Einmal mehr gewinnen wir nicht den Pünktlichkeitspreis, aber das ist uns ziemlich wurscht, weil wir sind ja erstens nicht der Rolling Stone, und zweitens zum Spaß da. Deswegen trauen wir uns auch jetzt noch, eine gefühlte Ewigkeit nach seinem Erscheinen, unseren Senf zum zweiten Album von Alt-J abzugeben. Das muss allein schon deswegen sein, weil diese Band der Himmel geschickt hat und für viele „This Is All Yours“ eines der am sehnlichsten erwarteten Alben des aktuellen Jahres war. Soviel vorweg, auch Album Nummer zwei ist ein absoluter Hammer. Darum haben wir im Zeichen der vorweihnachtlichen Nächstenliebe (trotz anti-adventsmäßiger Krawallvideowoche sind wir noch nicht komplett verroht)  auch noch 2 x 2 Gästenlistenplätze für das inzwischen ausverkaufte München Konzert der Band am 17. Februar 2015 im Zenith für euch. Schnappatmung? Zurecht. Wie, was, wo erfahrt ihr am Ende dieses Textes.

slide_altj_colWenn es eine Band gibt, der man nichts mehr von übersteigertem Erwartungsdruck erzählen muss, dann sind es Alt-J. So etwas wie ihr 2012er Debut kommt nicht alle Tage, wahrscheinlich nicht mal alle Jahre daher. Erst stand die Insel Kopf, dann das europäische Festland, inzwischen die halbe Welt. Was die damals vier jungen Kunststudenten aus Leeds mit „An Awesome Wave“ abgeliefert haben, kann man nur als überwältigend bezeichnen. Es klang unfassbar abgefahren und wie nichts, was man bisher gehört hatte. Ein völlig neues Patchworkkonstrukt an Sounds und Einflüssen, in keine Schublade zu stecken. Das war mal wirklich neu! Sie gewannen die Herzen der Musikpresse, die der Fans und den 2012er Mercury Prize obendrauf.
Independent, arty, poppig, folkig, mit Hip Hop Beats, Dubstep und Synthies, dazu klassische Instrumentierung, ein unverwechselbarer Gesang, oft sogar mehrstimmige Harmonien. Hier wurden Genre-Grenzen eingerissen, hier hat sich jemand was getraut. Schon beim ersten Album war ich schwerst beeindruckt.

Man durfte schon ein bisschen aufgeregt sein, als der Nachfolger endlich da war, ausgepackt und zum ersten Mal aufgelegt werden wollte. Allein schon die Aufmachung der Scheibe ist toll. Die Farben des abstrakt-bunten Covers werden in der Doppel-LP Variante in Form von farbigem Vinyl aufgegriffen. Hier steht die Kombi LP1 blau, LP2 gelb. Da macht das viele Umdrehen und Wechseln noch mehr Spaß.
Gestartet wird wieder mit einem Paukenschlag von einem Intro. Vocal Samples über atmosphärischen Sounds münden in hypnothische Beats und Newmans nöligen Signature-Gesang. „Escher wanna draw shit, I pop clips, bitch, I draw my piece to my hip“ ist wohl ihre Hommage an den Wu-Tang Clan.

alt-j_tiayDiese Kunststudenten sind ein scheinbar unendlich sprudelnder Ideenbrunnen. Was sie musikalisch machen ist aufregend, intelligent und inspirierend. Auch textlich ist man hier weit enfernt von ausgetretenen Pfaden. Ein Alt-J Album ist schon fast ein Gedichtband. Ziemlich ausgefuchstes, auf den ersten Blick eher kryptisches Zeug. Es lohnt aber wirklich sich auch mal mit etwas Zeit und den Lyrics an die Songs zu setzen, ordentlich zuzuhören und, wenn man gspinnert genug ist, vielleicht sogar das ein oder andere nachzuschlagen. Aber ich sags euch, wenn man da einmal anfängt ist das ein Fass ohne Boden! Mir schwirrt ein bisschen der Kopf. Andererseits ist es aber auch sehr faszinierend welch komplexe Bildergeschichten sie mit vergleichsweise wenigen Worten  in so einem typischen 4-5 Minüter unterbringen. Während ein klassischer Singer-/Songwriter à la Frank Turner oder John K. Samson seine Story extrem versiert und wortreich auserzählt, wählen diese Kollegen in jeder Hinsicht den Ansatz eines abstrakten Künstlers. Sie packen ihre Songs voll mit Bildern, Zitaten, Referenzen quer durch die Film- und Musikwelt, aber auch Politik, Geschichte, und Zeitgeschehen. Songs wie Reizwortgeschichten, die auserzählt zu ganzen Buchkapiteln werden könnten.

Paradebeispiel ist der Track „Nara“ (zusammen mit dem vorgelagerten, reduzierten Akustikgitarrenstück „Arrival in Nara“ und dem Schlusslied „Leaving Nara“ zenraler Part des 3teiligen Songzirkels dieses Albums). Thema ist eine homosexuelle Beziehung („I’ve discovered a man like no other man / I’ve found a love to love like no other can“). „Love is the warmest color /petrol blue“ singt Newman hier. Eine Referenz an den französischen Indie-Film-Hit „La Vie d’Adele“ – im englischen „Blue Is The Warmest Colour“ – die so intensiv wie sensibel erzählte Geschichte einer lesbischen Liebe. Fantastischer Film! Der Schmetterling kommt vor als Symbol der LGBT-Bewegung und dazu der politische Fingerzeig nach Russland mit seiner diesbezüglich reaktionären Gesetzeslage („Unpin your Butterflies, Russia“). Das Ganze wird dann noch in einen sakralen Kontext gestellt (Kirchenglocken läuten den Song ein, sich wiederholende Hallelujahs säumen den Text). Was aber genau der Pharao soll und warum der besungene Lover in Form von Aslan, dem Löwen aus „Die Chroniken von Narnia“ auftaucht, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen (Nara klingt zwar fast wie Narnia, ist aber tatsächlich eine Stadt in Japan). Ne Menge Holz ist das. Aber auch rein musikalisch ist dieser Song eine Macht. Wunderschön, kraftvoll und berührend. Einer der besten des Albums aus meiner Sicht. Sie schaffen es einfach Stücke zu schreiben, bei denen man sich für einen Augenblick ein bisschen klein und demütig fühlt.

„Hunger Of The Pine“, den sie bereits vor einigen Monaten als erste Single vorausgeschickt haben ist auch so ein Fall. Starke Nummer, ebenso starkes Video. Hier geht es um eine zerbrochene Beziehung. Newman findet für sein Sehnen (to pine) eine körperliche Metapher. Hunger. Die Lady ist fort und kommt im Song doch zu Wort, in Form eines äußerst gelungenen Miley Cyrus Samples. „I’m the female rebel“ raunt sie daher. Da muss man sie wohl ziehen lassen. Wenn man sich hier an der Wahl von Miss Cyrus stört (bei Veröffentlichung des Tracks ging ein wahrer Sturm der Entrüstung durch die Fanreihen) hat man etwas nicht verstanden. Man mag von der kleinen Irren halten was man will, aber dieses Sample ist der perfekte Kniff, die Textzeile passt wie die Faust aufs Auge und verpasst diesem Song dazu eine extra Dimension, was ihn wirklich speziell macht. Ich finde ihn großartig.

ALT-J [hunger of the pine] from nabil elderkin on Vimeo.

Mit „Every Other Freckle“ und „Left Hand Free“ wird das Single-Trio perfekt. Auch hierzu haben sie sich an der Videofront nicht lumpen lassen. Für ersteres gabs gleich zwei Versionen, eine Girl- und eine Boy-Variante. Beide strotzen vor beeindruckenden Bildern und stellen mit der Kombi Katzenbaby auf Kaschmirpulli nebenbei auch noch den neuen Flauschigkeitsrekord auf. „Left Hand Free“, der so ganz anders klingt, als alles, was man von der Band bisher kannte, ist wohl der liedgewordene ausgestreckte Mittelfinger nach oben. Anscheinend verlangte ihr amerikanisches Label eine radiofreundlichere Single als das in ihren Ohren zu sperrige „Hunger Of The Pine“. Anstatt wortreich zu rebellieren schrieb man mal eben in 20 Minuten den absoluten Anti-Alt-J Song. Wenns nach der Band geht, ist es ein klischeehafter Scherz von einem Lied, das vor allem bei US-Truckern gut ankommen dürfte, das Label liebte ihn. Und so ist er auf der Platte und am Ende tatsächlich nicht weniger Hit als der Rest. Das Video kommt dann aber ohne Trucker aus, sondern bebildert ziemlich stylish eine vermeintlich normale Pool-Party, die gegen Ende gehörig aus dem Ruder läuft. Das ist ein bisschen das Muster bei ihren Videos. Visuell immer sehr beeindruckend aber man pfeift auf Konventionen, schreckt auch nicht davor zurück zu provozieren oder zu schocken und sowieso kommts immer anders als man denkt.

Bei „Garden Of England (Interlude)“ geht die Nerdigkeit ein bisschen mit ihnen durch. Ein eingestreutes Block-Flöten-Instrumental, irgendwo zwischen mittelalterlicher Darbietung zu Hofe und Advents-Flöten-Gruppe. Ein bisschen sehr schräg aber warum eigentlich nicht… Das zurückgenommene „Choice Kingdom“ ist dann wieder so ein kleines Schmuckstück, genau wie „Warm Foothills“, bei dem Newman prominente gesangliche Unterstützung bekommt. Unter anderem von Conor Oberst und Lianne La Havas. Der Song dürfte inzwischen hinreichend aus der Sonos Werbung bekannt sein.
„The Gospel Of John Hurt“ – auch hier gibt der Text wieder Rätsel auf. Wofür auch immer die Metapher des durch den Brustkorb von John Hurt platzenden Aliens im gleichnamigen Sci-Fi-Klassiker steht, was Gutes ist es wahrscheinlich nicht.

Unbedingt erwähnt werden muss mit „Bloodflood Pt. II“ auch noch die fantastische Fortsetzung von „Bloodflood“ vom ersten Album. Gleiches Thema – nämlich eine Attacke auf Keyboarder Gus Unger-Hamilton durch die Mandela Boys, eine gewaltbereite Gang aus Southampton – anders interpretiert. Das Stück ist auch ganz weit vorne auf der Favoritenliste. Als Bonus Track gibts am Ende ein recht gelungenes Cover von Bill Withers Good-Vibes Hymne „Lovely Day“. Ist jetzt nicht der beste Song vom Album, tut als Zugabe aber auch nicht weh.

Nach vielen, vielen Wochen und unzähligen Durchläufen steht fest, das ist eine der Platten des Jahres. Man kann sich schwer satt hören an diesem Ideenreichtum, an diesen kunstvollen Klang-Kollagen und clever konstruierten Songs. Die Band, die inzwischen zum Trio geschrumpft ist (Bassist Gwil Sainsbury hat die Gruppe Anfang 2014 nach sechs gemeinsamen Jahren verlassen, um sich einer Karriere als Gitarrenbauer zu widmen), ist auch live eine Offenbarung. Einmal hatte ich bereits das Vergnügen, beim Optimus Alive Festival 2013 in Lissabon. Portugal war ihnen damals schon verfallen und entsprechend befand sich die komplette Meute des brechend vollen Second Stage-Zelts im kollektiven Wahn. Ich habe selten ein Publikum so unisono mitsingen gehört. Stark war das!

Ihr solltet also die Chance am Schopf packen und bei der Verlosung mitmachen. Für die München Show ist das hier definitiv eine der letzten Chancen auf Tickets. Das Konzert ist nämlich inzwischen ausverkauft. Ebenso wie alle anderen Deutschlandshows der Band (bis auf Hamburg) und der Großteil ihrer europäischen Gigs.

Was ihr dafür tun müsst? Ganz einfach: Ihr müsst 18 Jahre alt sein und uns mit eurer echten E-Mail-Adresse (weil wir euch im Falle des Falles über diese kontaktieren) hier unter dem Beitrag einen Kommentar hinterlassen. Kreativität ist kein Muss, schließlich entscheidet das Los, aber erfreut uns natürlich. Teilnahmeschluss ist am 23. Dezember 2014 um 23:59 Uhr, die glücklichen Gewinner benachrichtigen wir dann christkindlmäßig am 24.12. Meine Güte, ist das schön!

 

Fotos: PR, themusicminutes