Es sollte das letzte Konzert im Atomic Cafe sein: The Rural Alberta Advantage am 4. Dezember. Das Trio aus Toronto lud ein zu Bier und sprach mit uns über die Weiten Kanadas und die vielen Schubladen, in die man sie stecken möchte.

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Nils, Paul und Amy sitzen im rot beleuchteten Backstage-Bereich des Atomic Cafes, hinter ihnen hängen Plakate vergangener Shows an der Wand, im Eck steht ein Kasten Bier. Okay, los geht’s. The Rural Alberta Advantage, ein etwas sperriger Name. Wo der denn herkommt, möchte ich wissen. Sänger Nils Edenloff erklärt, dass alles etwas mit seiner Herkunft zu tun habe: Er komme ursprünglich aus Edmonton in der Provinz Alberta und wäre später in Fort McMurray groß geworden. Das sind neben Calagary und einer ominösen Stadt mit Namen „Medicine Hat“ eigentllich die einzigen Orte, die bei Google Maps angezeigt werden, wenn man die Provinz nachschlägt. Ein weites Land. „The Alberta Advantage“ wäre bis vor ein paar Jahren außerdem auch der Slogan der ganzen Provinz gewesen, so Edenloff. Darauf spiele der Bandname ebenso an. Ein weites Land mit vielen Äckern, Öl und Gas also. Und einer ganz schön guten Band.

Die Songs von The Rural Alberta Advantage sind geprägt von Unsicherheit – das beginnt beim Wohnort (Stadt oder Land) und endet in Beziehungsfragen (Ja? Nein? Echt? Doch nicht?). Woher kommt das? Das sei sein Leben, offenbart Frontmann Nils. Dass ihn die Kindheit in Alberta so prägte, war ihm bis zu seinem Umzug nach Toronto gar nicht so sehr bewusst. Daher rührt auch, dass die Songs sich nie für einen einzigen Weg entscheiden können: You don’t know what you got ‚til it’s gone. Die Vergangenheit sähe immer rosiger aus als sie letztendlich wirklich war, aber dennoch wusste man sie nicht zu schätzen, als sie passierte. Dass sie alle einmal in Toronto landen und leben würden, hätten The Rural Alberta Advantage nie gedacht. Toronto war für sie immer nur „diese große Stadt“ – kein Wunder bei über sechs Millionen Einwohnern in der Metropole. Schließlich lernten sie sich aber doch bei einer Open-Mic-Night in einer Bar kennen, deren Hauptanziehungskraft das Gratis-Bier war.

cover_raaZwei Alben und acht Jahre später. Bei den Aufnahmen zum aktuellen Album „Mended with Gold“ spielte die Bruce Peninsula eine große Rolle: Sänger Nils bereitete sich dort, im Norden von Ontario, wo dann erst mal nichts mehr kommt, auf die Aufnahmen vor. Vor anderthalb Jahren etwa waren The Rural Alberta Advantage mit einigen ihrer neuen Songs in einer Sackgasse angelangt, also packte Nils seine sieben Sachen und machte sich auf den Weg gen Norden: weg von der Großstadt, weg von der Zivilisation mit all ihren Ablenkungen. Drei Wochenenden lang machte er es sich in einem kleinen Häuschen mehr oder weniger gemütlich, manchmal kamen seine Band-Kollegen vorbei. Edenloff schrieb zwar keine Songs mehr, allerdings hätte diese Zeit einen beträchtlichen Einfluss auf das Album gehabt – die Angst, die man zum Beispiel in „Terrified“ heraushören kann, wäre sonst nie so in die Lieder transportiert worden.

Angst? Angst, aber wovor denn? Der Bandleader erzählt: „Allein der Weg dorthin war etwas Besonderes. Dunkel und einsam, in einem Umkreis von mehreren Meilen keine Menschenseele. Und ich blieb in einem Haus, das ich nie zuvor je besucht hatte. Eigentlich erwartete ich, dort eine Leiche zu finden.“ Soweit kam es aber zum Glück dann doch nicht. Es war ein kalter und verschneiter Frühlingsbeginn, Nils wusste nicht, wie man die Heizung bedient – ein Tod durch Erfrieren schien ihm naheliegend. Dass er Wölfe heulen hören konnte und vor Bären gewarnt worden war, konnte sein Gemüt in der Situation dann auch nicht mehr erhellen. Alles in allem spiegelten die Tracks, an denen er in der Hütte arbeitete, Unsicherheit und Angst wieder, sagt der Frontmann des Trios. Ohne die Einsamkeit, die Kälte, die Bären und Wölfe wäre „Mended with Gold“ also nie so schön geworden wie es jetzt ist.

The Rural Alberta Advantage sind stolz auf ihr Album. Sie haben geschafft, einen gewissen Teil ihrer Live-Show auf die Platte zu bringen. Allen voran, Nils Edenloffs Gesang und Paul Banwatts Drums. Es ist kein sauberer, aber ein klarerer Sound als auf den zwei Vorgänger-Alben. Sie klingen größer, viel eher nach Konzert als Aufnahme-Studio – vor allem nach viel mehr als nur drei Personen. Man denkt von einer Band, die generell in die Folk-Schubladen gesteckt wird, dass sie nicht laut werden kann. Falsch gedacht. The Rural Alberta Advantage mischen Indie-Elemente und Folk, weil es einfach ihre Ausdrucksweise ist: Das Resultat ist gleichsam lauter wie leiser Indie-Folk. Live spielten sie die lauten Tracks lieber, so Paul Benwatt. Die Zuschauer reagierten besser auf laute Songs. Es wäre viel schwieriger, die ruhigen Lieder richtig rüberzubringen. „Laut spielen ist lustig“, wirft Nils ein.

art_raaMit den drei Alben, mit denen sie seit über zwei Monaten auf Tour sind, wollen sie live die perfekte Mischung aus lauten und leisen Songs finden, das Repertoire dazu hätten sie jetzt ja. Vor allem der Wechsel zwischen lauten und leisen Songs sei spannend, überlegt Amy. Würde man von jedem Song eine Akustik-Version einspielen, wären sie alle miteinander Folk, sind sich die drei einig.

„Canadians make Americana sound“, hieße es regelmäßig. Aber auch mit dieser Genre-Schublade können sie sich nicht ganz anfreunden. Sie passen nicht in eine, sondern in viele Schubladen. „Spazz Rock“ wäre die mit Abstand absurdeste gewesen, erzählt Amy. Früher spielten The Rural Alberta Advantage eine Menge Cover-Songs: Von Weezer über The Cars bis zu Survivor und ABBA. Bevor sie viele eigene Lieder geschrieben hatten, mussten sie bei der Open-Mic-Night auf Fremdmaterial zurückgreifen: Ihre Version“Eye of the Tiger“ ist davon der Überrest, der allen am meisten ans Herz gewachsen ist. Soviel sei verraten: Später an jenem Abend gibt es keine Spur mehr von Cover-Versionen oder leisem Akustik-Folk, denn es wird laut im Atomic Café: „Drain The Blood“ geht leise einfach nicht. Zum Glück.

Apropos Atomic: Als eine der letzten Bands betraten sie die Bühne vor dem silbernen Glitzervorhang. Wie fühlt man sich da? Das Trio blickt mit großen Augen an die Wände des Backstage-Raums: So viele bekannte Künstler hätten hier gespielt – The Libertines, Mumford & Sons, Vampire Weekend. Die Rolle des Band-Rausschmeißers zu spielen, ist aber für The Rural Alberta Advantage nichts wirklich Neues: The Winchester, die Bar, an dem bei einer Open-Mic-Night ihre Karriere begann, hätten sie am Abrissabend bespielt. Und für die Zukunft? „Not a clue right now. We are just going to see where the wind takes us.“ Uns bleiben bis dahin drei fabelhafte Alben über das Weggehen und Heimkehren: „Hometowns“, „Departing“ und „Mended With Gold“.

Fotos: themusicminutes, PR