Eine elegante junge Lady mit Stil und viel Witz: Jessie Ware überzeugte bei ihrem Münchner Konzert mit gefühlvollen Songs und überraschte mit jeder Menge Humor. 

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In Edinburgh habe sie in einem kleinen Club aus Versehen mal jemanden im Publikum in der ersten Reihe angespuckt, erzählt Jessie Ware peinlich berührt. Das sei der Nachteil an solchen intimen Shows. Doch die Vorteile überwiegen ganz klar – vor allem im Fall einer so nahbaren, witzigen Künstlerin.

Im fast ausverkauften Münchner Ampere startete die Britin – nach den letzten zwei Auftritten ihrer UK-Tour in der Brixton Academy in ihrem Londoner Heimatkiez am Wochenende – ihre Kontinentaleuropa-Tour. Im Gepäck hat sie die Songs ihrer beiden bislang veröffentlichten Alben, „Devotion“ (2012) und „Tough Love“ (2014), darunter „Running“, „Cruel“, „Wildest Moments“ und „You And I (Forever)“, das zusammen mit R’n’B-Shootingstar Miguel nach einer Whiskey-trunkenen Nacht entstand.

Eines der Album-Highlights und auch live eine Wucht: „Say You Love“, das sie gemeinsam mit Ed Sheeran schrieb. Nur einen Wunsch kann sie an diesem Abend nicht erfüllen: „Valentine“. Der Song ist ein Duett mit Sampha, der genau wie Jessie Ware zu einer jungen Generation von Soul-Talenten gehört.

Lovely!

Längst ist aus der jungen Nachwuchssängerin, die früher Backing-Vocals für Jack Peñate sang und später Gast-Features für SBTRKT aufnahm, eine strahlende Solo-Künstlerin geworden. Bereits vor zwei Jahren sei sie im Ampere auf der Bühne gestanden, erinnert sich Jessie Ware. Damals war der Club allerdings nicht annähernd so voll. Umso frenetischer wird Jessie Ware dieses Mal vom Münchner Publikum gefeiert.

Neben vielen jüngeren Zuschauern und einigen älteren Semestern dominieren, verteilt auf alle Generationen, verliebte Pärchen. Ganz verzückt zeigt Jessie Ware zwischendurch von der Bühne auf einzelne Paare und schwärmt: „You’re such a lovely couple!“ Die Kernzielgruppe ist klar, denn Jessie Wares Repertoire besteht vorwiegend aus Liedern, in denen es in irgendeiner Form um die Liebe geht.

Die 30-jährige Sängerin, die letztes Jahr geheiratet hat, scheint ihr Glück mit der ganzen Welt teilen zu wollen. Das wirkt zwar manchmal etwas kitschig und ein klein wenig bieder, doch das macht Jessie Ware mit ihrem Humor und ihrer Spontaneität locker wieder weg. Immer wieder pickt sie einzelne Zuschauer heraus, quatscht sie von der Bühne aus an, scherzt mit ihnen. Der Höhepunkt: Sie holt Danny, einen Tänzer, der ihr durch seine Moves aufgefallen ist, zu sich auf die Bühne. Gemeinsam dancen die beiden, angefeuert vom Publikum, ab.

Die tanzbaren Songs sind leider in der Unterzahl. Jessie Ware liefert eher elegante Schunkelmusik. Warme, soulige Melodien, verpackt in elektronische Arrangements, die in ihren besten Momenten mit basslastigem Drum’n’Bass-Wumms daherkommen. Immerhin: Live kommen einige der Songs lebendiger daher als auf der recht glatt produzierten Platte. An Sade, mit der Jessie Ware immer wieder verglichen wird, erinnert höchstens ihr 80s-inspiriertes schwarzes Sakko. Live wird sie von einem Gitarristen, einem Drummer, einem Keyboarder und einem Bassisten unterstützt.

Es herrscht eine ungezwungene, familäre Atmosphäre. Da spielt Jessie Ware auch mal die große Schwester, die zwei euphorischen Teenagern in der ersten Reihe mit einem Augenzwinkern die Handys wegnimmt und diese bis auf Weiteres auf der Bühne deponiert. Auf die Frage eines Fans, ob sie schwanger sei, reagiert sie mit einem charmant-trotzigen „… and now get the fuck out of my show“ (Schuld war nur der Vollmond). Niemand ist ihr böse. Nach eineinviertel Stunden ist dann Schluss. Zugaben gibt es bei Jessie Ware nicht. Eine Dame mit Stil weiß eben, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um sich dezent zurückzuziehen. Über Twitter sagt sie nochmals danke: „Thank you Munich. What a hoot!“

Am 3. Februar spielt Jessie Ware im Mojo Club in Hamburg, am 6. Februar ist sie im Berliner Astra Kulturhaus zu Gast.

Foto: Universal Music