Wir drei gehen übers Jahr auf verdammt viele Shows. Die Konzerte, auf denen wir aber als komplettes Trio vertreten sind, lassen sich trotzdem meist an einer Hand abzählen. Gestern war aber mal wieder ein so denkwürdiger Abend und der mehr als feierliche Anlass war die durchaus mit Spannung und Vorfreude erwartete erste Münchner Headliner Show von alt-J.

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Im ausverkauften Zenith wurde am Dienstag zur Abendmesse geladen. Und zu was für einer! Diese Show war ein Spektakel. Eine kurze Huldigung in drei Akten.

Ursi
Ich gebe zu, ich hatte Angst: alt-Js Elektro-Gefrickel im Zenith? Kann nach hinten losgehen. Um 21.30 Uhr wurde ich aber eines Besseren belehrt: Zu den Eröffnungstakten von „Hunger of the Pine“, der ersten Single des aktuellen Albums „This Is All Yours“, stimmt sowohl der Sound als auch alles drumherum. Rotes Licht pulsiert im Takt und dann sind sie da: die Kunststudenten. Eine überragende Lichtshow begleitete uns durch das Konzert der jungen Briten aus Leeds. Der absolute Wahnsinn. LEDs, wohin man nur blickt, unfassbar gut abgestimmt. Eine Stunde Konzert + Zugabe ließen keine Wünsche offen. „Hunger Of The Pine“, „Every Other Freckle“, „Fitzpleasure“ – sie alle klangen verdammt großartig. „The Gospel of John Hurt“ und „Warm Foothills“ waren live so fantastisch, dass ich diesen Abend sehr lange in sehr guter Erinnerung behalten werde. Die tanzbaren Tracks der ersten Platte und die viel ruhigeren des Zweitlings ergaben eine perfekte Mischung für einen perfekten Kehraus-Abend. Dass am Schluss wirklich noch „Lovely Day“ gespielt wurde und als allerletzter Song „Breezeblocks“ hat mich auch mit den vereinzelten Faschingsleichen, die weder ihre Stimme noch ihre Bierbecher oder ihren Gang unter Kontrolle hatten, versöhnt. Wahnsinnskonzert, Wahnsinnsband, Wahnsinnsalben – ’nuff said.


Kerstin
Vorweg, ich möchte diesmal niemanden, wirklich niemanden hören, der wieder über den miesen Sound im Zenith heult. Der Sound war gestern Abend astrein.
Wo das geklärt wäre, muss man ein paar huldigende Worte über dieses wirklich fantastische Konzert verlieren. Wer auf nur zwei Alben so ausnahmslos starkes Material hat, der kann eigentlich gar nicht viel falsch machen, und dennoch gehört zu einer gelungenen, zu einer herausragenden Show immer noch ein bisschen mehr. 2013 in Lissabon spielten sie den Support Slot auf der Zeltbühne, und schon da machten sie ihre Sache verdammt gut. Auch wenn das Münchner Publikum nicht mit den leidenschaftlich ausrastenden und beängstigend textsicheren Festivaljüngern mithalten konnte (Portugal war damals gefühlt im kollektiven alt-J-Rausch), das Konzert gestern war das bessere. Das phänomenale zweite Album und eineinhalb Jahre mehr Bühnenerfahrung machen dann vielleicht doch den Unterschied.

art_altj_liveGestern passte einfach alles zusammen. Eine Batterie an Killersongs wurde in eine wirklich clevere Setlist gepackt (über „Bloodflood“ und „Bloodflood pt. II“ als Duo hab ich mich sehr gefreut), der Sound dazu war fett, was diese Band braucht und die Songs verdient haben und das Licht absolut grandios. Eine Intensität und Athmosphäre, wie man sie nicht alle Tage erlebt, und die auch heute noch nachwirkt. Ich hatte permanente Gänsehaut unter meinen vier Schichten (das alte Zenith Garderobenproblem). Wer braucht Gottesdienste, wenn es solche musikalischen Messen gibt?
Ich hoffe sie bekommen beim diesjährigen NOS Alive Festival den Co-Headliner Posten auf der Hauptbühne, oder besser noch den nach dem Headliner. Ich kann mir aktuell keine Band vorstellen, die besser auf eine Festivalbühne unter den nächtlichen Sternenhimmel passt. Hier glüht dann selbst nach einem langen, heißen und anstrengenden Tag auch nach Mitternacht noch jede Faser vor Euphorie.

Renzo
Mit Portugal konnte München zwar nicht mithalten, aber immerhin waren wir laut Band cooler als Paris! Oh la la! Tatsächlich feierte das Münchner Publikum die vier Briten wie kleine Rockstars. Kein Wunder, seit Herbst, als das zweite Album „This Is All Yours“ der artsyfartsy Indie-Rocker erschien, warteten wir gespannt auf die Live-Umsetzung des fabelhaften Materials. Vom Opener „Hunger Of The Pine“ (den ich trotz übelster Verspätung und verpeilter U-Bahn-Fahrt gerade noch mitbekam) über „Matilda“ bis hin zum Bill-Withers-Cover „Lovely Day“ überzeugten alt-J mit einem gelungenen Set – nur auf das Blockflöten-Intermezzo mussten wir verzichten. Mit ihrer Lichtshow brauchten sich alt-J nicht hinter internationalen Größen zu verstecken. Der ein oder andere wünschte sich vielleicht ein wenig mehr Interaktion, aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Und schließlich sollen sie nicht schwafeln, sondern uns mit ihren großartigen Songs beglücken.

 

Wir drei sind auch heute noch ganz beseelt im alt-J Modus und freuen uns auf unser nächstes Konzerterlebnis als Trio. Bis dahin geht unsere gesammelte Dankbarkeit für gestern an drei Kunststudenten aus Leeds. Jungs, This is all Yours!

 

Fotos: Gabriel Green (Bandfoto), themusicminutes/Ursi (Live-Foto)