Courtney Barnett füllt eine Lücke in meiner Musiksammlung, die bisher brach lag. Hier steht zwar viel, aber wohl nichts vergleichbares im Regal und trotzdem oder vielleicht grade deswegen war es mit ihr Liebe auf den ersten Blick. Die wirklich erstaunliche, junge Australierin hat zwar noch kein Album draußen aber dafür ihre beiden EPs zu einer Double EP in LP-Länge verschmolzen. Am Samstag gabs im Atomic Café das Material der „A Sea Of Split Peas“  Double EP live  zu hören, und spätestens jetzt ist zweifellos klar: Courtney Barnett ist auf der guten Seite.

courtney_barnett_slideDie extrem talentierte Singer-Songwriterin schreibt über das manchmal mehr und manchmal weniger banale Leben einer Mittzwanzigerin.Die Songs sind kleine, unaufgeregte Stücke, die Lyrics kreativ, clever und witzig. Pointiert erzählte Anekdoten in lässigem Gewand. Barnett ist Tomboy statt Taylor Swift, ehrliche Prosa statt geschraubter Poesie, irgendwo zwischen Garage und Grunge mit einer guten Portion 70ies-Surf-Skate-Vibe. Ein bisschen bluesig, ein bisschen launisch und immer ein wenig lazy. Das ist sehr eigenwillig aber hat seinen besonderen Reiz. Mit der Anti-Haltung einer Patti Smith und einem Signature-Gesang, für den als Referenz wahrscheinlich zu oft Bob Dylan herhalten muss (Entschuldigung!) und der oft in Sprechgesang abdriftet, ist sie ein wunderbar erfrischender Gegenentwurf zu den vielen aktuell erfolgreichen Plastik-Girlies im Musikgeschäft.

Mit Schlabbershirt, ungekämmter Frise und ihrem Retro-Sound wirkt sie fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber wenn sie dann über Asthmaschocks beim Gärtnern singt, über das Trinken von Green Margaritas und die Tänzchen mit Sweet Senoritas, besorgte Eltern und zerbrochene Beziehungen, dann ist das wohl im Besten Sinne zeitlos. Die hat ein Händchen für Geschichten! Auch wenn sie sich nicht immer zu voller Blüte entfalten, sind sie doch stets charmant und unterhaltsam. Man hat das Gefühl, mit der kann man gut um die Häuser ziehen und langweilig wirds dabei sicher nicht.

Lieblingslieder sind auf jeden Fall das schwer lässige „Avant Gardener“, der „Einmal drin, immer drin“-Ohrwurm „History Eraser“ mit seinem schwindelerregend ausufernden Text und das melancholisch-liebenswürdige „Don’t Apply Compression Gently“. Und wenn „Lance Jr.“ losgeht, fühlt man sich kurz zu „Nirvana Unplugged in New York“ zurückgebeamt. Da scheinen die frühen persönlichen Einflüsse und Wurzeln durch. Ihre Liebe für Flanellhemden kommt nicht von irgendwo (auch wenns auf diesem Foto ausnahmsweise eine Tupfen-Bluse ist).

Die Platte, für die sie letztes Jahr ihre bisherigen EPs „I Have A Friend Called Emily Ferris“ und „How  To Carve A Carrot Into A Rose“ zu „The Double EP: A Sea Of Split Peas“ vereint hat, besticht durch ihren durchgehend extrem relaxten Vibe. Slackermäßig, mellow, nennt es, wie ihr wollt. Auf jeden Fall kann man dazu ganz hervorragend den alltäglichen Wahnsinn Wahnsinn sein lassen und sich ein paar gepflegte Bier aufmachen (oder womit man halt sonst so entspannt…). Wer mit zu hohem Blutdruck oder nervöser Unruhe zu kämpfen hat, sollte sich vielleicht mal hiermit therapieren. Tiefenentspannung und ein Schub positive Energie direkt aus den Wohnzimmerboxen. Live wirds dann durchaus eine Runde schwungvoller, rockiger aber auch mal ein wenig psychedelisch. Begleitet wird sie von ihrer kleinen Band, die da heißt „The Courtney Barnetts“. Warum auch irgendwas verkomplizieren? Sie ist keine Frau vieler Worte. Hinstellen, einstöpseln, losschrammeln und singen. Hin und wieder ein bisschen den Pony schütteln. Basta. Aber das stört ganz und gar nicht und der an diesem Abend hervorragende Sound im Atomic Café tut sein Übriges.

Gegen Ende spricht sie dann doch noch mit uns. Dass sie es schade findet, dass der Laden zumachen muss (ja, wir auch ein bisschen und anscheinend auch noch gut 200 Feierwütige, die schon vor der Tür für einen der letzten Partyabende im Atomic Schlange stehen. Verrückt, die Leute.), und dass sie an ihrem ersten „echten“ Album arbeitet. Davon gibt sie dann auch noch solo und akustisch etwas zum Besten. Wo die Show schon wirklich sehr gut war, ist dieser letzte Song ein famoser Abschluss. Wie sie da so allein und zurückgenommen ihre Ballade singt, da geht einem wirklich nochmal das Herz auf. Toll, toll, toll. Sollte sie öfter machen, steht ihr wirklich gut.

IMG_0902Wenn man sie so sieht kann man kaum glauben, dass sie als Chefin ihres eigenen Labels Milk! Records nicht nur für ihren Erfolg sondern auch für den von sechs anderen Bands verantwortlich ist. Parallel arbeitet sie aber wohl immer noch in der gleichen Bar in Melbourne, in der sie schon mit 18 ihre Finanzen aufgebessert hat. Jetzt Mitte Zwanzig gewinnt sie Preise, ist Label-Boss, tourt in der Weltgeschichte herum und kellnert trotzdem noch. Sehr sympathisch. Dazu passt auch das Band-Shirt des Abends. Das ziert neben ihrem Namen eine von ihr höchstselbst skizzierte Wäschespinne mit einem Paar herrenloser Socken. Die Frau hat viele Talente. Gekauft. Und ich gestatte mir am Ende sogar einen seltenen Fangirl-Moment und  lass mir liebend gerne eine Widmung auf meine Platte kritzeln. Wenn sie schon so vorbildlich da am Merch auf ihr Publikum wartet, mit Edding in der Hand…

„Thanks Kerstin!!! Herzerl, Courtney“ schreibt sie mir ganz artig auf das ebenfalls selbst gestaltete Cover ihrer Doppel EP. Ich sag Danke Courtney, und hoffe, wir werden noch ganz viel von dir hören! (Herzerl, Kerstin)

 

Fotos: PR (Porträt), themusicminutes