„…wer uns fragt, bleibt dumm.“ So die Devise der drei von Deichkind. Gewohnt gekonnt ziehen sie auf ihrer sechsten Studioplatte ihre Mischung aus Hip-Hop und Elektropunk durch. Ungewohnt ist allerdings die Gesellschaftskritik, die manchmal vor allem Deichkinds größten Fans, den Digital Natives, ins Mark schießen dürfte. Trotz allem oder gerade deshalb: Das Album macht sehr viel Spaß.

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Hätte das neue Album von Deichkind nicht schon einen so fetzigen Namen, man könnte es mit mehr Pathos auch „Deichkind gegen den Rest der Welt“ nennen. Vor nichts und niemanden machen Kryptik Joe, Ferris Hilton und Porky Halt, jeder einzelne bekommt sein Fett weg. Doch alles ist, wie nett, geschmeidig verpackt in tanzbaren Deichkind-Beat und „ein bisschen Glitzer, Glitzer“.

„Niveau Weshalb Warum“ ist ein Fest. Und wir fackeln gar nicht lange: Deichkind liefern damit mindestens bis zur nächsten Platte den einzig wahren Elektropunk, den es für eine richtig gute WG-Party braucht. Die Texte sind spitzer als früher und ja: Wir können uns da alle selber ein bisschen an der Nase packen – vom hipsterigen Digital Native bis zum geschäftigen Berater/Kaffeehaussitzer/WLAN-Schnorrer. Ein Spiegel wird einem da vorgehalten und über allem thront die eine große Frage: Was brauchst du wirklich, um glücklich zu sein? Oder, wie es im Pressetext heißt: „Also wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Und wie bezahlen wir morgen eigentlich unsere Miete? Als Gamer oder YouTuber? Eher unwahrscheinlich!“ Deichkind rappen von Fluch und Segen der modernen, digitalen Gesellschaft und auch von unserem Geltungsdrang in letzterer. Deshalb, Freunde: Album anhören, dabei nicht nebenbei auf Facebook und Instagram rummachen und einfach mal ruhig sitzen und lauschen, was die drei einem da sagen. Lacher und auch ein wenig Spott garantiert!

„So ’ne Musik“ und „Denken Sie groß“ sind die zwei Vorab-Singles, die sogar schon Videos bekommen haben. Das eine mit Blinklichtern, Anzügen, die mit Smartphones bestückt sind, und Schwarzlicht, das andere ist eine feine Computerspielerei. Beide Titel sind Programm: So ’ne Musik hört man nicht ganz so oft, weil Deichkind schon wirklich sehr einzigartigen Sound machen, und „Denken Sie groß“ beinhaltet quasi das 1×1 eines manchen Beraters: Demagogen-Gewäsch vom Feinsten à la Klotzen statt Kleckern. „Ein bisschen Größenwahn kann nicht schaden und auf einmal könn‘ Sie fliegen“ – sagt da ja alles und das noch vor einer halben Minute Spielzeit.

So, und dann geht die (Anti-)Social-Media-Offensive der Deichkind-Herren auch schon los: „Like mich am Arsch“ dreht sich um die Likes, die Comments, die Shares, die Instagram-Herzen, die Status-Aktualisierungen – alles, was unser Leben im virtuellen Freundeskreis aller Ebenen eben so beschäftigt. „Klappe zu, Stecker ziehen, raus in die Welt“ wird da gepredigt. So ganz unrecht haben sie natürlich auch nicht. Sind wir mal ehrlich: Die meisten von uns hängen zu viel im Netz rum und vertreiben sich die Zeit mit eigentlich Belanglosem (und da will ich mich selbst keinesfalls ausschließen), obwohl in der „Offline“-Welt so viel mehr, so viel mehr Wichtiges passiert.

Nicht, dass das Hamburger Trio strikte Digital-Abstinenz verordnet, darum geht es gar nicht – es ist Teil ihres Plans, uns einen Spiegel vor die Nase zu halten und unsere tagtäglichen Gewohnheiten zu checken. In die Reihe mit dem vorgehaltenen Spiegel fügt sich „Mehr als lebensgefährlich“ ein: Tagtägliche „Gefahrenfälle“ werden da thematisiert; zu wenig Akkulaufzeit, dass der Postmann nicht zweimal klingelt, dass der Joghurtbecher immer umfällt, wenn man den Löffel reinstellt. Streiche des Universums eben, die so eben einfach nicht bei der Wikipedia erklärt werden und zu denen es kein illustres Facebook-Video gibt. Man vermutet fast, dass der Song von der neuen Spießigkeit, die durch jegliches Hipstertum durchschimmert, handelt. Vielleicht. Möglicherweise. Oder eben auch nicht.

Auch „Powered by Emotion“, ein Song nach einem alten Sat.1-Claim benannt, passt gut in die Reihe mit dem Spiegel. Bis auf den Refrain besteht das Lied nur aus TV-Werbeslogans von den Achtzigern bis heute. Manche kann man sofort einem Produkt zuordnen und das ist irgendwie erschreckend. Elektrobeats und Reime machen die Songs witzig, tanzbar, schnell. Die Texte sind das eher weniger, wenn man sie sich in Ruhe mal durchliest.

„Porzellan und Elefanten“: So klingt ein Liebeslied von Deichkind. Bissl wie Casper an manchen Stellen, im Text werden eigentlich nur Gegensätze aufgezählt, aber die gehören ja auch zusammen. Vogelwild eigentlich, Badewanne & Fön, Michael Douglas & Stau und Schnaps & Job als Wortpaare in einem Liebeslied aufzuführen. Sei’s drum. Der letzte Hipster, der sich durch das Spiegel-Trio noch nicht an der Nase gepackt fühlte, wird das schließlich bei „Der Flohmarkt ruft“ tun. Unterstützung kommt hier von Herrn Spiegelei, der in seinem monotonen Sprechgesang das Grundangebot eines Flohmarkts aufzählt. Und wie man sie vor dem inneren Auge sehen kann, die Käufer und die Verkäufer, die um Vinatge Klamotten, Technik-Gadgets aus den Neunzigern und goldgerahmte Spiegel feilschen. Ich sag‘ nur: 25. April 2015, Theresienwiese München. So ist das da auch, wenn man nicht erst um 13 Uhr hinkommt, glaube ich. Irgendwie schaff ich das aber nie und bin daher kein qualifizierter Flohmarktgänger.

Konsumwut, nächstes Kapitel: „Naschfuchs“. Der Naschfuchs ist schlimm auf Drogen, auf einer der Volksdrogen Nummer 1: Zucker. „Manchmal rast‘ ich aus auf irgendwelchen Parties, dann renn‘ ich in die Küche und ex‘ die Schüssel Smarties“ – so geht das den ganzen Track lang, Strophe um Strophe, Schokoriegel um Schokoriegel. Layout_COVERNWW_offiziel.inddEs wird schlau gereimt, es wird viel mit den Augen gewzinkert – Remmidemmi-Style eben. Und egal, was alle Menschen kaufen können, es gibts was, das nur Deichkind hat: Ferris Hilton. Wenn sie in „Was habt ihr?“ von Bonzen mit schicken Autos und gefüllten Bankkonten, Prestige, Image und Fame erzählen, so haben die eines eben nicht: Ferris, das „wunderschöne Qualitätsprodukt“. Klares 1:0 für Deichind.

Was all dieser Konsum anrichtet, wird in die „Die Welt ist fertig“ beschrieben: „Ein Traum aus Schutt und Asche/ ’ne richtig runde Sache.“ Ganz will man es gar nicht glauben, dass Deichkind so ernst geworden sind. Meinen die das ernst? Oder springen die nur auf den „Back to the Roots“-Zug auf? Man weiß es nicht, denn gekonnt wie kaum andere Künstler lassen sie ihren Texten so viel Interpretationsspielraum wie ihnen die Zuhörer geben wollen. Man sollte sich vielleicht auch nicht so viele Gedanken machen, denn schließlich/endlich/zum Glück/leider werden Deichkind beim Titeltrack wieder gaga: „Niveau Weshalb Warum“. Berechtigte Frage, lass ich mal so stehen.

Vor dem Ausklang mit dem Instrumentalstück „Oma gib Handtasche“ spielen Deichkind dann in „Hauptsache nichts mit Menschen“ nochmals den Rückzugs-Joker aus: „Hauptsache keine Leute/ Hauptsache null Geräusche/ Hauptsache nichts mit Menschen/Hauptsache Kaffee trinken/ Hauptsache Ruhe finden/ Hauptsache nichts mit Menschen“. Stecker aus. Wochenende. Raus. Wir schließen uns an. Für ’ne Stunde.

Das Trio mit Hauptstandort Hamburg ist für ihre einzigartigen Bühnen-Shows bekannt und wir sind schon jetzt gespannt, ob bei der Tour zur Platte sowohl das Fass als auch wieder literweise Jägermeister zum Einsatz kommen und was sie sich alles Neues ausgedacht haben. Und wir freuen uns scheckig, weil sie dann in echt vor uns stehen. So live halt und so. Mit dem Beat nicken, Arsch bewegen – wir haben Bock!

Reime, die sofort im Kopf bleiben, und bei denen ich (laut) gelacht habe:
„Das Niveau heute low.“ aus „Niveau Weshalb Warum“.
„Zu wenig Empfangsbalken in Berlin/ und keine neue Platte von Avril Lavigne. Oh, kaum noch Süßkartoffeln/ LTE schon wieder gedrosselt.“ aus „Mehr als lebensgefährlich“.

„Niveau Weshalb Warum“ von Deichkind erscheint am 30. Januar 2015 beim von der Band eigens gegründeten Label Sultan Günther Music.

Foto: Henning Besser