach Wahnsinn! Im völlig überfüllten Cafe liefern die abgedrehten Punks ein Highlight des Festivals. Sänger Gunnar Ragnarsson tanzt oben ohne und mit einer schwarzen Skinny-Lederhose bekleidet auf der Theke, bewegt sich ekstatisch, kreischt ins Mikro und schafft es dabei, den Barbetrieb keineswegs zu stören. Chapeau! Im Anschluss folgen die fünfköpfigen Mammút, die mit zu den bekanntesten Acts Islands gehören. Völlig zurecht, denn auch sie füllen das Cafe mit wunderbaren isländischen Lyrics und eingängigen Gitarrensounds. Der Tag wird immer besser. Denn auch das Newcomer Pop-Duo Young Karin überzeugt im Kex Hostel. Die strohblonde Sängerin haucht ihre zuckersüßen, englischen Texte ins Mikro. Fast ein bisschen zu poppig? Nee, wir finden’s super. Schnell, schnell ins Bíó Paradís, denn dort liefert Sin Fang erneut eine berauschende Show. Leider ist der Sound in der Lobby des Kinos grauenhaft, aber hey, dieser Popcornduft ist einfach unschlagbar. Wieder im Kex schwingen wir das Tanzbein zu Prins Póló, dem Publikumsliebling in Island. Denn so ziemlich alle Einheimischen um uns singen mit und feiern den Pop-Artist. Hurra, endlich geht’s ins Húrra (Wiederum DER Club vom letzten Mal)! Denn auch zwei deutsche Künstler haben es ins Line-Up des Airwaves geschafft. Einer von ihnen der Kölner Roosevelt, den die Isländer im Húrra ziemlich feiern. Wir übrigens auch, kommen wir aus dem Tanzbein Schwingen nämlich gar nicht mehr raus.

Erneut ziehen wir in die Harpa, wo uns die isländischen Dream-Popper Vök empfangen und die Feierlaune mit einem Opal-Shot begossen wird. Dachten wir beim letzten Mal, dass der isländische „Nationalschnaps“ Brennivín schon das Maß aller schrecklichen Dinge ist, werden wir an der Bar nun eines Besseren belehrt. Ein Vodka-Shot, der nach versalzenem Lakritz schmeckt? Bäh. Aber da müssen wir durch. Schließlich steht gleich die nächste FM Belfast Show an. Oder doch zu Kiasmos? Das Elektro-Duo spielt nämlich zeitgleich im Saal nebenan. Doch der Gedanke daran, dass die Partylöwen von FM Belfast gleich das Silfurberg abreißen und ich war nicht dabei, geht irgendwie so gar nicht in meinen Kopf. Und ich werde nicht enttäuscht, denn ab Sekunde 1 lassen die rund 1.500 Besucher den Boden des Silfurberg beben und wir erleben ein Konzert der Superlative. Durchgeschwitzt und dehydriert liegen wir uns eineinhalb Stunden später in den Armen und beschließen, den Abend dort enden zu lassen, wo er angefangen hat. Bis vier Uhr morgens tanzen wir im Húrra zu isländischen DJ’s, deren Namen wir irgendwie vergessen haben. Auch auf dem Heimweg geht die Party weiter, sind die Straßen Reykjavíks in den Wochenendnächten doch belebter denn je. Beim Supermarkt um die Ecke, der 24 Stunden geöffnet hat (Reykjavík, wir lieben dich!), wird ein nächtlicher Snack geholt und zwischen den Feierwütigen auf dem Laugavegur heim spaziert.

2. Halbzeit beim Iceland Airwaves. U.a. mit Hostelzimmerkonzert, den irren Grísalappalísa, leckerem isländischen Bier, Mammút, Börn, einmal mehr FM Belfast, dem Abschiedskonzert der legendären The Knife, Polarlichtern, Stöberei in Plattenläden und Spaziergängen in lovely Reykjavík.

Tag 4. Sonne, Girl Bands, Polarlichter und ein Abschied.

15Der Morgen beginnt ebenfalls mit einem Spaziergang und ganz viel Sonne! Diesmal am Hafen, dem Weg an Reykjavíks Küste und dem marineblauen, stürmischen Nordatlantik entlang. Vorbei an Frachtschiffen, der Harpa und Sólfar, dem wohl meist fotografierten Kunstwerk der Hauptstadt. Und dabei immer die atemberaubende Bergkulisse, die von der Sonne erleuchtet wird, im Hintergrund. Ich will ja nicht übertreiben, aber einfach nur traumhaft. Musikalisch beginnt der Samstag mit den Post-Punkern Börn. Drei rotzfreche Girls und ein Dude am Schlagzeug, inklusive Glitzer auf den Wangen, einer dicken Schicht Kajal um die Augen und einem grünen Iro. Großartig! Um 16 Uhr geht es weiter mit Noise Rock von Girl Band. Nein, diesmal keine Mädels, sondern vier Jungs aus Dublin. Laut, energisch und für mich eine DER Entdeckungen des Festivals. Ich kann nicht aufhören „Lawman“ zu hören. Wir ziehen den Laugavegur entlang und beschließen, uns vor dem Kaffibarinn anzustellen. Einer der angesagtesten Clubs der Stadt und wir schwelgen in Erinnerungen an unser letztes Mal hier. Und auch hier kommen wir einmal mehr mit netten Festivalgängern ins Gespräch. Wohl auf keinem anderen Festival lernt man so viele freundliche, schöne und coole Menschen kennen (zumindest haben wir das in dieser Form noch nicht erlebt). Seien es Isländer selbst oder aber vor allem Musikbegeisterte aus aller Welt. Allgemein herrscht beim Airwaves eine sehr harmonische und friedliche Atmosphäre. Aggressiv Betrunkene sieht man kaum, pöbeln tut hier niemand und keine Spur von Auseinandersetzungen, geschweige denn der Polizei. Die Leute kommen der Musik wegen hierher, wollen ein gute Zeit haben und das merkt man. Und auch die Musiker selbst sieht man immer wieder unter den „normalen“ Festivalbesuchern. Wenn man so will, kann man also auch ohne Probleme mit den Künstlern quatschen oder seinen ganz persönlichen Fan-Moment erleben. Nach fast einer Stunde Wartezeit und einiger Verzögerung sind wir dann endlich im warmen Kaffibarinn und sehen Son Lux. Naja, von Sehen kann nicht gerade die Rede sein. Wo versteckst du dich denn, Ryan Lott? Hören tun wir ihn jedoch nur zu gut, den amerikanischen Multiinstrumentalisten, der mich spätestens seit seinem Auftritt auf dem Maifeld Derby dieses Jahr mit seiner kraftvollen Mischung aus Elektro und Jazz verzaubert.

21Heute dreht sich jedoch eigentlich alles nur um eine Band. Überall schnappt man zwei Wörter immer wieder auf: The Knife. Das schwedische Elektro-Duo gab erst vor einigen Monaten ihre Auflösung bekannt und nur kurz danach ihre allerletzte Show. Und die findet nirgendwo Geringeres als auf dem Airwaves statt. Ernsthaft? Ernsthaft! Also pilgern auch wir schon mehr als frühzeitig zur Harpa. Netter Nebeneffekt: Vor The Knife spielen die wunderbaren Samaris. Seit Mitte des Jahres eine meiner isländischen Lieblingsbands. In ihrem verträumten Elektro vereinen sie das beste der magischen, isländischen Musik, das man nur zu gut von Björk und Sigur Rós kennt. Und dann geht’s los. Silfurberg ist brechend voll, heiß und die allgemeine Anspannung und Vorfreude ist förmlich greifbar. Doch nicht The Knife selbst betreten die Bühne um 22 Uhr, sondern eine Art Aerobic-Trainerin, die die Menge mit einigen Übungen zum Nachmachen warm macht. Mit neun zusätzlichen Sängern und Tänzern kommen Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer schließlich in bunten Seidenanzügen und bemalten Gesichtern auf die Bühne und zelebrieren ihre „Shaking the Habitual“-Show zum letzten Mal. Mit ihrem hypnotischen Techno-Ballet liefern sie eine irrwitzige Show, die die ganze Harpa ausgelassen feiert. Für mich fast ein bisschen zu ausgelassen, wird es mir in diesem heißen, engen Pulk doch etwas schwindlig und ich brauche dringend Wasser. Wir sehen die Show also leider nicht bis zum bitteren Ende – Kreislauf sei Dank – doch die Traurigkeit hat keine Zeit sich breit zu machen.

17Wir stehen vor der Harpa und da sind sie, die Polarlichter. Oh ja, was haben wir bereits im Vorfeld gehofft, sie wirklich sehen zu können. Ist die Zeit während des Airwaves doch genau die Richtige, um die Nordlichter über den Himmel Islands flackern zu sehen. Doch jetzt können wir unseren Augen kaum glauben, sieht man die grünen Lichter schließlich so gut wie nie in Reykjavík selbst, sondern nur außerhalb. Zu hell und zu viel „Smog“ über der Stadt. Doch zu diesem Anlass zeigen die Polarlichter genau über der Harpa gerade extra was sie können. So hat man zumindest das Gefühl. Beschreiben kann man das Ganze nicht, man muss ihn selbst erleben, diesen magischen und einzigartigen Moment, dieses noch nie zuvor Gesehene. Lange stehen wir am Meer und blicken in den Himmel, bis sie sich wieder leise aus dem Staub machen. Dabei ging unser Zeitgefühl völlig verloren. Wer spielt denn jetzt? Wo müssen wir hin? Oh, Caribou! Dann nichts wie auf ins Reykjavík Art Museum. Ganz schön spät sind wir dran. Leider zu spät, ist die Schlange vor dem Museum doch schon unendlich lang. Schade, doch die Glückseligkeit steckt uns immer noch in den Knochen, weshalb wir uns einfach in die deutlich kürzere Schlange vor dem Húrra stellen. Drin beschallt uns das Pop-Duo Byrta von den Faröer Inseln. Auch nicht schlecht. Doch dabei wollen wir es dann doch nicht belassen. Wir ziehen weiter ins Iðnó, ein charmantes altes Theater direkt am Reykjavíker Stadtsee Tjörnin gelegen. Nun sehen wir ihn doch noch, den guten Ezra Furman, zwar nur für seine letzten zwei Songs, aber für uns schon genug. Im Anschluss verwandelt sich der Theatersaal in eine 50s & 60s Party, als New Yorker DJ-Legende Jonathan Toubin die Bühne betritt. Nur originale 7-Inch-Platten aus eben jenen Jahrzehnten landen bei dem DJ auf den Plattentellern. Gleichzeitig findet ein Dance-Battle statt. Startnummer abholen, den Gig lang durchtanzen und das Publikum entscheidet, wer ein Ticket für das Airwaves 2015 gewinnt. Den Pokal holt sich niemand geringerer als der kleine, völlig ausgeflippte Tänzer der Band FM Belfast. Wir finden’s großartig.

Eine Woche Musikwahnsinn beim Iceland Airwaves 2014 in gut dreieinhalb Minuten wunderbarem Videomaterial. Lautstärke hoch und auf geht’s!

Tag 5. Der goldene Kreis und ein tierischer Abschluss.

Ein Muss bei jedem Island-Besuch: Ein Auto mieten und einfach rausfahren. Die Gigs neigen sich bereits tagsüber dem Ende zu, weshalb wir ohne schlechtes Gewissen gen Landesinneres düsen und den „Golden Circle“ abfahren. Dieser besteht aus den drei 31Haupttouristenattraktionen in der näheren Umgebung Reykjavíks. Der atemberaubende Wasserfall Gullfoss, der Geysir, eine heiße Quelle, die in regelmäßigen Abständen eine Wahnsinns-Fontäne ausspuckt, sowie der Þingvellir-Nationalpark. Ein überwältigender, riesengroßer Park, in dem 930 das erste Parlament Islands zusammentraf und 1944 die Republik ausgerufen wurde. Nicht nur ein faszinierender, sondern auch ein historischer Ort, den man gesehen haben sollte. Doch bevor wir uns am Abend auf den Rückweg zu den letzten Konzerten in der Hauptstadt machen, nehmen wir noch ein ganz besonderes Festival-Erlebnis mit. Mitten im Nichts, am Rande des Nationalparks steht das Ion Luxury Adventure Hotel. Eine Wellness-Oase, die gleichzeitig als Off-Venue-Location des Airwaves herhält. Hier spielt gerade Ylja, eine Folk-Pop-Gruppe, die ganz schön gute Laune macht. Back in Reykjavík realisieren wir, dass wir tatsächlich schon bei Tag 5 angekommen sind. Darauf ein White Ale und die schwedische Künstlerin Zhala im Kex. Nach einem Abstecher im Hverfisgata 12 und der besten Pizza ever, zieht es uns erneut in unsere Lieblingslocation, dem Húrra und dem letzten Act des Festivals, Zebra Katz. Der amerikanische Rapper und Rampensau Ojay Morgan lässt den Club ein letztes Mal beben, wir bouncen zum Abschluss und vergießen fast ein paar Tränchen.

Bis nächstes Jahr, Iceland Airwaves.

3Den Montag brauchen wir, um erstmal runter zu kommen und noch ein wenig die Stadt zu genießen. Ganz viel Kaffi, Platten und der ein oder andere Secondhand-Shop stehen auf dem Programm. Zudem ein Besuch im Perlan, dem Warmwasserspeicher Reykjavíks, mit sensationellem Ausblick über die Stadt. Außerdem machen wir einen Abstecher zur Grótta, der Leuchtturminsel der Gemeinde Seltjarnarnes, nur ca. zehn Autominuten von Reykjavík entfernt. Ein absolut wunderbarer Ort, an dem man fernab des wilden Treibens der Hauptstadt spazieren gehen und eine traumhafte Aussicht genießen kann. Statt Bands gibt es an unserem letzten Abend nochmal die volle Dröhnung Polarlichter, bis nach Mitternacht sind wir mit dem Auto unterwegs und  jagen das Naturschauspiel.

Dienstagmorgen treten wir die Heimreise an. Nicht nur mit mehr Gepäck, sondern vor allem mit unvergesslichen Erinnerungen an die schönste Stadt der Welt und ein einzigartiges Festivalerlebnis. Um es mit den Worten des isländischen Schriftstellers Halldór Laxness zu sagen: „Reichtum ist das, was dir andere nicht wegnehmen können“. Takk fyrir Iceland Airwaves, du warst wirklich gut zu uns. Wir kommen wieder, darauf kannst du wetten.

 

autorenfoto_lisaLisa studiert Kulturwissenschaft und arbeitet als Videoredakteurin. Sie mag Musik und Island. Und isländische Musik ganz besonders, zählt z.B. Sigur Rós zu ihren absoluten Lieblingsbands und das Iceland Airwaves neuerdings zu ihren Lieblingsfestivals.

 

 

 

Fotos und Video: Lisa Lindhuber, Michael Hartl