Ryan Adams ruft, Kerstin fliegt. Die neueste Episode in Sachen Konzerttourismus führte nach Stockholm. Was bleibt einem in Ermangelung deutscher Tourtermine auch anderes übrig? Es gibt nicht (mehr) viele Künstler, für die ich den Koffer packe, aber beim musikalisch begnadeten Katzenflüsterer bin ich machtlos. Zurück in Deutschland bleibt die Erinnerung an eine weitere wunderbare Show, deren Setlist es am Ende als Playlist für euch zum Nachhören gibt.

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Zum Konzert gehts mit der Fähre, gegen 19:00 Uhr zittern wir erwartungsvoll an der Anlegestelle. Der sonnige Nachmittag hat einem stürmisch frostigen Abend Platz gemacht, über dem Königspalast glitzert ein Feuerwerk. In meinem Kopf läuft „Firecracker“ als wir wenig später in Djugården von Bord gehen und den ehrwürdigen Cirkus betreten. Eine wunderschöne Location, und wie unser Münchner Pendant eine ehemals permanente Manege, die jetzt die besten Shows der schwedischen Hauptstadt beherbergt.

Beim Drink in der Cirkus Bar – die auch an diesem Abend für jedermann geöffnet ist, ob mit Ticket oder ohne – tummelt sich augenscheinlich die Stockholmer Konzertelite bei erlesenen Bieren und Nüsschen. Während die bezaubernde Lokalität mit ihrem vielen Gold, den Kristalleuchtern und dem uniformierten Barpersonal wie aus der Zeit gefallen scheint, könnten weite Teile des Publikums einem Trendbericht für 2016 entsprungen sein. Ich fühle mich wie in einem Wes Anderson Film, surreal aber schön. Auf meine Mischung aus Vorfreude und Aufregung gieße ich noch ein kühles Staropramen bevor wir den Theaterglocken in die Arena folgen, wo Natalie Prass schon den ersten Song spielt.

Als Support nimmt sich Ryan Adams zuletzt immer recht talentierte Damen mit tadelloser Stimme mit. Das macht durchaus Sinn, wenn man bedenkt, dass viele seiner frühen Klassiker (solo oder aus Whiskeytown-Zeiten) Duette sind, und er sich die Lady der Stunde bequem für die entsprechenden Stücke ausleihen kann. Leicht entrückt aber mit glasklarer Stimme schwoft Fräulein Prass, die einer Elbengang aus „Herr der Ringe“ entsprungen zu sein scheint, mal gitarrespielend, mal einen Plastikgodzilla spazierentragend an der schattigen Bühnenkante entlang und macht dabei eine durchaus gute Figur. Noch am Vorabend in Kopenhagen musste Adams selbst den Support-Slot übernehmen, da Prass den Flieger verpasst hatte. Er schmiss sich in ein Polkadot-Dress, schnallte die Gitarre um und riss als „Natalie SAS“ mal eben ein Aufwärm-Set runter. Der Typ ist einfach Wahnsinn! Anscheinend war’s auch mit Stockholm kurz vor knapp, und sei mir nicht böse liebe Natalie, aber Mr. Adams als dein Alter Ego hätte ich schon auch gern gesehen… Bei zwei Songs lässt er sich dann auch unterstützend auf der Bühne blicken, bevor wir den Change Over für einen zweiten Besuch in der Wes Anderson Bar nutzen.

Knapp drei Jahre nach dem letzten Konzert in Paris steht er dann wieder leibhaftig vor einem. Diesmal mit seiner Band The Shining – Schlagzeug, Bass, Orgel und eine zweite Gitarre. Das Bühnenbild ist vertraut, kennt man es doch inzwischen aus den regelmäßg getwitterten Live-Fotos und den Aufzeichnungen seiner Auftritte vom iTunes Festival oder bei Austin City Limits. Das nerdig verspielte Setup bildet einen willkommenen Kontrast zu seiner hyperprofessionellen, makellosen Performance. Blinkende Arcade-Automaten, überdimensionale Fake Amps, ein riesiger Stoff-Tiger und eine spooky Pappkatze, die obligatorische USA-Flagge mit Peace-Zeichen und nicht zu vergessen der Säbel am Mikroständer. Ich muss glatt an die „Game Of Thrones“ Ausstellung vom Vormittag denken, aber das ist eine andere Geschichte…

Als Opener gibts das glorreiche „Gimme Something Good“ vom letzten Album gefolgt vom Cold Roses Klassiker „Let It Ride“ bevor bei „Stay With Me“ Tom Petty besonders schön grüßen lässt. Mit „Dirty Rain“ (Ashes & Fire) haut er uns dann mal seine komplette stimmliche Bandbreite um die Ohren und spätestens jetzt wird klar, das hier ist oberste Oberklasse. Nicht nur, dass er quasi jährlich Alben auf höchstem Niveau herausbringt (ganz zu Schweigen von denen, die er nicht herausbringt), er scheint auch live immer noch besser zu werden. Wie absolut mühelos er diese Songs singt, dazu exzellent Gitarre spielt und streckenweise auch noch Mundharmonika – alter Schwede! – das ist schon fast unheimlich. Manchmal wünscht man sich nur den kleinsten Patzer um die Bestätigung zu haben, dass er wirklich ein Mensch ist.

Die Zeiten in denen ein wildgewordener Ryan Adams, immer am Rande des Kollaps über die Bühnen tobte sind vorbei. Dem Exzess abzuschwören war sicher die richtige Entscheidung, dennoch hatte die Ära in denen bei seinen Shows immer das Unberechenbare mitschwang, schon auch was. Für die Energie und den Nervenkitzel ließ man dann im Zweifel auch gern mal einen kolossalen Wutausbruch des Meisters über sich ergehen. Heute Abend richtet er kaum mehr als drei Sätze ans Publikum, was wirklich schade ist, denn Adams ist ein wahnsinnig guter Geschichtenerzähler und dazu unglaublich witzig. Was er zum Teil an skurrilen Schoten auf Shows zum Besten gibt, ist unglaublich. Wer denkt sich sowas aus? Ich vermisse das heute schmerzlich, schließlich bringt es kein anderer Künstler fertig mir kurz nach einem ordentlichen Lachanfall die Tränen in die Augen zu treiben.

ra1Letzteres schafft er dann aber doch fast mit dem atemberaubend schönen „Dear Chicago“. Mir ist unfassbar heiß, aber die Gänsehaut kriecht über den ganzen Körper. Die bleibt auch bei „This House Is Not For Sale“ und der fantastischen Akustikversion von „Winding Wheel“. Die bricht er nach Strophe eins ab um seinem Ärger über die wiederholten Blitzfotos Luft zu machen. Als Fan weiß man, dass sie Gift für ihn sind. Seit einigen Jahren leidet er an Morbus Menière, einer Erkrankung des Innenohrs, deren Symptome durch grelles Licht verstärkt werden. Entsprechend waren in der Location zahlreiche Hinweise angebracht (vielleicht hätte aber auch ein kurze Durchsage vor Show-Beginn nicht geschadet). Und so redet er sich dann einmal an diesem Abend kurzzeitig in Rage und wettert gegen den Smartphone-Wahn auf Konzerten. “You are at a concert, put your fucking phone down and engage! Get a life! Get a fucking life!”. Amen.
Erstaunlicherweise spielt er dann den Song weiter, als wäre nichts gewesen und arbeitet sich durch ein Set, das man nur als Best Of einer Werkschau über seine inzwischen 15jährige Karriere und noch mehr Alben bezeichnen kann. Wir hatten am Vorabend noch wildeste Rechnungen angestellt, wie viele Shows Adams spielen könnte, ohne auch nur einen Song zweimal auf die Setlist packen zu müssen. Wir kamen auf eine leicht absurde Anzahl zwischen 20 und 25. Die Songauswahl bei der aktuellen Tour variiert aber überraschenderweise nur minimal. Vielleicht auch ein Grund dafür, warum das hier alles nach absoluter Perfektion klingt. Es ist ein hervorragender Querschnitt, wenn auch sehr ruhig und routiniert. Ein bisschen von der alten Impulsivität und ein paar Kanten hätten vielleicht gut getan. Die Momente, in denen sich die Band mal ansatzweise austoben darf, sind sehr rar gesäht. Auch hätte es hier und da gern einen Tick lauter sein dürfen, aber gut, das ist jetzt wirklich Jammern auf sehr hohem Niveau. An dieser Stelle muss es natürlich gesagt werden: „Good job, Charlie!“

Was mir bei dieser Show aber einmal mehr und wiederholt durch den Kopf geht ist, welch unfassbare Bandbreite seine Musik hat und wie lässig perfekt er in jedem Genre zuhause ist. Das ist kein Talent mehr, das ist Genialität. Akustisch reduziert oder mit Band, klassische Country-Perlen, poppiges, bluesiges, 70ies Rocknummern oder Punkrock, sein Repertoire, seine Skills und sein Musikwissen sind immens. Dieser Mann spielt in seiner eigenen Liga. (Darüber habe ich mich ja an anderer Stelle schonmal ausgiebig ausgelassen). Eigentlich ist Ryan Adams Mister Americana. Seine Musik ist ein Abbild der USA, eine songgewordene musikalische Zeit- und Landkarte. Und dazu braucht er, im Gegensatz zu den geschätzten Foo Fighters, weder ein aufwändig vermarktetes Konzeptalbum noch eine begleitende Fernsehserie mit Obama-Interview. Er spielt einfach ein knapp 2-stündiges Konzert. Das ist der Unterschied zwischen einem Ryan Adams und einem Dave Grohl. Der erste ist vor allem ein begnadeter Musiker, der zweite ein begnadeter Entertainer. Aber jeder hat seinen Platz.

ra2Wir freuen uns über den Cold Roses Opener „Magnolia Mountain“, die catchy NYC-Hymne „New York, New York“, „Kim“ und den Deluxe-Ohrwurm „Everybody Knows“. Alles vorm glitzernden Oldschool-LED-Sternenhimmel-Backdrop. Mit „Blue Light“ spielt er auch die nächste Single aus seiner PAX-AM Series, die demnächst erscheinen wird. Was dann folgt, ist das ultimative Hardcore-Herzschmerz-Trio. Als er Natalie Prass „My Baby Don’t Understand Me“ allein an der Akustik-Gitarre covert, verrät nur die Tatsache, dass ihn Prass bereits in ihrem Set gespielt hat, dass es nicht sein eigener Song ist. Ein Phänomen, wie er sich jegliches Material zu eigen machen kann. Beim minimalistischen „I Love You But I Don’t Know What To Do“ schluckt man dann mehrfach den riesigen Kloß im Hals runter, bevor sich Natalie mit der Zweitstimme beim immer wieder überirdischen „Oh My Sweet Carolina“ (eine meiner musikalischen Achillesversen) revanchiert. Wow.

Kurze Erholung mit „Trouble“ und dem erhebenden „La Cienega Just Smiled“ und danach beschließt mit „I See Monsters“ fast eine kleine Rarität das Set. Ich glaube, den hab ich noch nie live von ihm gehört. Toll, toll, toll, vor allem wie der Song am Ende in ein kleines Noise Gewitter inklusive punkrockiger Gitarrensoli ausufert. Völlig unerwartet, völlig großartig, wie wir hier nochmal mit einem ordentlichen Wumms aus der ruhigen Gangart gerissen werden. Zur Zugabe darf Natalie nochmal ran. Diesmal mit Wikingerhelm. What? Die wird doch hier für den verpassten Flieger bestraft und muss sich für Kollege Adams zum Äffchen machen. Mit einer tadellosen Version von „Come Pick Me Up“ inklusive gewohnt herzzerreißenden Mundharmonika Parts entlassen uns Adams und seine Elbenfreundin in die kalte, klare Nacht.

Am Ende bleiben Euphorie, Erschöpfung und ein paar Fragen. Warum roch der Nebel nach Weihrauch? Was hatte es mit Godzilla auf sich? Welches Spiel lief auf dem zweiten Arcade Automaten (Space Invaders und……..???) und wieso kauft der Schweden-Papa vor uns seinem 1,50 m großen Sohn keine Sitzplatzkarte? (Rabenelternalarm!) Wir werden es wohl nie erfahren und das ist wahrscheinlich auch gut so. Ein bisschen Mysterium muss sein.

Zurück daheim wirkt das Erlebte immer noch nach und das ist es auch, was Ryan Adams Konzerte so besonders macht. Sie sind extrem intensiv und so bleibt die Erinnerung daran auch noch sehr lange, sehr lebendig. Man will sich einfach nicht losreissen von dem magischen Moment. Und so begrüßt mich im Wohnzimmer als Platte des Monats auch immer noch sein letztes, selbstbetiteltes Album. Der Kalender wurde schon einige Male umgeblättert und es gab durchaus Anwärter auf den Platz im goldenen Rahmen, aber noch kann ich mich nicht trennen. Fragt mich am Besten nochmal im April…

Und hier jetzt zum Nachhören die Setlist der Show, mit Ausnahme von „Blue Light“, das ja noch nicht erschienen ist. Heizung auf Anschlag, eine Portion Weihrauch abfackeln und gedanklich in den Norden beamen! Viel Vergnügen. (Wenn’s nicht läuft, einfach kurz kostenlos bei Spotify anmelden.)

Ryan Adams @ Cirkus Stockholm am 10. März 2015

 

Fotos: https://www.facebook.com/ryanadams