Das alte Lied… Als Vollzeitmusikverrückte aber Freizeitschreiberlinge, die wir hier sind, hat der Tag einfach nicht genug Stunden, um sich immer allem, und vor allem immer zeitnah dem zu widmen, was einen grad schwer begeistert. Dass ich es aber bisher nicht geschafft habe, zwei meiner absoluten Lieblingsplatten des letzten Jahres entsprechend zu würdigen, ist nahezu skandalös. Deswegen kommt hier, wie im Jahresrückblick versprochen, noch ein wichtiger Nachtrag zu 2014. „LP3“ von Restorations und „Throw Me In The River“ von The Smith Street Band, sind zwei wahrlich großartige Scheiben, die das vergangene Jahr definitiv noch lange überdauern werden. Bei beiden hatte Uncle M seine Finger im Spiel. Auch über das Münsteraner Label kann man an der Stelle mal ein paar Worte verlieren.

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Mit einer gehörigen Portion Idealismus, Integrität und Herzblut sowie einer nicht gerade branchenüblichen sozialkritischen Haltung, werkelt man bei Uncle M seit gut drei Jahren auf Augenhöhe mit Bands, die man sorgfältig ausgesucht hat, die man mag und die es wert sind, dass man sich für sie den Arsch aufreisst. Wohlbekannte Künstler wie die hochgeschätzten Herren Chuck Ragan, Dave Hause oder Rocky Votolato, stehen neben Bandgrößen wie Hot Water Music, Boysetsfire oder Touché Amoré. Die Basis stimmt also und das macht es einem leicht auch Neues zu entdecken. Neben den oben genannten Restorations und der Smith Street Band waren das 2013 z.B. die australischen Paper Arms und 2014 auch noch die Punkrock-Krawallos von PUP aus Toronto mit ihrem selbstbetitleten Erstling.
Für manche Bands übernimmt das Label dabei „nur“ die Promo- und Presseaktivitäten in heimischen Gefilden, wie im Fall Restorations oder zuletzt auch beim neuen Lagwagon Longplayer „Hang“ (In ihrer neunjährigen Albumpause haben die Punkrock-Ikonen um Joey Cape definitiv nichts verlernt!). Für andere geht man die Extrameile, nimmt sie gleich selbst unter Vertrag und stemmt Management, Albumrelease, PR, oder auch das Merchandise – je nach Bedarf. Das Credo von Uncle M, allen voran das von Label-Gründer Mirko Gläser, lautet dabei:  “Mach soviel selbst wie Du kannst, den Rest erledigen wir”.

Und die Hingabe, mit der hier ans Werk gegangen wird, merkt man. Hier wird noch maßgeschneidert. Gerade Vinylliebhaber oder Freunde etwas außergewöhnlicherer Releases oder Merch-Gimmicks werden sich hier gut aufgehoben fühlen. Wunderschönes, limitiertes Colored-Vinyl, Special Editions auf Kassette (Chuck Ragan live @ Skater’s Palace z.B.) oder auch mal eine Frisbee im The Smith Street Band Bundle („Throw Me In The River“ auf einer Frisbee? Eins mit Sternchen!), gerade im letzten Jahr gabs die Schmuckstücke praktisch am laufenden Band.
Platten einkaufen ist eine feine Sache und macht großen Spaß. In der echten Welt besonders in den Plattenläden seines Vertrauens oder auf den entsprechenden Shows und in der digitalen Welt in den Web-Shops der Künstler, bei einschlägigen Mailorders wie Greenhell und Co oder eben bei einem Label wie diesem. Es gibt also meist genügend wunderbare Alternativen zu Amazon. Man muss sie nur kennen!

Zwei dieser Platten, die 2014 ihren Weg in die heimische Sammlung gefunden haben und bis zum Ende des Jahres stetig höher geklettert sind auf der persönlichen Hitliste, seien euch an der Stelle besonders an Herz gelegt.

Restorations – „LP3“

Das so schlicht wie treffend betitelte Album „LP3“ ist bereits das Dritte der Band aus Philadelphia. Schwer in eine Schublade zu stecken klingen sie für mich nach einem musikalischen Stelldichein der frühen Gaslight Anthem mit Bruce Springsteen und Pearl Jam. Erwachsen, intelligent, anspruchsvoll und trotzdem catchy mischt man hier eine gute Portion trockenen 00er Jahre Grunge-Vibe mit viel Americana-Herzblut und einer vollen Schippe Punkrock-Rebellion. Ich glaube, ich hab auf diese Band und Platte gewartet ohne es wirklich zu wissen. Produziert wurde sie mit Jon Low von dem Mann, der auch schon für „Trouble Will Find Me“ von meinen heißgeliebten The National verantwortlich war, und der bereits mit The War On Drugs aufgenommen hat. Passt also wieder alles zusammen hier. Mein Über-Hit, und eins der besten Stücke des letzten Jahres ist zweifellos „Separate Songs“. Eigentlich ist das kein Song mehr sondern eine Hymne. Eine ganz große Melodie, Gitarren und eine Orgel, und über allem die sagenhafte Stimme von Frontmann Jon Loudon. Der zurückhaltende Start täuscht, das Stück gipfelt in ein geradezu furioses Finale. Da möchte man jedes Mal wieder die Arme in die Luft reissen und lauthals die wahren Worte mitsingen: „Imagine that focus in real life/ Imagine going outside/ Imagine not waiting for something to come along“. Laut Band ist der Song Aufforderung den Computer aus dem Fenster zu werfen. Besser wärs manchmal… Aber auch sonst geht die Platte runter wie ein geschmeidiger Whiskey (Vielleicht ein Oban, der geht doch deutlich besser runter als Öl.). Kultiviert und rauchig, zu Beginn kühl und dann mit umso mehr Wärme und ordentlich Wumms. Absolute Empfehlung!

Restorations – „Separate Songs“ Official from John Komar on Vimeo.

 

The Smith Street Band – „Throw Me In The River“

Eindringlich, im besten Sinne ungehobelt, mit einer Extra-Portion Emotion und erfrischend wie das erste kalte Bier am Freitagabend hauen uns die vier Kerle aus Melbourne ebenfalls ihren dritten Longplayer namens „Throw Me In the River“ um die Ohren. Elf Songs von Instant-Ohrwurm und Partykracher („Surrender“), über trotzige Feel-Good-Hits („I Don’t Wanna Die Anymore“) und sich langsam entfaltende Giganten („The Arrogance Of The Drunk Pedestrian“) bis zum angenehm zuckerfreien Herzschmerz („Calgary Girls“) – zwischen Punk, Indie, Folk und „Australicana“ (gibts das überhaupt?). Man braucht hier kein Lied hervorheben, so wunderbar rund und stimmig wie diese Scheibe durchläuft.
Wem z.B. Samiam gefallen, oder die frühen Frank Turner Songs – ungebügelt und mit ordentlich Wut im Bauch – für den ist das hier wie gemacht. Auch wenn gegen den stimmlichen Wüterich Wil Wagner die Kollegen Beebout und Turner fast als Samtkehlchen durchgehen. Da ist Druck dahinter. Die Platte klingt nach Ventil – und das kann sie auch genauso für den Hörer sein. Startet mit dem Hit „Surrender“ und nehmt euch dann das ganze Album vor. Danach macht ihr gleich noch mit der „Don’t Fuck With Our Dreams“ EP (ebenfalls aus dem letzten Jahr) weiter, die kann nämlich auch einiges.

Erst gestern gabs wichtige News von der Band. Die hochaktuelle Flüchtlingsthematik treibt derzeit den ganzen Globus um und die Australier sehen sich in einer besonders beunruhigenden Situation angesichts der Null-Toleranz-Politik von Premier Tony Abbot. Sicher ist den meisten die „No Way“-Kampagne ein Begriff. Abbot war schon im September 2014 mit dem Slogan „Stop The Boats“ in den Wahlkampf gezogen, im Oktober hat er mit einer krassen Abschreckungskampagne inklusive Hardcore-Video nachgelegt. Kein Flüchtling, mit welchem Hintergrund auch immer, wird es über den Seeweg nach Australien schaffen und hier eine Heimat finden. Niemand. Punkt.
The Smith Street Band begegnen dieser Haltung nun auf ihre Art, mit einem Song. Dieser scharfzüngige Anti-Abbott-Feldzug heißt wenig zimperlich „Wipe That Shit-Eating Grin Off Your Punchable Face“, inklusive Abbots Konterfei als Cover. Starke Ansage, starker Song, starker Text: „So wipe that shit-eating grin off your punchable face/ These people are human beings that you’ll destroy and displace/ When you sit in Kirribilli House and there’s no one else around/ do you know just to keep your job you’re putting bodies in the ground?/ Drowning refugees at sea, kiss babies screaming „Vote for me! / I’ll take you to the future via the 1950s.“.

 

 

Inklusive eines zweiten Songs namens „God in the Name of the Father“, kann man die Single auch erwerben. Leider nicht mehr auf Vinyl, die gingen alle schon innerhalb kürzester Zeit per Vorbestellung weg, aber online auf ihrer Bandcamp Seite. Für 3$ bzw. gerne auch mehr. Sämtliche Erlöse gehen an australische Flüchtlingsprojekte. Besser und konstruktiver kann man den Mittelfinger in dieser Angelegenheit nicht ausstrecken.

Auch live kann man The Smith Street Band im April/Mai 2015 bei uns sehen. Und zwar auf dem dieses Jahr zum ersten Mal tourenden Pirate Satellite Festival (Make Do And Mend und Teenage Bottlerocket sind u.a. dabei, das komplette Line-Up formiert sich aktuell noch.) und beim alljährlichen Label-Geburtstagsfest von Uncle M (Gesellschaft leisten ihnen auch hier u. a. Make Do and Mend und die großartigen The Hotelier. Das seit gestern finale Line-Up gibts hier.)

Hier alle Daten im Überblick:

30.04. Münster, Skater’s Palace (Uncle M Fest)
06.05. Hamburg, Markthalle (Pirate Satellite Festival)
07.05. Berlin, Astra Kulturhaus (Pirate Satellite Festival)
08.05. Wiesbaden, Schlachthof (Pirate Satellite Festival)
09.05. Stuttgart, LKA Langhorn (Pirate Satellite Festival)
10.05. München, Backstage (Pirate Satellite Festival)

 

Fotos: themusicminutes (Kerstin)