Am Ende des Jahres möchten wir euch noch ein Album ans Herz legen, das bereits Anfang 2014 erschienen ist und erst vor kurzem die verdiente Aufmerksamkeit erhielt. Die Young Fathers aus Edinburgh hauen uns frische Hip-Hop-Beats mit Killer-Refrains um die Ohren.

Young_Fathers

Sie tauchten bislang unter den ansonsten hochsensiblen Newcomer-Radaren hindurch. Alloysious Massaquoi, Kayus Bankole und Graham Hastings, drei Musiker und Rapper mit liberianischen, nigerianischen respektive schottischen Wurzeln, lernten sich im Teeanger-Alter bei einer Hip-Hop-Veranstaltung kennen. Nach zwei EPs – schlicht „Tape One“ (2011) und „Tape Two“ (2013) betitelt –, legte das Hip-Hop-Trio aus Edinburgh im Januar sein Debütalbum „Dead“ über das Label Big Dada, einem Ableger des innovativen Londoner Labels Label Ninja Tune, vor. Darauf knallen sie uns eine krude, leidenschaftliche Mischung aus derben Hip-Hop-Beats, verspielter Electronica und quirligen Afrobeats sowie Pop-Melodien, die sogar Taylor Swift neidisch machen dürften, vor den Latz. Musikalisch erinnert der Sound der Young Fathers mal an die frühen Massive Attack, mal an die Conscious-Rap-Pioniere De La Soul.

Trotz des Sucht-Potentials von Stücken wie „Low“ und „Get Up“ wurden die Songs nicht im Radio gespielt. Und so waren die Young Fathers erstmal vorwiegend in der britischen Szene aktiv. Jenseits des Ärmelkanals machten sie kaum auf sich aufmerksam. Das änderte sich vor einigen Wochen. Ende Oktober wurden die Young Fathers überraschend mit dem Mercury Music Prize 2014 ausgezeichnet, mit dem jährlich das beste britische Album gekürt wird. Das bis dato unbekannte Trio aus Schottland setzte sich u.a. gegen Post-R’n’B-Newcomerin FKA Twigs, Hip-Hop-Poetin Kate Tempest, Damon Albarn, das Rock-Duo Royal Blood und die Bands Jungle und Bombay Bicycle Club durch.

Schlagfertig und unvorhersehbar

Bis zur Nominierung hatte sich „Dead“ von den Young Fathers laut BBC lediglich 2386 Mal verkauft. Nun erhielten die Young Fathers endlich die lange überfällige Aufmerksamkeit. Daraufhin schaffte es das Album „Dead“ auf Platz 35 der UK-Charts – und auf meine A-Playlist.

„Die Young Fathers interpretieren britische Urban-Music auf einzigartige Weise, vollgepackt mit Ideen – schlagkräftig, unvorhersehbar, bewegend“, so das Urteil der Jury, die den Mercury Music Prize vergibt. Tatsächlich kommen die Young Fathers mit einem frischen Stil daher. Die düsteren, dreckigen Produktionen, die Hip-Hop-Herzen höher schlagen lassen, überraschen mit eingängigen Refrains, die auch Popfans begeistern. Mit Gangsta-Posen hat die Band nichts zu tun. Bei Live-Auftritten provozieren sie Möchtegern-Gangsta gern mit perfekt einstudierten Boyband-Choreografien.

„Dead“, das erste Album, ist leider gerade mal eine halbe Stunde lang. Gut, dass die Young Fathers bereits für Nachschub sorgen. Das Preisgeld von 20.000 Britischen Pfund, das sie beim Mercury Music Prize absahnten, investieren die drei Musiker in ihr nächstes Album, das in Berlin entstehen soll.

Und da wir gerade beim Thema Hip-Hop sind: Die deutsche Szene war ja in den zurückliegenden Monaten sehr umtriebig. Von Casper über Cro, Chakuza und Curse bis Kollegah und Sido, ob clever, witzig, gefrustet oder frustrierend – deutschsprachiger Rap ist schwer angesagt.

Mit Kex Kuhl empfiehlt sich ein Deutschrapper. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Taha Cakmak, gebürtiger Augsburger mit türkischen Wurzeln. Derzeitige Wahl-Hometown: Stuttgart. Der Newcomer veröffentlichte vor kurzem mit „Bartik“ seine erste EP. Die Old-School-Beats laden sofort zum Bouncen ein. Vor allem beim auf einem Sample des 70s-Klassikers „It’s A Shame“ von The Spinners basierende „Carter“ wippt der Fuß sofort mit.

Inhaltlich gibt die EP von Kex Kuhl leider wenig her. In „Nerdy Terdy Bartik Gäng“ inszeniert sich Kex Kuhl als bärtiger Anti-Hipster mit derber Schnauze. Kostprobe gefällig? „Scheiß mal auf Fitness, ich bin fett und mein Bart verwuschelt. Bank drücke heißt ich geh mein‘ Geldautomaten kuscheln.“ Mit „Fap Fap Fap“ findet sich eine Ode an die (männliche) Masturbation auf dem Mini-Album. Ganz genau, „Action mit der Hand“, „Rubbeldiekatz“ und „die Fleischpeitsche schwingen“ und so. Ironie? Fehlanzeige. Da darf es beim Longplay-Debüt dann doch noch bissl mehr sein.

Dann doch lieber die tiefgründigeren Texte von Sektion Kuchikäschtli, deren Beat-Bastler Claude ebenfalls auf soulige Samples setzt. Die Band hat sich leider längst aufgelöst. Aber ihr Klassiker „I han“ – das dazugehörige Album „Nur so am Rand“ war das erste Schweizer Mundart-Album, das Gold-Status erreichte – und gehört immer noch zu meinen „Hüahnerhut“ erzeugenden Alltime-Favoriten.

Und – damit das Trio komplett ist – noch ein Hip-Hop-Tipp aus Österreich von Ursi: Die Wiener Beats-Bastler SeboKILL setzen ähnlich wie Sektion Kuchikäschtli auf Old-School-Beats. Und ihr Song „Die Sun steht tiaf“ passt einfach perfekt zum „Heabst“, der bald dem Winter Platz machen wird: „Wenn die Finga wieda gfriarn, steht da Winta voa da Tia“. Word.

Fotos: Big Dada