Heute Nacht werden in L.A. zum 87. Mal die Oscars verliehen. Unter den acht Anwärtern für den besten Film des Jahres ist auch Whiplash. Ein Musikfilm, Anti-Blockbuster, eine Indie-Perle und einer der „kleinsten“ Filme, die jemals in der Königsklasse nominiert waren. Vor seinen Konkurrenten muss er sich aber keinesfalls verstecken. Ein kurzer Filmtip.

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Fast hätte es Whiplash in dieser Form gar nicht gegeben. Dem Drehbuchautor und Regisseur fehlten die finanziellen Mittel für die Spielfilmlänge und so reichte er ihn vorab als Kurzfilm beim Sundance Festival ein. Die Begeisterung ließ nicht lange auf sich warten und ihr folgte das nötige Geld für eine Langversion. Diese wird nun ziemlich sicher keine Einspielrekorde brechen, schließlich ist es immer noch ein Nischen-Film. Aber zum Glück kommt es eben nicht immer auf den finanziellen Erfolg an, und so steht dieses elektrisierende Spielfilmdebüt des 30-Jährigen Damien Chazelle unter anderem neben Wes Andersons irrwitzig charmantem Historien-Märchen The Grand Budapest Hotel, Alejandro G. Iñárritus fabelhaftem One-Take Kammerspiel  Birdman oder Clint Eastwoods kontroversem Scharfschützen-Drama American Sniper. Letzteres hat, nur zum Vergleich, bisher in etwa das Dreißigfache von Whiplash eingespielt.

Whiplash ist einer der besten Musikfilme, die ich bisher gesehen habe. Chazelle, der selbst eine Vergangeheit als Jazz-Drummer hat, schafft hier eine Tour de Force von einem Kinofilm. Präzise und brachial, intensiv und atemlos.

Der 19jährige Andrew Neiman studiert Jazz-Schlagzeug am fiktiven Shaffer Conservatory of Music, der besten Musikschule der USA. In seiner Familie kann man damit eher wenig anfangen, die „Ohhs und Ahhs“ beim Abendessen erntet stattdessen der Cousin, ein  All-American Boy mit einer Drittliga-Footballkarriere.
Umso trotziger verschreibt sich Andrew seinem Ziel mit Haut und Haaren, er will einer der ganz Großen werden. Wer in einer Rockband endet, hat verloren. Freunde hat er nicht, Freundin braucht er nicht. Dann regt sich auch keiner auf, wenn er gleich mit Matratze und Zahnbürste in sein isoliertes Drum-Kammerl zieht. Alles für die Sache! Seinen Meister findet er in Ensembleleiter Terence Fletcher. In dessen Studioband aufgenommen zu werden, und vor allem drin zu bleiben, ist das Non plus Ultra, gleichzeitig aber ein recht ambivalentes Vergnügen. Fletchers brutale Methoden und seine zweifelhafte Ideologie erinnern einen eher an Full Metal Jacket als an die kultivierte Atmosphäre eines elitären Musik-Instituts. Der manische Lehrer/Dirigent/Bandleader treibt seine Schützlinge mit einem Hardcore-Drill zu Höchstleistungen an, es kommt zu Demütigungen im Minutentakt. Aber bei psychischen Übergriffen bleibt es nicht. Da rumpelt schonmal ein Stuhl Richtung Drum-Set. Charlie Parker habe den alles entscheidenden Weckruf schließlich auch erst gehört, als man mal ein Becken nach ihm geworfen hätte.

Whiplash_posterJ. K. Simmons als der sich durch jede Bandprobe berserkende Fletcher und Miles Teller als sein vermeintlich zart-besaiteter Schützling Neiman tragen diesen Film quasi alleine. Beide spielen virtuos. Der 26jährige Teller, der am Schlagzeug sitzt seit er 15 ist, hat sich für diesen Film ein extra hartes Training auferlegt um glaubhaft den genialen Jazz-Drummer geben zu können (ja, der trommelt hier wirklich so gut wie alles selbst!), und was Simmons da abliefert, spottet streckenweise jeglicher Beschreibung. Man hofft, es möge auf der ganzen Welt kein derart psychopatischer Coach auf Schüler losgelassen werden, doch für diese Geschichte ist er ein Volltreffer. Und wenn man dann Teller zusieht, wie er am Rande des Nervenzusammenbruchs und kurz vor (ehrlicherweise zum Teil auch nach) dem  körperlichen Kollaps auf seine Felle eindrischt, ertappt man sich durchaus mal bei der Frage, wofür man selbst jemals auch nur ansatzweise derart kompromisslos geschuftet und gelitten hat.

Wie technisch akurat der Film geraten ist, kann ich als Nicht-Musiker nicht beurteilen. Auch nicht, ob man wirklich so drastisch jedes Drum-Kit vollbluten muss. Aber das tut für mich der Stimmigkeit und Faszination dieses Gesamtwerks keinen Abbruch. Wenn es ein Schlagzeug-Solo schafft, mich auf die Kante meines Kinosessels zu treiben als wäre es der finale Showdown eines Psyhothrillers, dann ist das Kino, wie es sein soll.

Whiplash ist stylish, smart und absolut fesselnd. Neben den Leistungen der Darsteller glänzen vor allem die Kamera, der Schnitt und der Sound. Die treibenden Big Band Stücke, die ausufernden Drum-Soli, der ganze Vibe des Films und seine Energie packen einen bei jeder Faser. Ich pfeife immer noch das prägnante Bläser-Staccato, mit dem das titelgebende Musikstück „Whiplash“ startet und hab zuhause sofort das Fach mit den Jazzplatten ausgeräumt und Miles Davis, Herbie Hancock und Duke Ellington sind zurück in der Heavy Rotation.

Whiplash ist ein furioser Film. Hier wird an und über Grenzen gegangen. Auch für den Zuschauer. Ein Musikfilm, der eher an einen Kriegsfilm erinnert – das war Chazelles Ansatz. Einer, der dabei aber trotzdem frenetisch die Musik feiert und die damit verbundene Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die im Fall von Andrew Neiman auch Leiden schafft. Aber er will es so und wir sehen ihm verdammt gern dabei zu.

Whiplash ist seit dem 19.2.2105 in den deutschen Kinos zu sehen.

Fotos: PR