Wenn es eine Band gibt, um die man dieses Frühjahr nicht herumkommt, dann sie: Bilderbuch. Diesen Freitag erscheint endlich das lang erwartete Album „Schick Schock“. Wie klingt’s? Wild und retro, feucht und heiß, nach Goldkettchen und Hawaiihemd, schmierig und fetzig.

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Die Kombo um Maurice Ernst aus dem benachbarten Österreich ist im Moment der „heiße Scheiß“: Ähnlich wie ihre Kollegen von Wanda bringen sie ganz Musik-Deutschland in Verzückung. Es gibt keine Zeitung, kein Medium, keinen Radiosender, einfach keinen, der sich gerade bei „Schick Schock“ nicht überschlägt. Dass Bilderbuch das, was sie machen, schon seit inzwischen drei Alben bzw. zehn Jahren machen oder seit 2013 auf heavy Dauerrotation bei FM4 und PULS laufen, vergaßen anscheinend viele. Aber wieso hat das denn eigentlich jetzt so lange gedauert mit der Platte, die EP „Feinste Seide“ ist ja auch schon über ein Jahr alt? Ganz einfach, Bilderbuch waren zu viel unterwegs, spielten konstant Konzerte. Von Chemnitz nach St. Gallen und weiter nach Wien – so sah letzten Juni ein ganz normales Wochenende für die Burschen aus.

art_bilderbuchEs fällt nicht leicht, eine deutschsprachige Band aus Österreich nicht sofort in die Austropop-Schublade zu stecken. Oft passt es aber einfach auch – zumindest, wenn man die Größen des Genres in Betracht zieht. Allerdings war Falco dann vor 15 Jahren nach seiner peinlichen „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“-Nummer ebenso verpönt wie Skihütt’n-Hits. Was Österreicher allerdings seit 1994 in der Anarcho-Sendung „Projekt X“ im staatlichen Fernsehen bewiesen haben, ist eins: Sie nehmen sich selber nicht ganz so ernst und verarschen können sie sich bittesehr immer noch selber am besten. Wie erfrischend! Der Schmäh hat also alle Après-Ski-Hits überlebt und von dem haben unsere Alpennachbarn am meisten für sich selber übrig. Gut so, denn genau damit spielen sich Bilderbuch mitten in jedermanns Herz.

Sie benutzen Beats wie Kanye West, Sänger und Bandleader Maurice kann sich wie seinerzeit Falco Mitte der Achtziger bewegen und artikulieren und sie singen wie Prince von – Sex. Daran erfreuen sich alle Medien: Dass mit dem Lamborghini aus dem „Maschin“-Video ganz klar etwas anderes gemeint sei. Dass die Zeile „Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal“ das Wildeste seit – ja, seit wann? – sei. Ich verstehe diese Aufregung nicht. Bilderbuch sind junge Kerle, die natürlich konstant an Sex denken. Würden sie auf englisch singen, wäre nur keinem aufgefallen, dass ihre Texte auf einer Skala von 1 bis 10 durchaus 15 auf der Sexyness-Skala erreichen können. Und dann auch noch der Beat wie in „Plansch“ – 50Cent wünscht sich den auch, um wieder einen Hit à la „Candy Shop“ zu landen. Man hört Bilderbuch ihre Verehrung für Hip Hop, Autotune-Meister Kanye West und auch den immer währenden Falco an und doch machen sie was ganz Neues. Was Großes.

Aber lauschen wir mal genauer: „Willkommen im Dschungel“ ist Bilderbuchs Einladung und Türöffner zu ihrer ganz eigenen Welt. Da wird nach Drinks gefragt, da werden schräge Reime gezogen, da geht alles – auch die Gitarre im „Big in Japan“-Style von Alphaville. Unter die neuen Tracks des Album mischen sich inzwischen Altbekannte: „Feinste Seide“, „Maschin“, „OM“, „Spliff“ und „Plansch“.

Der titelgebende Track des Albums mischt in purer Retro-Manier Gitarren, die George Michaels „Faith“ und Falcos „Jeannie“  entsprungen sein könnten. „Softdrink“, live ein Hammersong, ist ein Liebeslied. Cola, Fanta, Sprite, SevenUp und Pepsi stehen hier für ein ganz anderes Prickeln auf der Haut als das von pappig-süßen Getränken mit Kohlensäure. „Barry Manilow“, der von der Copa Cabana, gleicht einem  Feuerwerk von E-Gitarre, Autotune und Ernsts Falsett. Die vogelwildeste Nummer aus „Schick Schock“ ist „Gigolo“; nicht nur wegen der Lyrics, sondern auch wegen der eingesetzten Synthie-Sounds, die klingen wie auf dem Casio-Keyboard meiner Kindheit. Hätte sich vor ein paar Jahren oder auch bis gestern kein Mensch getraut, Bilderbuch machen das halt einfach.

art_bilderbuchErnsts Falsett-Stimme, die manchmal nur sehr punktuell eingesetzte E-Gitarre, der meist sehr dominante Beat und natürlich die Texte, bei denen man besser zweimal hinhört, machen all diese Songs aus. Rundum rundes Ding, dieses „Schick Schock“, das die bisher bekannten Lieder, immer noch die Bringer der Platte, schlau streut. Dass sich gerade alle an den Songtexten und Videos der „Feinste Seide“-EP aus dem Jahr 2013 ergötzen, bleibt mir deshalb ein Rätsel. Hatte doch damals schon die Süddeutsche Zeitung über „Maschin“ geschrieben: „…wenn der Pop so gut ist, wie er es nur selten sein kann: Es fehlen die Worte, um dies zu beschreiben.“

Der Trick von „Schick Schock“ ist, dass bei aller Sex-Thematik, an der sich viele aufhängen, manches Medium den Ösi-Schmäh vergisst und genau den muss man verstehen können. Selbstironie wird hier Gott sei Dank immer noch groß geschrieben – sei es bei dem Lambo aus dem „Maschin“-Video oder dem Text von „Gigolo“. Schlaue Lyrics werden in einer Klarsichtfolie aus Ironie und eben Schmäh verpackt, es wird aufgeplustert, es wird präsentiert. Und das ist vollkommen okay. Und bei Bilderbuch außerordentlich und verdammt gut so. Go Bilderbuch! Go Austria!

An dieser Stelle möchte ich auch jedem Nicht-Österreicher dringend davon abraten, so zu tun als hätte er den Ösi-Zungenschlag voll gut drauf (ich bezweifle es).

PS: Bilderbuch. Danke, nicht nur für das Album, den Schmäh und den Sex, sondern auch für das „Rum-Kokos“ in „OM“. Die legendärste aller Casali-Süßigkeiten.

„Schick Schock“ von Bilderbuch erscheint am 27. Februar bei Maschin Records. Bilderbuch kommen auch auf Tour. Geht hin, wo es noch Karten gibt!

Fotos: PR (2), Daliah Spiegel