Die erste ganz große Heavy-Rotation-Platte des noch jungen Jahres ist gefunden. Wir haben es ja kürzlich schon mal angemerkt, The Districts muss man im Auge behalten, denn sie haben definitiv das Zeug zu unserer und eurer potentiellen neuen Lieblingsband. Jetzt ist nach zwei extrem vielversprechenden Vorboten endlich das komplette neue Album draußen und das ist ohne Frage ein ganz starkes Stück Musik. Wie der „Birdman“ des frühen Filmjahres legt „A Flourish and A Spoil“ die Latte für das Musikjahr 2015 schon mal auf ambitionierte Höhe.

slide_districtsAuf der Insel ist man ja immer ganz weit vorne mit enthusiastischen Huldigungen und so verwundert es auch nicht, dass alle namhaften Musik-Institutionen von der BBC bis zum NME bereits Kopf stehen und Krönchen und Zepter für die Adelung des Quartetts aus Lititz, Pennsylvania bereit halten. Das Gehype kann ich wirklich nicht immer nachvollziehen, aber bei den Kerlen hier schließe ich mich durchaus mal uneingeschränkt an. Schon ihre BBC Session aus dem letzten Jahr war der Hammer. Die Performance von vier Songs ihrer 2014er EP gibts bei iTunes und Spotify. (Wenn ihr da schon seid, könnt ihr auch gleich noch mit ihrer Spotify Session vom letztjährigen SXSW Festival weitermachen.)

Auch die französischen Kollegen sind ihnen schon verfallen. Die Musikliebhaber bei La Blogothèque, die uns seit Jahren regelmäßig mit wunderbar produzierten Live-Kleinoden wie den Concerts À Emporter – besser bekannt als die Take Away Shows – versorgen, haben ihnen schon eine Ausgabe gewidmet.

cover_districtsThe Districts klingen ein bisschen nach den frühen Strokes, aber das ist nur der oberflächliche erste Eindruck. Ihr Sound ist ein Gebräu aus vielen Stilen und Einflüssen und dabei doch ziemlich markant. Rock, Americana, Folk, Blues und gehörig Schrammelgitarre. An den Sound von The Walkmen erinnert das streckenweise auch, oder an die White Rabbits. Mal spürt man die fesselnde Energie des Punk, dann wirds wieder fast klassisch folkig und immer gibt’s eine gute Portion aus der Vintage-Kanne. Das Gesamtwerk klingt dann gleichzeitig frisch und unverbraucht aber auch im positiven Sinne leicht abgerissen. Bloß nicht zu schön, zu glatt, zu überlegt oder zu angepasst. Lieber zu roh, als zu durch und eine Runde zuviel Geknarze als zu wenig, ist die Devise. Hier sind ja schließlich fast noch Schüler am Werk, darf also auch gerne ein bisschen widerspenstig daherkommen.

Das verblüffende ist in der Tat, wie jung diese Band ist! Man könnte jetzt wieder damit anfangen, dass man sich ja ach so alt fühlt, wenn man diesen Burschen zuhört, die gerade Mal ihre Zwanziger erreicht haben (Sänger Rob Grote ist Jahrgang 1995!), wenn es nicht so überflüssig wäre. Ist doch komplett egal, wie alt oder jung eine Band ist, solange die Musik sich richtig anfühlt. Das hier klingt verdammt richtig. Keine Ahnung, wo die Vier das hernehmen. Substanz, Intensität und Abgeklärtheit haben diese Jungspunde schon wie die Großen.

Man möchte allen Kids die One Direction, Ariana Grande, Bieber und Co. für das Non Plus Ultra jugendlichen Musikschaffens halten, ihre iPhones wegnehmen und sie mal eine große Pause lang mit diesem Album zwangsbeschallen. Bringt wahrscheinlich nur leider nix und könnte vielleicht sogar gefährlich werden. So eine Bandbreite in einem Album haben die womöglich über ihre komplette MP3 Sammlung noch nicht gehört und bei dem klinisch produzierten Mist, den sich die kleinen, verlorenen Seelen regelmäßig durch die Kopfhörer jagen, schnalzen bei diesem ehrlichen, energischen Sound am Ende noch ein paar Synapsen durch. Müssen halt wir Ü-30er wiedermal die Fahne hochhalten.

Zehn Songs haben The Districts auf „A Flourish and A Spoil“ in petto, die einen sofort am Schlafittchen packen. Von kompakten zweieinhalb Minuten bis zu ausladenden achteinhalb ist alles dabei.
„4th and Roebling“ ist als Opener eine ganz schöne Ansage. An den Anfang eines Albums einen Track zu packen, der das Volk mal von o auf 100 gesammelt auf die Tanzfläche treibt, ist auch ein Ansatz. Dort angekommen machen sich Hände und Füße in Klatsch- und Stampfmission schneller selbstständig, als der Kopf hinterherkommt. Aber wenn der dann einsteigt, darf hingebungsvoll das Haupthaar geschüttelt werden. Das Ding hier peitscht mal gleich ohne Wenn und Aber nach vorne. Auch live dürfte das eine ziemliche Schau werden.

Mit „Peaches“ geht’s tiptop weiter, vom energischen Ausdruckstanz zu lässigem Schwofen. Oder direkt ins Auto, Scheibe runter – noch besser Dach auf – Fahrtwind rein und ziellos cruisen. Wenns halt nur schon wärmer wär. Dieser Ohrwurm bleibt aber ohnehin problemlos bis zum Sommer, soviel steht fest. Vielleicht klärt sich bis dahin auch, was es mit der dubiosen Anfangszeile „I don’t wanna hear about the Peaches in the Vatican“ auf sich hat. Zu „Chlorine“ könnte man dann wunderbar angetrunken einen leicht rotzigen Schieber hinlegen. Der ganz große Auftritt! Es gibt eh viel zu wenig Dramatik auf Parties… Diese drei Songs, von denen die ersten beiden schon geraume Zeit rumschwirren, geben wirklich ein saustarkes Einstiegs-Trio ab. Und auch der Rest muss sich wirklich nicht verstecken.

Die reduzierte Akustik-Nummer „Suburban Smell“ zum Beispiel und das wohlig-düstere „Bold“ oder das relaxt-beschwingte „Heavy Begs“. Und dann noch dieses grande Finale. Das sich bis knapp unter die 9 Minuten Marke entfaltende und virtuos ausufernde „Young Blood“ ist wohl ihr Meisterstück auf dem Album und hat durchaus die Kraft einem mal kurz die Kinnlade runter zu klappen. Ihm folgt das bittersüße Schlusslicht „6AM“. Dessen so schlichter wie starker Melodie hätte für meinen Geschmack eine etwas weniger kratzig abgemischte Stimme gutgetan. Das ist Lo-Fi to the Max, das klingt schon ganz schön kaputt. Aber vielleicht hat man hier am Ende bewusst nochmal das Stilmittel auf die Spitze getrieben. Klingt der Song halt jetzt schon so, als hätte er seinen 500sten Durchlauf auf Vinyl schon lange hinter sich. So oder so ein weiteres Highlight dieser durchweg gelungenen Platte.

Wenn eine so junge Band solch eine Debut-LP abliefert, dann darf man zweifellos noch einiges erwarten. Gebt dem Nachwuchs eine Chance und lauscht diesem sehr, sehr feinen Album. Wer dann auf den Geschmack kommt, hat im April die Chance The Districts, denen übrigens ein Ruf als exzellente Live-Band vorauseilt, auf der Bühne zu sehen. Pflichttermine, würd ich sagen. München, wir sehen uns im Strom!

The Districts Tour 2015:

11. April- Luxor – Köln
13. April- Übel & Gefährlich – Hamburg
16. April- Lido- Berlin
17. April- B72 – Wien
18. April- Strom – München
20. April- Hafenkneipe – Zürich
23. April- Zoom – Frankfurt

„A Flourish and A Spoil“ ist am 6.2.2105 bei PIAS/Fat Possum/Rough Trade erschienen.