Vier Tage, dreimal Olympiahalle und drei komplett unterschiedliche Künstler: sonnenbebrillter Rockstar, maskierter Panda-Rapper und ein rothaariger Hobbit. Ein weirdes Trio. Mitte November war ich an drei Abenden mehr oder weniger hintereinander in der Olympiahalle. Auf Cro folgte Lenny Kravitz, den Schlusspunkt setzte Ed Sheeran. Wer schon immer mal wissen wollte, wie es bei einem Cro-Konzert zu und her geht, welche Drogen Lenny Kravitz einwirft und ob Ed Sheeran als Einmann-Kappelle funktioniert – bitte weiterlesen.

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Das Märchen von Cro 

Es war einmal ein unbekannter Stuttgarter Rapper, der mit poppigen Beats, einfachen Texten und eingängigen Melodien die deutsche Rap-Welt auf den Kopf stellte. Während ihn die einen als Reihenhaus-Rapper beschimpften, wurde er von anderen zum mit Platin veredelten Posterboy einer neuen Rap-Garde erkoren. Derzeit tourt Cro durch sein Rap-Königreich.

Kreischende Teenie-Girls und coole B-Boys in hautengen Röhrenjeans. Und: Kinder. Jede Menge kleine Kids mit überglücklichen Gesichtern und selbstgestrickten Woll-Panda-Mützen auf dem Kopf. Die Arme wippen im Takt der Beats. Hip-Hop-Hände überall. Hüpfen, springen, tanzen, singen. Ein riesengroßer Kinder-Rap-Geburtstag. Dazwischen: still und stumm dastehende, ratlose Eltern, die ihren Unmut kaum verbergen kommen. Willkommen in Cros Welt.

Foto 1Die Panda Gang war im siebten Himmel, als Cro am 14. November im ausverkauften Olympiastadion über die Bühne tobte. Seine Musik muss man nicht mögen. Ob Hip-Hop-Hardore-Fan oder Indie-Rocker, manch einer kann mit Cros poppigen Hip-Hop-Hybriden, Raop eben, nur wenig anfangen. Tatsächlich kommen seine Melodien Kinderliedern oft ziemlich nahe, seine Texte erinnern an einfache Kinderreime. Ein zweiter Casper ist er nicht.

Muss er aber auch nicht. Dafür hat der junge Rapper ein Ohr für eingängige Refrains und trifft allem Anschein nach den Nerv (eines großen Teils) der jungen Generation. Es ist fast rührend mitanzusehen, wie Cro von seinen Fans verehrt wird.

Neben seinen zahlreichen Hits wie „Du“, „Einmal um die Welt“, „Easy“ und aktuelleren Songs wie „Bad Chick“ und „Hey Girl“, die von 10.000 Nachwuchs-Rappern und vor allem -Rapperinnen mitgeschrien werden, überlässt Cro zwischendurch auch seinen Spezln die Bühne. So darf Sänger und Rapper Teesy mal ran und gemeinsam mit Cro – am Piano – einige Songs zum Besten geben. Auch DaJuan, einer von Cros Jugendfreunden, ist als Gast-Rapper am Start und darf sich zwischendurch mal an einem Solo versuchen. Und Tour-DJ Psaiko.Dino ist ohnehin fester Teil der Show.

Damit nicht genug. Sogar seine Fans holt Cro auf die große Bühne. Ein Junge und ein Mädchen sollen sich ein Battle liefern. Der Bursche, der aussieht wie eine Kopie seines Idols, nutzt die Gunst der Stunde und macht auf Rapsuperstar. Noch schnell ein Selfie, und weiter geht’s. Später holt Cro einen Fan aus der ersten Reihe auf die Bühne, um das obligatorische Bühnenfoto zu schießen, das er später bei Facebook posten wird. Dort ist später auch zu lesen: „BOAH München! DANKE!!“ Cro hatte Spaß. Und seine Fans auch.

Lenny Kravitz Superstar

Cut. Das sah bei Lenny Kravitz leider etwas anders aus. Am 15. November war der US-Rocker in der Olympiahalle zu Gast. Es war vor ziemlich genau 20 Jahren, als ich ihn das erste Mal live sah. Damals hatte er gerade sein drittes Studioalbum „Are You Gonna Go My Way“ veröffentlicht. Mittlerweile ist Lenny Kravitz 50 und hat gerade Album Nummer zehn veröffentlicht. Seine alten Hits taugen nach wie vor was. „It Ain’t Over Til It’s Over“, „Always On The Run“ oder „Let Love Rule“ kommen live unglaublich funky daher. Und sogar einige der neuen Songs wie „Strut“ und „New York City“ funktionieren live überraschend gut. Aber: Man wird das Gefühl nicht los, dass Lenny Kravitz noch einmal beweisen möchte, was er alles drauf hat und wie geil er ist.

Das zeigt der in seinem typischen, lässig-legeren Hippie-Style gekleideten bei jeder Gelegenheit. So lassen er und seine zugegebenermaßen unfassbar gute und seit Jahren eingespielte Band viele der Songs in ausufernden, psychedelisch anmutenden Jam-Sessions enden, die einige der Songs ins schier Unendliche und leider auch ins Unerträgliche ziehen.

rRfCDUL5Offensichtlich ziemlich druff – Gras? Koks? Universelle Liebe oder von allem ein bisschen? – lässt sich Lenny Kravitz von den Fans – darunter viele Mitdreißiger wie ich, die während ihrer Jugend wohl mal eine Kravitz-Phase durchlebten sowie zahlreiche ältere Semester, die mal wieder „so richtig einen draufmachen“ wollen –  feiern. Er stellt sich an den Bühnenrand, breitet die Arme aus und genießt den ihm entgegentosenden Applaus. Sympathisch ist das nicht.

Auch beim Bad in der Menge, während die Band seinen Klassiker „Let Love Rule“ in ein unerträglich lautes Sound-Gemetzel ausarten lässt, wirkt der Star recht angespannt. Er möchte, dass alle die universelle Liebe spüren, dass wir alle eins sind. Ne, ist klar. Da behalte ich doch lieber seinen Gig vor 20 Jahren im Züricher Hallenstadion in Erinnerung.

Mit seinen 50 Jahren sieht er immer noch verdammt gut aus. Und ein Rocker ist er durch und durch. Das braucht er aber nicht mehr unter Beweis zu stellen. Denn: Eine männliche Madonna braucht nun wirklich niemand.

Ed Sheeran: Klein und oho

Umso sympathischer dafür der Star von Konzert Nummer drei. Ed Sheeran. Der Gig am 17. November sollte ursprünglich im Zenith stattfinden, wurde aber – zum Glück – aufgrund der enormen Ticketnachfrage in die Olympiahalle verlegt. Die Riesenbühne betrat der rothaarige Singer/Songwriter aus England ganz allein. Keine Band, nur Ed und seine Gitarre. Das hat erstaunlich gut funktioniert.

Dank Loops schafft Ed Sheeran mehrstimmige Refrains, während seine Gitarre auch mal zur Drum umfunktioniert wird. Bereits vom ersten Takt an hat der 23-jährige Brite das Publikum auf seiner Seite. Anders als etwa Mister Kravitz macht Ed Sheeran nicht auf Showman und verzichtet auf große Gesten oder Rockstar-Posen. Dabei wäre durchaus angebracht, denn spätestens seit seinem zweiten Album gehört der talentierte Singer/Songwriter zu den wohl weltweit erfolgreichsten Acts.

Die gute Laune und das entspannte Auftreten des jungen Künstlers liegt vielleicht auch an seinem Umfeld auf Tour. Ein handverlesenes Team begleitet den Briten, während er um die Welt tourt. Ed Sheerans Cousin zum Beispiel ist für die Videodokumentation zuständig. Außerdem wird ein großer Teil des Tour-Budgets nicht nur in die Show gesteckt, sondern auch ins Catering. Statt Drogen gibt es bei Ed Dorade. (Oder so.)

ed_sheeranEd Sheeran bleibt sympathisch bodenständig, unterhält sich locker mit den tausenden von Zuschauern, als wäre er auf einer kleinen Bühne in einem Pub. Das Münchner Publikum – dieses Mal eine Mischung aus Konzert Nummer eins, also viele weibliche Teenies, und älteren Mainstream-Radiohörern – feiert Ed Sheeran frenetisch. Das weiß der junge Künstler zu schätzen. Deutschland sei ein Markt, der hart zu knacken sei. Habe man es als Musiker aber erst einmal geschafft, sei das deutsche Publikum das loyalste der Welt.

Sein Job sei es, dass am Ende des Abends alle heiser nach Hause gehen, verkündet Ed Sheeran zu Beginn des Konzerts. Das ist ihm geglückt: Sowohl die Songs des Debütalbums „+“, wie etwa „The A Team“ und „Lego House“, als auch die neuen Stücke wie „Sing“ und „Don’t“ singt die komplette Halle lauthals mit. Bei der Hobbit-Ballade „I See Fire“ verwandelt die Handy-Taschenlampen die Halle in einen Sternenhimmel und sogar ein paar Feuerzeuge versprühen passend zum Titel ihr warmes Licht.

Bevor es zu kitschig wird, schmettert Ed Sheeran seine neuen, tanzbaren Nummern, die er gemeinsam mit Pharrell Williams aufnahm. Bei „Don’t“ baut er mal eben „No Diggity“ von Blackstreet ein, „Runaway“ endet mit einem Backstreet-Boys-Zitat. Bei „Take It Back“ rappt Ed Sheeran im The-Streets-Style drauflos und will dann alle Hip-Hop-Hände sehen.

Nur manchmal wünscht man sich den sympathischen und sehr talentierten Singer/Songwriter zurück auf die kleinen Bühnen. Obwohl er die großen Hallen – und vermutlich auch die Stadien – locker im Alleingang meistert, dürfte seine warme Stimme bei Gigs in kleinem Rahmen deutlich an Intimität gewinnen. So oder so: Well done, Ed!

Fotos: Ed Sheeran: Ben Watts, Lenny Kravitz: Greg Kadel, Cro: Delia Baum