Achtung, es gibt Zuwachs im Kabinett der schrägen Vögel! Singer-Songwriter, DIY-Meister, Labelchef und Produzent Jeff Rosenstock aus Long Island. Der Typ ist krass. Wer sich für gut gemachte, witzige, gern auch etwas gestörte Musik abseits des Mainstream interessiert, der sollte sich diesen Herren unbedingt mal anhören. Im März erscheint bereits sein zweites Soloalbum. Aber Rosenstock tanzt schon immer gern und ausdauernd auf vielen Hochzeiten. Gut zehn Jahre treibt der Tausendsassa bereits sein Unwesen und ist erstaunlicherweise erst vor gut drei Wochen auf meiner Bildfläche aufgetaucht. Es gibt also einiges an Material zu entdecken.

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Jeff Rosenstock war Leadsänger bei The Arrogant Sons Of Bitches und dem Kollektiv Bomb The Music Industry!. Von beiden hab ich, ich gebe es zu, in meinem Leben noch nichts gehört, aber es ist ja nie zu spät! Deswegen lasst euch sagen, vor allem letztere sind ein echter Tip, falls sie bisher ebenfalls an euch vorbeigegangen sind. Rosenstock singt und spielt Saxofon in diesem musikalisch rechtsfreien Raum aus Punk, Ska und Hardcore – kurz Ska-Core. Die absolute Härte und ein großer, großer Spaß! Die Band war darüber hinaus einer der Wegbereiter des DIY-Gedankens und des Prinzips „Zahl einfach was du kannst oder dir unsere Musik wert ist!“. Irgendwie haben sie es aber trotz dieser antikapitalistischen Maxime – die wir hier eher aus Berliner Anarcho-Cafés kennen – geschafft, um den Globus zu touren und auf ihren Live-Shows Horden musikbegeisterter Weirdos um sich zu scharen.

Bomb The Music Industry! sind leider Geschichte, aber es gibt da wohl noch die Band Kudrow, in der er u.a. mit Mike Campbell von Latterman musizieren soll. (Kudrow? Lisa Kudrow? Die fabelhafte Phoebe aus Friends? Die mit Songs über Stromausfälle in New York City, das wiederholte Einseifen beim Duschen oder miefende Katzen? Wenn da auch nur die geringste Verbindung besteht, haben sie einen neuen Fan. Ungehört.)

Parallel treibt er sich auch immer wieder in kuriosen Nebenprojekten wie Antarctigo Vespucci (O-Ton auf seiner Lableseite: „I’m not sure what Antarctigo Vespucci is.“) oder einer gewissen The Bruce Lee Band rum. Oder er hilft bei anderen Bands aus, bei Andrew Jackson Jihad zum Beispiel. Oder er zieht was mit seiner Bomb The Music Industry! Kollegin Laura Stevenson auf (die ist übrigens ziemlich super und hat vor geraumer Zeit schonmal hier bei den Girls With Guitars Erwähnung gefunden).

Als alter Verfechter des DIY-Gedankens hat Jeff Rosenstock dann auch gleich noch sein eigenes Label namens Quote Unquote Records am Start und weil er damit noch nicht ausgelastet ist, verdingt er sich als Produzent. Zuletzt hat er mit „Throw Me In The River“ die großartige neue Scheibe der Australier The Smith Street Band produziert. (Wer die nicht kennt, möge sie auschecken.)

J_Rosenstock_WeCool?Seit 2012 ist er also auch noch solo unterwegs. Nach dem Debutalbum „I Look Like Shit“ (2012) ist für Anfang März der Nachfolger „We Cool?“ angekündigt.
Der erscheint jedoch nicht auf seinem eignen Label sondern via Side One Dummy Records. Dort wird die frohe Kunde schon gehörig zelebriert mit völlig verschärften Pre-Order Paketen. So gibt es z.B. das „Super Cool Bundle“ oder das „Robenstock Bundle“. Bei dem kann man sich zusätzlich zur Platte in wunderschönem farbigen Vinyl auch noch einen limitierten royalblauen Bademantel oder einen Eisbär-Teddy (?) in den Warenkorb packen. Marketingmäßig waren hier keine Pfeifen am Start. Auch nicht bei den Werbe-Texten: „Picture yourself in this elegant robe, listening to this new Jeff LP and just feeling fancy as f***.“
Doch auch an uns versandkostengebeutelte Festlandeuropäer wird gedacht. Aktuell kann bereits bequem und geldbörsenschonend bei Finest Vinyl vorbestellt werden.

Mit seiner ersten Solo-Scheibe hat er schon gezeigt, dass er immer noch eine große Bandbreite kann. Es geht von Woooohoooohoooo-umsäumten Ohrwürmern wie „The Trash The Trash The Trash“ oder „Little Blue Pills“, dem Retro-angehauchten „80ies Through the 50ies“, über die liebenswürdig-schräge Herzschmerzballade „The Internet Is Everywhere“ bis zu knackigen Punkrock-Krachern wie „I Don’t Wanna Die“ (singt er da auf japanisch???). Irgendwo zwischen Joey Cape, Weezer und einem völlig durchgedrehten Ben Folds (ohne Klavier dafür immer wieder mal mit Orgel) in seiner NOFX Phase. Kein Song ähnelt dem anderen und doch macht das alles auf merkwürdige Art und Weise ganz viel Sinn. Ich bin jetzt schon großer Fan.

Die erste Single aus dem kommenden Zweitwerk heißt nun „Nausea“. Im Video dazu macht Rosenstock den Alleinunterhalter, kotzt Konfetti, zettelt eine Massenmesserstecherei im Publikum an und versorgt dies anschließend mit im Torso warmgehaltenen Tacos. Genauso und nicht anders.

Im ersten Durchlauf klingt „We Cool?“ ganz nach ihm, vielleicht ein bisschen aufgeräumter als sein Vorgänger, dabei aber ganz schön fett. Ich muss das jetzt erstmal zwei, drei Wochen wirken lassen, und dann sehen wir uns pünktlich zum Albumrelease mit einer eingehenden Betrachtung hier wieder. Bis dahin pust ich mir die Ohren regelmäßig mit dem atemlosen „Hey Allison“ durch – besser als jeder lausige Energy-Drink, dieser Song – und such mir ein fetziges Taco-Rezept.

Hört ihr euch doch schonmal seine alten Sachen an, ziemlich sicher geht es euch innerhalb kürzester Zeit wie mir, und seine Musik fühlt sich an, als wär sie schon immer da gewesen. Eigentlich jedesmal das beste Zeichen für den Beginn einer langen musikalischen Freundschaft.

 

„We Cool?“ von Jeff Rosenstock erscheint am 6. März 2015 bei Side One Dummy Records. 

Fotos: PR