„Ach, Frank Turner, wir haben dich vermisst!“ – Genau das möchte man ihm sagen, wenn man „The Third Three Years“ zum ersten Mal anhört. Auf seiner inzwischen dritten B-Seiten- und Live-Aufnahmen-Compilation ist er genau der Turner Frank, zu dessen Konzerten wir in der ganzen Welt gepilgert sind: ohne großes Major-Label-Brimborium, oft nur er mit seiner Gitarre, at his very best. Und ja, ich denke nicht einmal mehr an diese Sache bei GZSZ. Obendrauf verlosen wir ganz unten drei Exemplare!

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„The First & Second Three Years“

Wie schön, dass es diese Compilation jetzt schon zum dritten Mal gibt: Auf „The First Three Years“, quasi am Anfang seiner steil nach oben gehenden Karriere, fanden sich neben eigenen Songs und deren Live-Versionen wie „Thatcher f*cked the Kids“ auch Cover-Versionen von Black Flag und Bad Brains. Highlight war aber neben „The District Sleeps Alone Tonight“ von The Postal Service Frank Turners Version des Disco-Superhits „Dancing Queen“ von ABBA. Kein Chor, keine Mehrstimmigkeit, kein Disco-Glitz – nur Frank Turner und seine Gitarre.

Nicht nur, dass als alter Punk etwas Schneid dazugehört, einen Track von ABBA zu covern (und das auch noch ernsthaft und nicht vordergründig wie Pennywise oder Me First And The Gimme Gimmies), es ist ein sehr schönes Cover geworden. Wie ein Liebeslied klingt das. Vermutlich war es auch mal so gedacht, aber unter all den Pailletten und Plateau-Stiefeln ging das in der schwedischen Originalversion leider verloren.

Die Steigerung des ersten B-Seiten-Projekts war dessen direkter Nachfolger: „The Second Three Years“. Wieder eigene Songs, u.a. zwei, die ich sehr gern mag: „Sailor’s Boots“ und „To Absent Friends“. Die Platte erschien während seiner „England Keep My Bones“-Tour im Dezember 2011. Spätestens da hatte jeder begriffen, dass Frank Turner a) stolzer Engländer und b) irgendwie süchtig nach Wasser ist. „Sailor’s Boots“ bildet da irgendwie einen Abschluss, denn im letzten Album „Tape Deck Heart“ waren das Wasser, die Flüsse und die See gar nicht mehr seine primären Inspirationsquellen.

Und auch auf „The Second Three Years“ versteckten sich neben Tracks von der „England Keep My Bones“-Deluxe-Version wieder Coversongs: das traditionelle „Barbara Allen“, „Build Me Up Buttercup“ von den Foundations und „Linoleum“ von NOFX sind nur drei Beispiele für diese wilde Mischung und den weit gefächerten Musikgeschmack von Herrn Turner. „Song To Bob“ von Bob Dylan, „On A Plain“ von Nirvana, „Thunder Road“ von Bruce Springsteen und  „Greatest Day“ von Take That (Jajaja, der Band um Gary Barlow) führten die Reihe fort.

Ein Weihnachtslied setzt dem ganzen Album im guten Sinn die Krone auf: „Last Christmas“ von Wham!. Dieses eine Weihnachtslied, das gefühlt ab August gespielt wird, in dem George Michael aufgrund seines Haarspray-Verbrauchs das Ozonloch um 98 Prozent vergrößert hat und  das man an und für sich nie hören kann – genau das covert Frank Turner auf dieser Platte. Und wenn im Original George Michael vor sich dahin säuselt, schreit Frank Turner den ganzen Herzschmerz der Lyrics raus. Zwischenstand: Sechs Jahre vorbei. Danach? „Tape Deck Heart“. Und jetzt? „The Third Three Years“.

„The Third Three Years“

Wer auf einem Frank-Turner-Konzert während der „England Keep My Bones“-Tour war, ist mit dem ersten Song des Albums bestens vertraut: Es war oft die letzte Zugabe. „Somebody To Love“, ein Cover der Über-Band Queen. Die Single erschien 2012 zum Record Store Day in streng limitierter Ausgabe, richtig vereint mit anderen Songs ist sie erst hier zum ersten Mal zu finden. Es ist ein Stück mit seiner kompletten Band, The Sleeping Souls, und kommt dennoch nicht an eine Live-Version ran. Klar, gutes Cover, großartiger Song, aber einfach live die bessere Option. Vielleicht weil man dann gerade ein ganzes Konzert hinter sich hat und der Spargeltarzan aus Winchester verschwitzt, aber glücklich, zum letzten Mal von der Bühne winkt? – Könnte sein. „Hits and Mrs.“ ist ein Danke an Frau Turner (in spe): Sie bringt ihm „Hangover Herbs“, sie kann ihm den richtigen Kaffee zubereiten, sie ist sein Ein und Alles. Den Song bestreitet Frank Turner fast allein: Er an der Gitarre, sein Sleeping-Souls-Spezl Matt Nasir an der Mandoline, ab und zu singen sie zweistimmig. Es ist ein absoluter Feel-Good-Track und eben ein solcher folgt auch: „Sweet Albion Blues“. Wie in „Rivers“ oder „Vital Signs“ ist hier Turners Heimat wieder die große Inspirationsquelle: Albion ist nämlich das antike Wort für die britischen Inseln und wenn „Hits & Mrs“ eine Liebserklärung an die Frau an seiner Seite ist, dann ist der „Sweet Albion Blues“ eine an seine Heimat.

Irgendwann vor zwei Jahren hieß es auf manchen Websites, in Twitter-Kommentaren und hinter vorgehaltenen Händen, dass Frank Turner einer von denen geworden wäre, die er immer gehasst hat: ein konservativer Bürger. Stimmt erstens nicht und hat zweitens wohl etwas mit dem „Riot Song“, Track #4, zu tun: Darin kritisiert er die Aufstände in Tottenham und Brixton im Sommer 2011. Ihr erinnert euch? Mark Duggan wurde von der Londonder Polzei erschossen, eine Woche lang war Chaos in den Straßen der britischen Hauptstadt und anderen Städten Großbritanniens angesagt.

Frank Turner tut in seinem Song offen kund, dass er es scheiße fand, dass die Läden von ganz normalen Leuten angezündet wurden. Damit bekämpfe man weder die Banken noch die Polizei, die in den Augen aller an den Missständen und der daraus resultierenden Straßenschlachten der damaligen Zeit klar die Schuldigen waren. Ganz ehrlich, der Turner ist doch  trotz seiner nicht ärmlichen Herkunft ein Mann der Normalbürger, einer von uns. Wir sind seine Leute, hier darf ein Punk sein und genau das ist er doch auch. Sachen dämlich finden und sich dagegen wären? Sein Ding. Sich schützend vor die Schwächeren stellen? Ebenso. Frank Turner ist also keiner, der sich für eine Zukunft als konservativer Sesselpupser entschieden hat, sondern eher einer, dessen „Riot Song“ bei allen zivilen Missständen seine Berechtigung hat. Der Track erschien zum ersten Mal auf der „Fuck the Fire“-EP – sagt ja auch einiges.

Cover-Versionen von Tom Petty, Bruce Springsteen, Tony Sly und The Weakerthans

Und dann die Cover: „American Girl“ von Tom Petty gibt es in einer ganz ruhigen „Turner und seine Gitarre“-Version – ganz anders als das Original. Und wenn er schon mal bei den großen amerikanischen Musik-Ikonen ist, macht er auch gleich noch mit einem seiner persönlichen Idole weiter: Bruce Springsteens „Born To Run“ findet seinen Weg auf die Compilation.

Ebenfalls wie „American Girl“ viel ruhiger als das Original, weil er absehen von seiner Gitarre sowohl auf Instrumente als auch Band verzichtet. Puristen mögen etwas gegen gecoverte Springsteen-Nummern haben, aber da zähle ich mich nicht dazu. Und noch sechs Cover-Tracks mehr gibt es: „Live and Let Die“ von Sir Paul McCartney und den Wings kriegt die Turner-Kur verpasst und „The Corner“ von Jay Brannon, Turners Spezl. Letzteres ist sehr, sehr schön geworden – aber vielleicht kommt mir altem Klavier-Sucker das auch nur so vor, weil er die Gitarre als einziges Instrument durch ein Piano ersetzt.

An eine seiner Lieblingsbands, The Weakerthans, traut er sich auch heran: „Big Foot“ der Band aus Winnipeg hat seinen festen Platz auf „The Third Three Years“ ebenso wie „Keira“ von Tony Sly. Und schließlich noch „Pancho & Lefty“ der Townes van Zandt Band, ein Song, der seit seinem Erscheinen im Jahr 1972 x-mal von diversen Leuten eingesungen wurde. „Pancho & Lefty“ ist auch einer der „Top 100 Western songs of all time“, behaupten die „Western Writers of  America“. Und wenn die das sagen, machen wir uns auf zur letzten  Cover-Version: „There Are Bad Times Just Around The Corner“ von Noel Coward. Coward war ein Liebling der britischen Bohème der 1920er Jahre und ich habe keine Ahnung, wieso Frank Turner den covert. Letztendlich ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass Frank Turner ein musikalisches Sprektum abdecken kann wie sonst nur wenige und offensichtlich an einem bunten Mischmasch von Stilrichtungen interessiert ist – er wählt ja aus, was auf das Album kommt.

Es gibt noch das „Home Demo“ von „Broken Piano“, das Frank Turner ganz allein bestreitet und es klingt – nunja, schlimm. Denn es „formt sich ein kolossaler Kloss im Hals. Spätestens wenn dann noch die Gitarre dazukommt, möchte man weinen“, um da mal uns selbst zu zitieren. Versionen anderer eigener Songs spielte Turner noch mit Emily Barker und Matt Nasir von den Sleeping Souls ein und voilà, die alte Rampensau entlässt uns mit einem Live-Track: „Song for Dan“, die ganze Band dabei und Herrgottnochmal, ich weiß, wie sich der Song anfühlt. Zwei Stunden Show vorbei, weder Publikum noch Künstler wollen, dass sie jemals endet und doch muss sie es. Mit Rambazamba, allen Instrumenten, die rumstehen und eben einem Song für einen Freund, Dan.

„The Third Three Years“ ist eine Compilation, die wie die vorangegangen B-Seiten-Sammlungen das Warten auf ein neues Album verkürzt. Man hört hier einen Frank Turner, der vielleicht manchmal irgendwie zwischen Marketing-Strategien eines Labels oder (zu) großen Konzert-Venues verloren gegangen ist: Er teilt mit dem werten Zuhörer seine Versionen seiner Lieblingslieder von anderen Bands und Sängern, er lässt uns teilhaben an seinen intimen Demo-Versionen. Man hört den Turner, der in Bars übernachtet, sich Zeit für einen kleinen Blog genommen und einfach all das gesagt hat, was wir nie konnten oder können würden. Wir freuen uns auf das sechste Album, auf das Road-Diary-Buch, das er grad in der Mache hat, und auf die zukünftigen Shows. In diesem Sinne: Danke für alles, Frank Turner. Für immer.

PS: Wir hätten da noch eine schöne stripped-down Version von „Losing Days“ für die nächste Compilation…

Verlosung „The Third Three Years“

frank-turner-third-three-years-7043Ihr seid noch da? Fein! Wir hoffen, wir haben Euch jetzt ein wenig angefixt und den Mund wässrig gemacht. Ihr wollt die Compilation? – Kein Problem, wir verlosen nämlich drei Exemplare von „The Third Three Years“. Dafür müsst ihr uns hier unten einen Kommentar hinterlassen (Bitte gebt eure echte E-Mail-Adresse an, weil wir euch über die im Falle eines Gewinns benachrichtigen werden. Die Verlosung endet am 26.11.2014 um 23.59 Uhr. Wir wünschen viel Spaß mit der Musik und viel Erfolg beim Gewinnspiel.

[EDIT 26.11.2104, 15:43 Uhr: Wir haben die CDs verlost. Jetzt heißt es für euch: Postfächer checken und ggf. auch in den Spam schauen. Unsere Mails an die Gewinner sind raus. Danke für’s Mitmachen und den Gewinnern viel Freude mit den CDs.]

 

 

 

 

 

„The Third Three Years“ von Frank Turner ist am 21. November bei Xtra Mile Recordings/ Indigo erschienen.

Fotos: facebook.com/frankturnermusic, Brantley Gutierrez, PR