Ein bisschen Angst hatte ich schon. Mein erstes Die-Antwoord-Konzert. Und das im Zenith. Den schrägen Videos und grusligen Pressefotos der südafrikanischen Hip-Hop-Combo nach zu urteilen, erwartete uns eine brutal krawallige Show mit derben Beats und viel Kunstblut. Letzteres kam zwar nicht zum Einsatz, dennoch lieferten Die Antwoord ein abgefahrenes, freeky-artsy-fartsy Pop-Spektakel.

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Die Schlange vor dem Zenith war lang, sehr lang. Ausverkauft! Und Sicherheitsmaßnahmen wie am Flughafen: Die übliche Taschenvisite, dazu wurde jeder abgetastet. Das Publikum überraschend gemischt. Crazy Stylings, ein paar Gothic- und Metalheads, viele offensichtlich ziemlich druffe Leute und auffallend viele ältere Semester, Kulturconnaisseure, die vielleicht mit Kraftwerk oder Krautrock groß geworden sind.

Um kurz nach neun geht’s los. Na ja, fast. Soundfetzen, jemand, der für eine Oper übt, Noise, Fiepen dröhnen durch die Halle. Immer und immer wieder, fast 10 Minuten lang. Dann, bäm, der Vorhang fällt und die beeindruckenede Bühne wird unter wuchtigen Beats präsentiert: eine Art Block-Party-Szenario anno 1983. Urbane Graffitti, „Fuk da World“ steht da, in der Mitte die Turntables, an denen sich DJ Hi-Tek in den kommenden 75 Minuten wie ein außer Kontrolle geratener Bodybuilder austobt.

Die fokken Antwoord in da house!

Rapper Ninja und seine Partnerin Yolandi Visser hopsen auf die Bühne und machen Remmidemmi – dagegen wirken Deichkind wie harmlose Kindergeburtstagsclowns. Ich höre immer nur „Fuck“. Aromatisierte Rauchschwaden ziehen durch die Luft.

antwoord2Bereits beim ersten Song nimmt der drahtige Ninja ein Bad in der Menge. Rasch ist die Stimmung auf dem Siedepunkt. Grelle Neonfarben blitzen durch die Halle, wie zwei wild gewordene Pitbull Terrier bolzen Die Antwoord über die Bühne. Unterstützt werden sie von zwei vermummten Tänzerinnen. Der Sound im Zenith ist leider wie immer desaströs. Immerhin passt die Show perfekt in die Location.

Die sehr kleine, zierliche Sängerin/Rapperin Yolandi Visser, die in den Videos gerne als Krawallbürste auftritt, strotzt nur so vor Energie. Genau wie der recht hagere Ninja hüpft, tanzt und springt sie über die Bühne. Ihr blondierter Fokuhila bounct dabei zu den Beats, während sie mit ihrer Helium-Stimme wüste Worte raushaut. Die Antwoord haben die Zef-Kultur nach Europa geholt. Will heißen: Arm, aber fancy. Vielleicht ein kleines bisschen wie Berlin. Nur brutaler.

Knapp über eine Stunde ballern uns Die Antwoord ihren rotzigen Rap-Rave und die Texte in Englisch, Afrikaans und Xhosa vor den Latz. Zu hören gibt es Songs aus den drei bislang veröffentlichten Alben „$O$“ (2009), „Ten$ion“ (2012)  und „Donker Mag“ (2014), darunter „Ugly Boy„, „Rich Bitch“, „Baby’s On Fire“ und „Happy Go Sucky Fucky“ sowie der Klassiker „I Fink U Freeky„. Wobei es eigentlich ziemlich egal ist, welcher Track gerade aus den Boxen ballert. So oder so: Man wird fast weggepustet. Scooter multipliziert mit The Prodigy plus Marilyn Manson. Hinzu kommt eine harte Hip-Hop-Gangsta-Attitüde à la Mystikal. Und dazwischen: eine durchgeknallte Minnie Mouse.

Smack my bitch up!

Mein Blick bleibt immer wieder auf der in der Mitte der Bühne positionierten Videoleinwand haften. Dort werden Ausschnitte aus den freaky, millionenfach geklickten Musikvideos der Band gezeigt. Pulsierende, blutige Herzen werden genüsslich verspeist, ein blutiger Boxkampf, viele Insekten. Die Antwoord wissen genau, was sie tun. Ihre krude Mischung aus Hip-Hop, Techno, 90s-Rave und unüberhörbaren Eurodance-Anleihen verpacken sie in kunstvolle Clips.

Die Antwoord sind eine audiovisuelle Band. Der Sound ist wie gesagt eher zweitrangig, nach vier, fünf Songs erschöpft sich das Repertoire in Wiederholungen. Dass das Konzert dennoch Spaß macht, liegt an der kunstvollen, wuchtigen Performance. Ähnlich wie andere Popstars inszenieren sich die beiden Künstler aus Kapstadt als comicartige Kunstfiguren. Ganz Gaga wechseln sie mehrere Male die Outfits. Je schriller, desto besser. Ninja gibt den cholerischen Bad Boy, während ¥o-Landi mal wie eine niedliche, mal wie eine furchteinflößende Mischung aus Tank Girl und hysterischer Minnie Mouse wirkt. Links von der Bühne wird irgendwann eine Art Michelin-Männchen mit Riesenpenis aufgeblasen. Dazu die grellen Blitzlichter, die düsteren Videos, die mal an Basquiat, mal an eine Goth-Horror-Freakshow erinnern. Alles ziemlich artsy-fartsy.

Eine Wahnsinnsshow. Nach einer Stunde ist Schluss. Und das ist gut so. Die Antwoord wollen schließlich niemanden überfordern. Und der Wow-Effekt ist irgendwann auch weg. Was bleibt, sind skurrile Bilder im Kopf.

Foto: PR/themusicminutes.com