Ok ok, einige von ihnen sind keine völlig Unbekannten mehr. Dennoch wollen wir euch unseren Überblick über die vielversprechendsten Newcomer 2015 nicht vorenthalten. Auch dieses Jahr stehen wieder unzählige junge Musiker in den Startlöchern. Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten und unter den Millionen von verfügbaren Songs die Perlen zu entdecken. Wir haben gebuddelt, gegraben und geschürft und präsentieren Euch eine Auswahl der spannendsten Nachwuchstalente 2015.

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Er war der Star der diesjährigen Grammy-Verleihung. Sam Smith sahnte für sein Debütalbum „In The Lonely Hour“ vier der begehrten Musikauszeichnungen ab. Dabei war der unscheinbare, brav wirkende Brite vor einem Jahr noch ein unbekannter Nachwuchssänger. Die BBC kürte ihn damals zum vielversprechendsten Newcomer 2014.

Auch dieses Jahr fragte die britische Rundfunkanstalt über 130 Musikexperten nach den aussichtsreichsten jungen Musikern. Das Rennen machten Years & Years. Das Trio aus London kombiniert die beiden dominanten musikalischen Strömungen der letzten Monate: an 90s-R’n’B orientierte Melodien, dazu treibende House-Beats. Das Resultat ist eleganter Dance-Pop, der sowohl in den Clubs als auch im Radio bestens funktioniert. Mit ihrer Single „Desire“ schafften sie es sogar auf Platz 22 der britischen Charts. Getragen werden die Songs von der zerbrechlichen Stimme von Olly Alexander, der ursprünglich eine Karriere als Schauspieler anstrebte und bereits mit Judi Dench und Ben Whishaw auf der Theaterbühne stand.

James Bay dagegen setzt auf simplen Folk. Ihm wird ebenfalls eine fabelhafte Zukunft vorhergesagt. Der britische Singer/Songwriter mit der leicht kratzigen, eindringlichen Stimme landete bei der BBC-Prognose hinter Years & Years und wurde darüber hinaus bei den Brit Awards zum vielversprechendsten Nachwuchskünstler gekürt. Im Herbst vergangenen Jahres war James Bay in den BBC-Studios zu Gast, wo er kurzerhand für Lana del Rey einsprang. Nach seiner Session war sein Song „Let It Go“ auf Platz eins der Charts des Musikerkennungsdienstes Shazam. Drei EPs hat er bislang veröffentlicht, für März ist sein Debütalbum „Chaos And The Calm“ angekündigt. Die Vorab-Single „Hold Back The River“ trifft mitten ins Herz und dürfte nicht nur Indie-Fans, sondern auch Mainstream-Radiohörer glücklich machen.

Doch der Spitzenplatz von so genannten Hotlists, die jährlich von Blogs und Branchenkennern erstellt werden, oder eine von Künstlerin Tracey Emin entworfene Statue machen noch längst keinen Star. Hinter dem Erfolg von jungen Sängern wie Sam Smith stecken kompetente Köpfe, Teams aus Kreativen und Kennern. Obwohl immer wieder für tot erklärt, sind Musiklabels beim Aufbau langfristiger Karrieren angesichts der unzähligen digitalen Möglichkeiten wichtiger denn je. Sie halten den Künstlern nicht nur den Rücken frei, sondern dienen in einer Zeit, in der Musikfans täglich die Auswahl zwischen Millionen von Songs haben, als Orientierungshilfe.

Das geschmackssichere Londoner Label XL Recordings zum Beispiel, das bereits Adele zum globalen Superstar machte und in jüngster Zeit FKA Twigs hervorbrachte, hat in der Vergangenheit immer wieder unbekannte Acts unterstützt und dient vielen Musikfans als Gütesiegel. Jüngstes XL-Signing ist Holly Låpsley Fletcher, kurz Låpsley. Die 18-Jährige mit der glasklaren Stimme verschmilzt auf ihrer ersten EP „Understudy“ dezente Elektro-Klänge mit Pop-Sounds.

Ihr Label-Kollege Shamir Bailey, kurz Shamir, gehört ebenfalls zu den spannendsten Newcomern des Jahres. Der Sänger aus Las Vegas, der aussieht wie der „Prinz von Bel Air“ anno 1990, fällt mit durchgeknallten, quietschebunten Pop-House-Hybriden mit 80s-Twist und einer androgynen Stimme auf. Mit seinem fluffigen Sound dürfte Shamir vor allem Hipster-Herzen zum hüpfen bringen.

Ebenfalls bei XL Recordings unter Vertrag sind die beiden Pariser Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Diaz, die als Ibeyi – auf Yoruba „Zwillinge“ – zusammen Musik machen. Das Schwesternduo brilliert mit warmen Soul-Stimmen zu kühlen Elektro-Arrangements. Anspieltipp: Ibeyis Neo-Gospel „River“.

Auch einige deutsche Labels haben frische Töne: Lichtdicht Records, das Label von Milky Chance, hat Kafka Tamura gesignt. Der seltsam klingende Bandname leitet sich vom Protagonisten aus Haruki Murakamis Roman „Kafka am Strand“ ab. 2012 wurden die Band-Mitglieder via Soundcloud aufeinander aufmerksam. Patrick Bongers und Drummer Gabriel Häuser sind aus Leipzig, Sängerin Emma Dawkins stammt aus dem südenglischen Southampton. Die ersten Songs erinnern an den Zeitlupen-Pop von The xx, dominiert von der reifen Stimme der gerade mal 18-Jährigen Sängerin. Das Debütalbum des britisch-deutschen Trios soll im Juni erscheinen. Am 23. März sind Kafka Tamura in der Münchner Milla zu Gast.

SekuoiaDas Berliner Indie-Label Humming Records hat mit Sekuoia ebenfalls ein Jungtalent unter Vertrag genommen. Der dänische Elektro-Produzent lässt filigrane Electronica auf Hip-Hop-Beats prallen. Bislang hat er zwei EPs veröffentlicht – „Finest Ego Faces Series Volume 3“ (2012) und „Trips“ (2014) – und Bands wie Active Child, MØ und WhoMadeWho auf Tour begleitet. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 21-järhige Patrick Madsen aus Kopenhagen.

Auch der australische Singer/Songwriter Kagu ist neu bei Humming Records. Sean Heathcliffs hatte es in seiner Heimat mit seiner Band Snakadaktal bis in die Top 10 der Charts geschafft. Als Kagu macht er nun solo weiter und veröffentlichte bereits eine Handvoll Songs im Netz. „Human“ klingt nach Milky Chance, produziert von Chet Faker. Für März ist eine EP mit vier Titeln geplant.

Bereits vor zwei Jahren hatte Humming Records ein sicheres Händchen bei der Künstler-Auswahl bewiesen. Damals veröffentlichte das Label in Deutschland die ersten Songs sowie die EP „Hustler“ von Josef Salvat. Inzwischen hat der gebürtige Australier und Wahl-Londoner bei Sony Music unterschrieben. Der Major-Deal bescherte dem Sänger auch gleich einen Marketing-Coup: Dank eines TV-Spots schaffte es der 25-Jährige mit seinem Rihanna-Cover „Diamonds“ erstmals in die Charts. Das Album wird für Oktober erwartet. Mit seinen eleganten, brillanten Popsongs dürfte der Beau einigen Fans die Köpfe verdrehen.

Genau wie Jack Garratt, der mit betörend schönen, von Piano und dezenten Elektro-Beats sowie von seiner Falsett-Stimme getragenen R’n’B-Songs hypnotisiert. Der Sound des 23-jährigen Newcomers erinnert an den zerbrechlichen, modernen Soul von James Blake und Chet Faker.

Neben dem richtigen Label kann auch die Wahl des richtigen Produzenten entscheidend sein. Ariel Rechtshaid gehört zu den derzeit angesagtesten Hit-Machern. Zu seinen Kunden zählen Stars wie Kylie Minogue und Madonna, aber auch neue Gesichter wie Rae Morris. Die britische Singer/Songwriterin, bürgerlich Rachel Anne Morris (ihr Künstlername geht auf ihren verstorbenen Großvater Raymond zurück), arbeitete bereits mit dem Bombay Bicycle Club zusammen und erinnert mit ihren mal poppigen, mal experimentellen Songs mit gefühlvollen klassisch anmutenden Klavier-Parts an Florence And The Machine und Feist. In Kürze erscheint mit „Unguarded“ das Debütalbum der 22-Jährigen. Zu den bekanntesten Fans von Rae Morris gehört u.a. Chris Martin von Coldplay.

Auch prominente Künstler können Starthilfe leisten. Harry Styles, Mitglied der Boyband One Direction, verliebte sich in die zarten Elektro-Beats von US-Sängerin Ryn Weaver, und verhalf ihr dadurch zu weltweiter Aufmerksamkeit. Der aus Atlanta stammende Raury, der es übrigens unter die besten Fünf der BBC-Hotlist „Sound of 2015“ schaffte, mag Phil Collins genauso gern wie Kanye West. Mit seinem charmanten Hip-Hop-Folk ließ er u.a. Outkast und Lorde aufhorchen. Die neuseeländische Senkrechtstarterin – vor einigen Jahren selbst noch eine unbekannte Nachwuchssängerin – schnappte sich Raury für den Soundtrack zu „Die Tribute von Panem“.

Die britische Folk-Sängerin Bridie Monds-Watson alias Soak wurde von der Indie-Band Chvrches gefördert. Die 18-Jährige Singer/Songwriterin berührt mit zarten Folk-Nummern.

Längst kein Unbekannter mehr ist Soul-Sänger Kwabs, dessen tiefe, warme Soul-Stimme unter die Haut geht. Mit seiner Single „Walk“ landete der Londoner mit ghanaischen Wurzen bereits einen europaweiten Hit. Auch er hat mindestens einen hochkarätigen Celebrity als Fans: So trat Kwabs bereits im Buckingham Palace vor Prince Harry auf. Im Frühjahr soll das von Sohn produzierte Debütalbum von Kwabs erscheinen.

LeonBridges_ramboRoyale Verbindungen kann Leon Bridges zwar nicht vorweisen, aber dank seinen eindringlichen, von Blues und Gospel durchtränkten Songs dürfte die Anhängerschaft des Texaners in den kommenden Monaten rasch wachsen. Anders als viele junge Soul-Sänger unterlegt Leon Bridges seine Songs nicht mit kühl-minimalistischem Elektro-Gefrickel, sondern lässt dank erdigem Retro-Flair die Motown-Ära wieder aufleben.

Das Frauen-Quintett Nimmo zählt Agyness Deyn zu seinen Fans. Das Model und It-Girl war so begeistert von der Band, dass sie zum düsteren „Change“ auf eigenen Wunsch das Video drehte. Die beiden Frontfrauen Sarah Nimmo und Reva Gauntlett und ihre Band gehen als eine Art Disco-Version von The xx durch. Den melancholischen Synthie-Pop-Song „Jaded“ kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.

Den bekanntesten und einflussreichsten Fan hat aber Tobias Jesse Jr.: Adele schwärmte ihren über 21 Millionen Twitter-Followern von dem Singer/Songwriter vor und postete dessen Single „How Could You Babe“. Der kanadische Musiker, der sich in der Kreativmetropole Los Angeles niedergelassen hat, erinnert mit seinen sanften, melancholischen Piano-durchtränkten Stücken u.a. an Größen wie John Lennon und Elton John. Der Kanadier hat mit seinem Debütalbum „Goon“, das von Ariel Rechtshaid und Black-Keys-Drummer Patrick Carney produziert wurde, beste Chancen, 2015 durchzustarten. Es sei denn, Adele legt ihr drittes Album vor. Dann hätten es wohl alle Newcomer ziemlich schwer, sich ihren Platz zu sichern.

Rock’n’Roll!

Rauen Garagenrock gibt es von Slaves. Das Duo aus dem britischen Kent, bestehend aus Isaac Holman und Laurie Vincent, braucht – ähnlich wie Royal Blood – lediglich Drums, Gitarre und, nennen wir es Gesang, um alles wegzupusten.

Indie-Rock-Fans kommen auch bei der US-Band Hippo Campus, The Preatures um Sängerin Isabella Manfredi, der Londoner Indie-Band Gengahr sowie The Districts auf ihre Kosten. Die Band aus Philadelphia begeisterte beim letztjährigen SXSW, wo sie von Zuschauern als eine Mischung aus den frühen Kings Of Leon und Nirvana bezeichnet wurden. Von Grunge ließen sich auch Wolf Alice inspirieren. Die Band, deren Name auf eine Kurzgeschichte von Angela Carter zurückgeht, macht mit ihrer Debüt-EP „Creature Songs“ Bock aufs erste Studioalbum.

Bounce-Beats

Auch die Hip-Hop-Welt hat einige Newcomer am Start. Coole Gangsta-Poser machen Platz für clevere Wortakrobaten. Der Londoner Loyle Carner überzeugt mit intelligentem, tiefgründigen Tracks, während Rat Boy wie eine wilde Mischung aus den Libertines und The Streets daherkommt. Der 17-jährige Novelist, bürgerlich Kojo Kankam, haut rasante Raps zu kruden Grime-Beats raus. XL Recordings nahm ihn unter Vertrag, eine Kollabo mit Label-Kollege Jamie XX folgte.

Zu den Einflüssen des Londoner Rappers George The Poet, der es auf Platz fünf der „BBC Sound of 2015“-Liste schaffte, zählen neben Hip-Hop und Grime auch die verstorbene US-Schriftstellerin Maya Angelou. George Mpanga, so der Künstler mit bürgerlichem Namen, arbeitete bereits mit Emeli Sandé zusammen und war mit US-Star Nas auf Tour.

Prominente Unterstützung erhielt auch Hoodie Allen. Für seine Single „All About It“ machte der New Yorker mit dem (durchaus talentierten!) Hobby-Rapper Ed Sheeran gemeinsame Sache. Nach zwei EPs legt der Newcomer, der eigentlich Steven Markowitz heißt und dessen Pseudonym auf sein Faible für Woody-Allen-Filme zurückgeht, dieses Jahr sein Debütalbum „People Keep Talking“ vor. Der 26-Jährige setzt auf recht poppige Arrangements.

Auch ILoveMakonnen verspricht frischen Wind. Seine Debüt-Single „Tuesday“, für die er Unterstützung von Drake erhielt, wurde gleich mal für einen Grammy nominiert. Nach der selbstbetitelten EP soll 2015 das erste Album folgen.

Vince Staples, Mitglied des kalifornischen Odd-Future-Kollektivs, das bereits Tyler The Creator und Earl Sweatshirt hervorbrachte, hat sich genau wie seine Kollegen als Solo-Artist einen Namen gemacht. Der 21-jährige wird aufgrund seiner messerscharfen Rhymes und seines kruden Sounds bereits mit Rap-Erneuerer Kendrick Lamar verglichen. Nach Mixtapes und eigenen EPs steht Vince Staples dieses Jahr mit seinem ersten Album in den Startlöchern.

Und sonst so?

Optisch eine Mischung aus Sugababes, drei Fünfteln der Spice Girls und kaputten Atomic Kittens, verheißen Juce erst mal nichts Gutes. Aber das britische Trio liefert überraschend frische Popsongs, die den Sound von 90s-R’n’B-Trios wie SWV, TLC und Zhané aufleben lässt, verpackt in ein modernes Elektro-Gewand.

Die schwedische Band Kate Boy bringt uns mit ihrem leidenschaftlich groovenden Synthie-Pop den Frühling in die Bude. Wer auf die schwermütigen Sounds von London Grammar steht, dürfte bei Shake Shake Go auf seine Kosten kommen. Der Bandname geht auf die Idee eines sechsjährigen Jungen zurück, der die Band während ihrer Anfangszeit auf Londons Straßen gehört hatte. Trotz des beschwingt klingenden Namens machen Shake Shake Go eher zurückhaltenden Indie-Folk, der von der eindringlichen, und trotz ihres Alters reifen Stimme von Sängerin Poppy Jones getragen wird. Im März scheint mit „England Skies“ die erste EP des Quintetts.

Er lieh bereits Dance-Stars wie Avicii und Tiësto seine Stimme. Mit böllernden Beats hat der Sound von Andreas Moe zum Glück nichts zu tun, nachzuhören auf seiner Debütsingle „Ocean“. Der Folk-Song geht sofort ins Ohr. Davon hat der schwedische Singer/Songwriter noch mehr auf Lager. Nach seinen bisher veröffentlichten EPs „Collecting Sunlight“ (2012) und „This Year“ (2013) legt Andreas Moes 2015 sein Debütalbum über Sony Music vor.  

Das World Wide Web lässt die Welt nicht nur näher zusammenrücken, sondern weicht auch Genregrenzen immer mehr auf. Ähnlich wie der venezolanische Produzent Arca weisen Future Brown den Weg in die Zukunft. Das Kollektiv setzt sich aus dem kalifornischen Produzenten-Duo Nguzunguzu, dem New Yorker DJ J-Cush und der in Kuwait geborenen Wahl-Londonerin Fatima Al Qadiri zusammen. Ihre diversen Einflüsse, darunter Hip-Hop, Pop und Dancehall, verschmelzen in ihrem futuristischen Sound: zerstückelte Beats, kühle Synthies, düstere Melodien. Für ihr Debüt, das im Frühjahr beim britischen Label Warp Records erscheint, schnappten sich Future Brown u.a. Sängerin Kelela sowie US-Rapper Tink.

An guter Musik wird es uns in den kommenden Monaten also nicht fehlen. Und wer weiß, vielleicht strahlen manche dieser Sterne in einigen Jahren noch heller.

Fotos: Universal Music, Warner Music, Sony Music, Flavien Prioreau