Jetzt ist es soweit: Das Münchner Atomic Café hat an Neujahr für immer seine Pforten geschlossen. Für immer? Wie man es nimmt: Mit einem Film, der per Crowdfunding finanziert werden soll, möchten Heike Schuffenhauer und Marc Seibold dem Club ein Denkmal setzen.

Der erste Schock über die Schließung legt sich gerade bei den langjährigen Fans des legendären Indie-Clubs. Doch ganz zu Ende ist die Geschichte des Atomic noch nicht: Unter dem Motto „This is Atomic Love“, eigentlich ein Song der Berliner Punkrocker von den Beasteaks, riefen die Journalisten Heike Schuffenhauer und Marc Seibold ein Crowdfunding-Projekt ins Leben. Sie wollen einen Film, eine Dokumentation über das Atomic Café machen. Dazu brauchen sie jetzt Unterstützung, damit der Club den Film bekommt, den er in ihren Augen verdient.

Jeder, der sich der Indie-Riege zuschreibt, kennt diesen Club – in München und auch anderswo. Pete Doherty stand hackenstramm bei einem Geheimgig auf der Bühne, von den Babyshambles stammt auch das Zitat „Everybody in the UK knows the Atomic Café“. Aber nicht nur der Rüpel-Rocker fühlte sich hier zu Hause, auf der Bühne vor dem Glitzervorhang standen unter anderem die Arctic Monkeys, Elbow, Hot Hot Heat, Johnossi, Kettcar, London Grammar, Mando Diao, Phoenix, die Sportfreunde Stiller – jeder Künstler, der so bissl was auf sich hält. Die Liste ist lang! Wieso aber genau machen zwei Journalisten jetzt einen Film über den Club – jetzt, wo er geschlossen ist? Wir haben bei Heike nachgefragt.

Was ist euch am wichtigsten bei „This is Atomic Love“, eurer geplanten Doku über das Atomic Café?
„Wir wollen einen tollen Film machen, über einen tollen Club. Das Atomic Café war ein toller Club, der uns und vielen Leuten richtig viel bedeutet hat. Aber wir machen den Film auch, weil wir Fans von Dokus über Musik und Jugendkultur sind. Wir wollen eine Doku machen, die die Leute schauen und dabei etwas fühlen – vielleicht Zusammengehörigkeit. Und damit wir diesen Film machen können, brauchen wir noch ein paar Unterstützer bei unserem Crowdfunding.“

Was war euer coolster Abend oder die beste Show im Atomic?
„Es gab viele tolle Abende. Wie vielen geht es mir da so, dass die besten Abende die sind, an denen man eigentlich schon um 1 Uhr nach Hause wollte. Und dann bleibt man, weil der DJ einen guten Song nach dem anderen spielt oder weil man mit Leuten ins Gespräch kommt. Und auf einmal ist es 5.30 Uhr.“

Was fehlt euch am meisten am Atomic Café?
„Das Atomic! Als Anlaufstelle, einfach als Option. Es ist Freitag, man überlegt, wo man hingehen kann und das Atomic fällt einem als erstes ein. Ich hab, was das Tanzen angeht, außer dem Atomic nichts gelten lassen. Deshalb bin ich jetzt [nach der Schließung] gerade etwas ratlos. Naja, und so kitschig es klingen mag: Ich werde den Glitzervorhang vermissen und die Ausstattung anderer Clubs am Atomic Café messen.“

Wo verbringt ihr jetzt eure Wochenenden?
„Das wird sich zeigen; einfach mal ein paar neue Sachen ausprobieren – etwas offener sein schadet ja nicht! Viele der Atomic DJs finden ja gerade neue Orte, an denen sie auflegen. Aber ganz ehrlich: Das Ende des Atomics war mit ziemlich viel Feierei verbunden – ich mach jetzt erst mal Detox.“

Ihr wollt helfen, die Dokumentation zu realisieren? Dann seid ihr nur einen Klick vom Crowdfunding-Projekt entfernt. Klick, klick!

Sind wir mal ehrlich: Auch wenn wir zum Schluss nicht mehr zum Stammpublikum des Atomic Cafés gehörten, weil wir unter anderem am Donnerstag nach dem Brit-Woch immer arbeiten mussten, hatten wir alle verdammt gute Abende in der Neutrumstraße 5. (Ursi feierte dort mehrfach ihren Magister-Abschluss und erklärte an den Stufen zur Bar sehr schadenfreudig das System der Schwerkraft.) Und ja, in diesem Club waren Konzerte von Künstlern, die später das Zenith füllten, am besten. Am besten davon?

Für Ursi waren das  Jason Mraz im Sommer 2007 und Mumford & Sons im August 2009. Renzo erinnert sich gerne daran, als die Scissor Sisters das Atomic 2004, als ihr selbstbetiteltes Debüt gerade erschienen war, in eine schillernde Mini-Gay-Disco umfunktionierten. Nach dem Konzert beobachtete Frontmann Jake Shears, lässig an eine Säule gelehnt, das Geschehen. Ebenfalls unvergesslich: The Gossip – damals noch mit einem „The“ davor und weit entfernt vom späteren fluffig-poppigen Hüpfburgen-Sound – präsentierten im Sommer 2007 ihr (bis dato immer noch bestes) Album „Standing In The Way Of Control“ im Herzen Münchens. Im Tourbus, der direkt vor die berühmte eiserne Tür vorgefahren war, zeigte sich Beth Dito im Interview sehr gesprächig und unkompliziert. Ein paar Jahre später traten Gossip dann ohne The und mit weniger Rotz’n’Roll-Songs im Zenith auf. Kerstin sieht das Aus des Atomic Café zwar deutlich unsentimentaler als viele der Hardcore-Fans, die nun mit gebrochenem Herzen am Lacoste-Laden vorbeilaufen müssen, aber natürlich stand auch sie bei vielen wunderbaren Shows im Publikum. So behält sie unter anderem Nada Surf 2008 und die Mini-Show von Casper 2011 in bester Erinnerung.

Es ist schade, dass es das Atomic Café in keiner Form mehr gibt. Ähnlich schade war das vor über einem Jahr mit dem Molotow in den Essohäusern in Hamburg, dort gibt es jetzt aber das Molotow Exil, die Ausweichlocation nach dem Abriss des nicht minder legendären Clubs in der Hansestadt. Uns bleibt stattdessen nur die Erinnerung an den Glitzervorhang und die Erkenntnis: And the beat goes on.

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Wer die Atomic-DJs übrigens demnächst wieder in Action sehen will, hat zum Beispiel ab 04. Februar jeden Mittwoch im Downtown Flash die Möglichkeit: Leute, das ist quasi der Brit-Woch in neuer Location! „Indie-Pop ‚til you drop“ lautet die Losung des Abends und zum Start steht steht die sehr geschätzte Bavarian Mobile Disco an den Turntables. Es gibt also doch ein Leben nach dem Atomic. Wenn auch leider nicht mehr in rot-orange mit runden Ecken.

Foto: Facebook-Seite von The Atomic Cafe (und die haben es von Andrea Frank)